Morgenandacht, 23.01.2015

von Johannes Schießl aus München

Hoffnung

„Hoffentlich wird morgen das Wetter wieder schön.“ Das Wortfeld „hoffen“ verbindet sich heutzutage meist mit recht konkreten Zielen. Die Hoffnung hat sich klein gemacht zur „Hoffnung auf…“ gutes Essen, Wohlergehen, Gesundheit und so weiter. Mit den alten Darstellungen einer jungen Frau im grünen Gewand, die mit Anker und Blick nach oben dargestellt ist, kann heute kaum noch jemand etwas anfangen.

Darum lohnt ein Blick auf die Hoffnung als einen uralten Begriff, der in der Philosophie und auch in der Religion eine relativ zentrale Rolle spielt oder zumindest gespielt hat. Während antike Philosophen die Hoffnung – ähnlich wie ihre Gegenspielerin, die Furcht – unter die Leidenschaften rechneten, zählt die christliche Theologie die Hoffnung zusammen mit Glaube und Liebe zu den so genannten drei „göttlichen Tugenden“.

Tugend – schon wieder so ein altmodischer Begriff, möchte man meinen. Gemeint sind mit diesen Tugenden Geschenke der Gnade Gottes, die den Menschen dazu befähigen, dem Anruf Gottes zu antworten. In diesem Sinn fasst es kein Geringerer als Thomas von Aquin in seiner „Summe der Theologie“ zusammen. Bei der Hoffnung geht es dabei letztlich um die Zuversicht auf ein vollkommenes Leben nach dem Tod.

Interessant ist, dass auch für den großen deutschen Philosophen Immanuel Kant die Beantwortung der grundlegenden Frage „Was darf ich hoffen?“ eine Sache der Religion ist. Später dann hat der Marxismus das Ziel der Hoffnung ins Diesseits verlegt. Daran stimmt, dass Hoffnung nicht nur aufs Jenseits vertrösten darf. Andererseits aber ist festzuhalten: Alles Innerweltliche bleibt unvollständig.

Weiter gedacht hat der Tübinger Philosoph Ernst Bloch in seinem Buch mit dem Titel „Prinzip Hoffnung“: Der Mensch trage den Traum von einer besseren Welt in sich, die zwar – wie er sich ausdrückt – „utopisch“ bleibt, aber doch sein Handeln antreibt – sei es nun in der Politik, im Sozialen, in der Kunst oder der Religion.

Und wie sieht es in der Bibel aus? Schon im Alten Bund verknüpft sich die Hoffnung ganz mit Jahwe. So heißt es im Psalm 25: „Denn niemand, der auf dich hofft, wird zuschanden … Auf dich hoffe ich allezeit.“ Diese Verse standen später Pate für den Schluss-Satz des „Te Deum“, des großen Lobgesangs der Kirche. Dort heißt es: „Auf dich habe ich meine Hoffnung gesetzt, in Ewigkeit werde ich nicht verloren sein.“

Die Hoffnung der Christen richtet sich also – man denke nur an das Vater unser – auf das „Reich Gottes“, den zentralen Begriff in der Verkündigung Jesu. Dieses „Reich Gottes“ hat eine endzeitliche und eine innerweltliche Dimension, das heißt: Es kommt am Ende der Zeit, ist aber anfanghaft schon angebrochen. Für den Völkerapostel Paulus ist die christliche Hoffnung begründet durch das bisherige Handeln Gottes an den Menschen und zielgerichtet auf das, was Gott noch zur Vollendung des Menschen wirken wird.

Hoffnung kann nicht vereinzelt gelebt werden, sie muss immer „solidarische Hoffnung“ sein, wie es der Theologe Johann Baptist Metz formuliert hat. Sie ergreift Partei für die Opfer von Ungerechtigkeit. Oder wie Papst Benedikt in seiner Hoffnungsenzyklika von 2007 schreibt: „Hoffnung im christlichen Sinn ist immer auch Hoffnung für die anderen.“

Die Kirche von heute will sich identifizieren mit „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen“, wie eine berühmt gewordene Formulierung des Zweiten Vatikanischen Konzils („Gaudium et spes“) lautet. Auch wenn die Lebenswelt der Moderne sich immer weiter aufsplittert – oder vielleicht sogar gerade deswegen – ist der Horizont der christlichen Hoffnung eine tragfähige Lebensperspektive.

Dazu noch einmal Papst Benedikt in „Spe salvi“: „Wer Hoffnung hat, lebt anders: Ihm ist neues Leben geschenkt.“ Das darf freilich nicht auf das stille Kämmerlein beschränkt bleiben. Heißt es doch bereits im ersten Petrusbrief: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ Das greift viel weiter als die Hoffnung auf gutes Wetter. Obwohl auch das schön ist.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 23.01.2015 gesendet.


Über den Autor Johannes Schießl

Dr. Johannes Schießl, geboren 1964, arbeitet seit 2012 als Studienleiter der Katholischen Akademie in Bayern. Er hat Philosophie an der Münchner Jesuiten-Hochschule studiert und war über 14 Jahre lang Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche