Spurensuche, 04.06.2016 

von Pater Heribert Arens OFM aus Vierzehnheiligen

Barmherzigkeit – eine Tugend

„Jesus und die Ehebrecherin“ Skizze: Rembrandt [Public domain], via Wikimedia Commons

Barmherzigkeit ist mehr als eine Sache des Herzens und des Mitfühlens: Für Pater Heribert Arens von der katholischen Kirche zeigt sich in Jesu Verhalten: Barmherzigkeit ist eine Tugend, die mit Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit einhergeht.

Die Schriftgelehrten und die Pharisäer zerren eine Frau zu Jesus. „Meister“, sagen sie, „diese Frau haben wir beim Ehebruch ertappt. Mose schreibt uns im Gesetz vor, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?“ Mit dieser scheinheiligen Frage wollen sie ihn in eine Falle locken, denn sie suchen nach einem Grund, ihn aus dem Weg zu schaffen.

Seine Antwort überrascht: Er sagt nichts. Stattdessen schreibt er mit dem Finger in den Sand und macht den Eindruck, als ginge ihn das alles nichts an. Sie bohren hartnäckig weiter. Da schaut er sie der Reihe nach an und fordert sie auf: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ Dann bückt sich und schreibt weiter in den Sand. Keiner hebt einen Stein auf. Verlegen stiehlt sich einer nach dem anderen davon. Jesus bleibt allein zurück mit der Frau. Er sieht sie an und fragt: „Wo sind sie denn alle? Hat dich keiner verurteilt?“ „Keiner!“, ist ihre Antwort. Da sagt ihr Jesus: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige nicht mehr! Mach’s gut!“ (Joh 8,1-11).

Jesus stellt sich schützend vor die Frau.

Barmherzigkeit ist eines der zentralen Themen Jesu. Diese sympathische Begebenheit macht mir deutlich, dass Barmherzigkeit mehr ist als eine Sache des Herzens und des Mitfühlens. Barmherzigkeit ist auch eine Tugend, die mit Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit zu tun hat, die den Mut beweist, sich schützend vor einen Menschen zu stellen. Jesus stellt sich schützend vor diese Frau. Damit sagt er nicht, dass sie ein Unschuldslamm ist. Das lässt er offen. Sich schützend vor einen Menschen stellen, auch wenn er schuldig ist, heißt nicht, seine Schuld ignorieren, sie klein reden oder gar leugnen. Jesus lässt den Vorwurf einfach im Raum stehen – aber er stellt sich vor die Frau.

Und dann konfrontiert er die Ankläger mit einer entlarvenden Frage, die sie sprachlos macht: Sitzt ihr nicht alle im gleichen Boot? Ist einer unter Euch, der ohne Schuld ist? Seid ihr nicht alle auf Barmherzigkeit angewiesen, statt auf Hartherzigkeit zu prallen?“ Das fragen seine Augen. Sein Mund sagt nur: „Wer von euch ohne Sünde ist, der darf den ersten Stein auf diese Frau werfen.“ Und er kann sicher sein: Wenn diese Herren ehrlich sind, bleiben die Steine liegen. Und sie blieben liegen.

Immer wieder werden Menschen zu Opfern, wenn sich nicht andere schützend vor sie stellen. Immer wieder gibt es Situationen, in denen ein Mensch Schutz braucht, ob er schuldig ist oder nicht. Es kann ja sein, dass er falsch gehandelt und Schuld auf sich geladen hat. Aber das macht ihn doch nicht zum Freiwild! Es darf doch keiner mit Steinen auf mich werfen, weil ich etwas falsch gemacht habe? Erst recht braucht der Schutz, der sich nichts hat zuschulden kommen lassen, auf den andere sich einfach eingeschossen haben, weil sie Eigenschaften an ihm nicht mögen, weil sie neidisch auf das sind, was er hat und sie nicht, weil ihnen seine Nase als Ausländer nicht passt. Da lassen sich manche zu roher Gewalt hinreißen. Oder sie steinigen einen Menschen mit bösen Worten. Wenn sich dann nicht jemand schützend vor dich stellt, bist du geliefert.

Mut zur Zivilcourage

Beeindruckend, wie sich Jesus schützend vor die Frau stellt und gleichzeitig den ei-genen Kopf aus der Schlinge zieht. Raffiniert waren diese Herren ja schon: Denn sagt er: „Bringt sie um, sie hat es verdient!“, erweist er sich als unbarmherzig. Sagt er: „Steinigt sie nicht“, stellt er sich gegen das Gesetz des Mose. Doch, das hatten sie raffiniert eingefädelt!

Wer sich schützend vor einen anderen Menschen stellt, braucht dazu eine gehörige Portion Mut, denn er selbst kann am Ende der Geschädigte sein. Um des Lebens willen wünsche ich vielen diesen Mut, denn die Zahl derer, die Schutz brauchen, ist groß: die Nachbarin, über die übel geredet wird, der Kollege, der gemobbt wird, der Flüchtling, der sich – vor Gewalt und Krieg geflohen – hier neuer Gewalt ausgesetzt sieht. Darum bewundere ich jeden, der Zivilcourage beweist, und sich schützend vor andere Menschen stellt – wie Jesus, der sich schützend vor die Ehebrecherin gestellt hat.


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Dieser Beitrag wurde am 04.06.2016 gesendet.


Über den Autor Bruder Heribert Arens OFM

Bruder Heribert Arens OFM ist Franziskaner und lebt im Franziskanerkloster Vierzehnheiligen in Oberfranken. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, insbesondere zu Predigt und Spiritualität. Er ist Mitarbeiter bei der Zeitschrift "Der Prediger und Katechet" und Mitglied im Kuratorium für den "Deutschen Predigtpreis". 

Kontakt

heribert.arens@franziskaner.de

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