Spurensuche, 21.05.2016 

von Pater Heribert Arens OFM aus Vierzehnheiligen

Die Barmherzigkeit des Samariters

„Der Barmherzige Samariter“ von Alfréd Justitz. Bild: Alfréd Justitz (Sophistica) [Public domain], via Wikimedia Commons

Sich berühren lassen verändert die Welt: Franziskanerpater Heribert Arens von der katholischen Kirche sieht im Gleichnis vom barmherzigen Samariter die Schritte zu einer gelebten, echten Barmherzigkeit.

Ein Mann geht von Jerusalem nach Jericho. Räuber überfallen ihn, plündern ihn aus, schlagen ihn zusammen und lassen ihn halbtot am Wegrand liegen. Diese Erzählung, überliefert vom Evangelisten Lukas, wird Ihnen bekannt sein (Lk 10,25-37). Und Sie wissen wahrscheinlich auch, wie sie weitergeht: Ein Priester kommt vorbei. Er sieht den Zusammengeschlagenen zwar, geht aber weiter. Warum er es so eilig hat, bleibt sein Geheimnis. Als zweiter kommt ein Levit vorbei. Leviten sind Gottesdiensthelfer im Tempel. Auch er sieht den Überfallenen – und auch er geht weiter. Auch bei ihm er-fahren wir nicht, warum.

Seltsam ist das schon: beide sehen ihn: einen Menschen in Not, einen Menschen, der dringend Hilfe braucht – und beide gehen an ihm vorbei. Haben die denn kein Herz für den, der zusammengeschlagen an ihrem Weg liegt? Spüren sie die wortlose Herausforderung: „Ich kann nicht mehr. Ich bin fertig. Hilf mir“ nicht mehr? Oder ist ihnen der Gottesdienst, der sie in den Tempel ruft, wichtiger, als einem in Not Geratenen beizustehen? Christen fällt es ja bis auf den heutigen Tag schwer, den Gottesdienst und das alltägliche Leben in Einklang bringen.

„Den kann ich doch nicht liegen lassen“

Und dann kommt dieser Fremde, ein Mann aus Samaria. Diesem Mann verdanken es die sicher nicht sonderlich tugendhaften Samariter – so jedenfalls war ihr Ruf –, dass ihr Name bis zum heutigen Tag für praktizierte Barmherzigkeit steht. Er sieht den Zusammengeschlagenen und spürt sofort: „Den kann ich doch nicht einfach liegen lassen.“ Darum geht er ohne langes Überlegen zu dem Verwundeten, behandelt seine Wunden, hebt ihn auf sein Reittier und bringt ihn in die nächste Herberge. Bevor er weiterreist, sorgt er dafür, dass der Mann gut versorgt ist.

Das ist die Geschichte vom „barmherzigen Samariter“. Eines hat dieser Fremde mit dem Priester und dem Leviten gemeinsam: Er sieht den Zusammengeschlagenen am Straßenrand. Das ist die erste Voraussetzung für gelebte Barmherzigkeit. Was ich nicht sehe, das fordert mich auch nicht heraus – eine Binsenweisheit. Alle drei sehen den Mann. Wie oft laufe ich an Dingen vorbei, ohne sie zu sehen? Ich bin mit etwas so beschäftigt, dass ich keine Augen mehr für anderes habe. Ich laufe an Bekannten vorbei, ohne sie zu grüßen, denn ich sehe sie einfach nicht, so gefesselt bin ich von dem, was mich beschäftigt. Alle drei sehen ihn: bis dahin ist ihre Geschichte die gleiche. Doch dann trennen sich die Wege: der Priester geht vorbei und auch der Levit. Sie haben wohl Bedeutenderes zu tun. Vielleicht haben sie auch Angst, sich auf etwas einzulassen, was vereinnahmend werden könnte.

Der Samariter macht es anders – wahrscheinlich, weil er nicht nur mit den Augen, sondern mit dem Herzen sieht, weil er nicht nur mit den Ohren hört, sondern mit dem Herzen. Darum nimmt er den stummen Hilferuf des Zusammengeschlagenen wahr. Aus dem „Da liegt einer“ wird ein: „Da braucht mich einer“. Das macht die Begegnung zur Herausforderung.

Mit dem Herzen hat er den wortlosen Hilfeschrei wahrgenommen. Das lässt ihn innehalten. Jetzt kommt das Entscheidende. Er könnte ja an dieser Stelle stehenbleiben und sich denken: „Dieses arme Schwein! Hab ich ein Glück, dass die nicht mich erwischt haben.“ Oder er könnte sich abwenden und sagen: „Ich kann das nicht mit ansehen.“ Und dann würde auch er weitergehen. Entscheidend ist: er lässt sich vom Schicksal dieses Menschen berühren. „Sich berühren lassen“ verändert die Welt.

Der entscheidende Schlüssel

Es gibt so viele, von denen sagt man: „Den berührt aber auch gar nichts.“ Mich berühren lassen – das ist der entscheidende Schlüssel zur Barmherzigkeit. Das beeindruckt mich an Jesus. Leidende Menschen versuchen, ihn zu berühren. Und er lässt sich berühren. Die körperliche Berührung ist dabei Zeichen, dass er auch seine Seele berühren lässt. Und wo die Seele sich berühren lässt, da bekommt die Barmherzigkeit Hand und Fuß. Das zeigt uns Jesus im Gleichnis vom Samariter: er geht zum Überfallenen und hilft ihm. Er handelt, er tut etwas.
Sehen – mit dem Herzen sehen – sich berühren lassen – handeln: das sind Schritte zur gelebten Barmherzigkeit.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 21.05.2016 gesendet.


Über den Autor Bruder Heribert Arens OFM

Bruder Heribert Arens OFM ist Franziskaner und lebt im Franziskanerkloster Vierzehnheiligen in Oberfranken. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, insbesondere zu Predigt und Spiritualität. Er ist Mitarbeiter bei der Zeitschrift "Der Prediger und Katechet" und Mitglied im Kuratorium für den "Deutschen Predigtpreis". 

Kontakt

heribert.arens@franziskaner.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche