Am Sonntagmorgen, 01.05.2016 

von Silvia Katharina Becker aus Bonn

Achtsamkeit als Weg christlicher Spiritualität

Autorin
Eine Wohnung in der Kölner Innenstadt. Viele Bücher, viele CDs. Rheinnähe. An der Wand hängt ein großes Kreuz direkt über dem Schreibtisch, auf dem der Laptop flimmert. Hier lebt und arbeitet Ralf Braun. Ralf Braun ist katholischer Theologe, war lange in der Gemeindearbeit und in leitender Funktion in der Jugendseelsorge tätig. So weit, so normal. Aufhorchen lässt, dass er eine Fortbildung in analytischer Psychologie und Seelsorge absolvierte und ausgebildeter Exerzitienbegleiter für die vielleicht anspruchsvollste Form der Exerzitien ist: die ignatianischen Exerzitien nach Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens. Diese geistlichen Übungen bilden seit dem 16. Jahrhundert den spirituellen Dreh- und Angelpunkt des Ordens. Mittlerweile werden sie auch von suchenden Christinnen und Christen aller Konfessionen stark nachgefragt. Ziel: die Menschen, die sich dafür längere Zeit in ein Kloster oder Exerzitienhaus zurückziehen, wieder in Berührung mit sich selbst und mit Gott bringen. Bis 2014 leitete Ralf Braun in der Abgeschiedenheit der Eifel ein solches Exerzitienhaus – ein ideales Umfeld für geistliche Übungen aller Art. Nun aber hat er etwas getan, was für Theologen durchaus ungewöhnlich ist. Er hat sich in Köln selbständig gemacht: als Seelsorger, geistlicher Begleiter und als Lehrer für Achtsamkeit.

Ihm ist dabei durchaus bewusst: Achtsamkeit ist mittlerweile ein inflationärer Begriff. Sie wird bisweilen gehandelt, als sei sie ein Wundermittel gegen Depressionen, mobbende Kollegen, Hühneraugen und schlechte Laune und was es sonst noch an Malessen gibt. Ein echter Boom, auf den jetzt auch noch die Theologie aufspringt?

Ralf Braun sieht dies ein bisschen anders. Das Thema wurde gewissermaßen von außen an ihn herangetragen:

Ralf Braun
„Ich war jahrelang schon in der Exerzitienarbeit tätig, in einem Exerzitienhaus, und habe dort festgestellt, dass sehr viele der Gäste - nach ihrer Motivation befragt, warum sie gerne Exerzitien machen -, dass die dann äußerten: Sie müssten erstmal zur Ruhe kommen, sie müssten mal raus aus dem Alltagsstress und zu sich kommen. Es war dann oft begleitet von dem starken Eindruck, dass die Leute erschöpft sind. Mich bewegte dann daran einerseits, dass ich natürlich froh war, dass die Exerzitien machten. Auf der anderen Seite aber auch, dass ich dachte: Naja, aber so ganz genau beantworten wir deren Bedürfnis ja nicht, sondern es müsste was anderes geben, was da besser drauf passen könnte.“

Autorin
So suchte er nach einem geeigneten Angebot und stieß dabei zufällig auf das Programm „mindfullness based stress reduction“ (mbsr) nach Jon Kabat-Zinn. Schon bald entschloss er sich für eine Weiterbildung als Lehrer für Stressbewältigung durch Achtsamkeit. Und machte eine interessante Entdeckung:

Ralf Braun
„Ich habe dann festgestellt, dass diese Idee oder dieses Konzept von Achtsamkeit, das ja in der christlichen Spiritualitätsgeschichte eigentlich gar nicht vorkommt, dass das aber eine sehr starke Nähe zu vielen Elementen aus der christlichen Spiritualitätsgeschichte hat. Zum Beispiel zu den Exerzitien des Ignatius von Loyola. Auf meinem persönlichen Weg, als ich dann eben auch diese Achtsamkeitspraxis kennengelernt habe, habe ich festgestellt, dass ich das eigentlich schon seit Jahrzehnten geübt habe, wenn es nämlich darum ging in der christlichen Tradition, das zu praktizieren, was Leben in der Gegenwart Gottes meint.“

Autorin
Beim Konzept der Achtsamkeit handelt es sich um eine uralte Methode, mit der Wirklichkeit umzugehen, die aus der buddhistischen Tradition kommt, ja, sogar auf die Lehren des Buddha selbst zurückgeht. Aber, so Ralf Braun, es handelt sich dabei um „Prinzipien und Methoden, die vielen Weisheitstraditionen und Religionen zu eigen sind, es handelt sich um Menschheitswissen, um etwas, das in allen Menschen angelegt ist.“1)  

Im Grunde geht es um etwas sehr Einfaches, sehr Schlichtes: nämlich darum, ganz im Hier und Jetzt zu leben, vollständig im Augenblick zu sein. Aber häufig ist das ganz Einfache dann doch auch das Schwerste. Und so braucht es Methoden und Übungen, damit sich der Mensch das verlorene „Jetzt“ wieder aneignet.  

Ralf Braun
„Zunächst einmal geht es bei den Übungen ja immer nur darum, die Aufmerksamkeit zum Beispiel auf den Körper, auf das Atmen zu lenken. Dann im weiteren Fortschreiten des Übens dann auch bewusst auf die Emotionen oder auf die Gedanken zu lenken.“

Autorin
Allerdings – und genau das ist häufig das Problem – sollten die Empfindungen und Gedanken, die in der Köperwahrnehmung oder in der Meditation aufsteigen, nicht vorschnell beurteilt und bewertet werden. Achtsamkeit fragt, so bringt es Ralf Braun auf den Punkt, „’Was ist jetzt?’ und vergleicht dieses Jetzt nicht sofort mit dem, wie es sein sollte, was ‚man’ so sagt oder man sich selbst vorstellt. … Die Achtsamkeit richtet sich auf den gegenwärtigen Augenblick und bleibt nicht im Kummer über das Vergangene oder in der Sorge um das Kommende stecken. Und so geht es in der Achtsamkeit auch darum, die eigenen Muster wahrzunehmen und zu entlarven: Ansprüche und Erwartungen, verinnerlichte Gebote und Verbote, Tabus und von Erziehung und Konvention geprägte Glaubenssätze.“2) Und – darauf kommt es letztlich an – sich nicht darauf zu fixieren, daran nicht „anzuhaften“, um es mit den Worten des heiligen Ignatius auszudrücken.

In der angestrebten Distanz zu dem, was man sich selbst vorstellt, entdeckt Ralf Braun sogar einen Bezug zum biblischen Bilderverbot.

Ralf Braun
„Wir machen uns sehr schnell Bilder – das ist völlig natürlich – von uns selbst, von unserer Umwelt, von Gott, von Kirche, von Jesus Christus, die natürlich motiviert sind, zum Beispiel durch die Offenbarung in der Heiligen Schrift, aber die immer doch auch meine eigenen Bilder sind. Und so kann die Achtsamkeitspraxis eben auch dazu verhelfen, dass ich die Bilder, die ich von Gott habe, wahrnehme, aber gleichzeitig auch mich darauf einstelle, dass Gott immer größer ist.“

Autorin
Entscheidend ist dabei, dass es nicht bei der intellektuellen oder religiösen Einsicht bleibt, sondern dass sich der Mensch wirklich der Erfahrung aussetzt. Der Wirklichkeit, dem Dasein.

Das beste Vehikel dazu ist die Aufmerksamkeit auf den Atem, dann aber auch auf Gefühle und Stimmungen und schließlich – zuletzt - die Konzentration auf den Geist, auf die Gedanken.

Genau hier lauert die Falle: Denn es geht nicht darum, sich Gedanken zu machen, sondern auch die Gedanken als einen Teil der Realität einfach wahrzunehmen – wie sie auftauchen, wie sie fließen, mal sprunghaft, mal widersprüchlich, mal zielgerichtet.

Ralf Braun
Wir können als Menschen nicht nicht denken, es denkt irgendwie immer in uns. Und das kann, wenn es denn belastende Gedanken sind, auch richtigen Stress machen.

Autorin
Da hilft dann nur noch eines: sich bewusst machen, …

Ralf Braun
… da ist neben den Gedanken auch noch was anderes. Also ich atme auch noch. Und sie wahrzunehmen als das, was es ist, nämlich Gedanken und nicht unbedingt die Realität. Oder wie Heinz Ehrhard es sagen würde: Glauben Sie bloß nicht, was Sie denken.

Autorin
Was heiter klingt, hat einen ernsten Hintergrund. Der achtsame Mensch soll befähigt werden, sich – inmitten seiner Impulse – dem Sein zuzuwenden, der Wirklichkeit. Und dies schließt dann, so Ralf Braun, die Wirklichkeit Gottes mit ein.

Ralf Braun
„Es gibt immer wieder Menschen, die so eine Sehnsucht danach haben, Gott zu erfahren oder das, was größer ist als der Mensch. Ich glaube, dass da auch die Achtsamkeitspraxis ein guter Weg ist, als es eben nicht darum geht, eigene geprägte Bilder an die Erfahrung anzulehnen, sondern zunächst mal die pure Erfahrung zu machen und nicht schon so eine Vorstellung zu haben, wie das dann auch aussehen muss, wie ich Gott erfahre oder wie ich das Leben erfahre oder – manche sagen auch dann – das Universum oder so. Ich glaube, zunächst einmal sind das ja alles auch nur Begriffe, die etwas beschreiben von dem, was wir als Menschen auch gar nicht ganz fassen können.“

Autorin
Der puren Erfahrung dessen, was größer ist als ich selbst, was mein Begreifen übersteigt, steht heute vieles im Weg. Oft ist es sogar die Kirche selbst.   

Ralf Braun
„Ich glaube, dass es ein großes Problem der christlichen Kirchen und der Verkündigung ist, dass meine Erfahrung sich orientieren muss an dem, was Kirche, was Dogma, was Verkündigung vorgibt. Und die Menschen dann sich dort auch nicht mehr wiederfinden, weil sie das da nicht einordnen können. Sie machen Erfahrungen und können sie irgendwie nicht ins Wort bringen, können sie nicht deuten.“

Autorin
Dabei sollte es genau umgekehrt sein: Erst die Erfahrung, die für sich steht. Dann – wenn ich mich darauf einlassen möchte – die Verkündigung, die Lehre.

Ralf Braun
„Ich bin fest davon überzeugt, dass derjenige, der zu seiner ursprünglichen Erfahrung findet, dass der dann auch offen wird dafür, dass dann auch mit anderer Menschen Erfahrung – und das ist ja zum Beispiel die Heilige Schrift –  dann auch in Beziehung zu bringen.“

Autorin
Natürlich ist Ralf Braun als Theologe kirchlich gebunden. Dennoch steht die Praxis der Achtsamkeit – anders als beispielsweise Exerzitien oder geistliche Begleitung  – unter keinem besonderen weltanschaulichen oder religiösen Vorzeichen. Sie ist auch keine Therapieform. Diese Einschränkung einmal ausgenommen, wendet sich das Achtsamkeitstraining an alle Menschen. Ob gläubig oder ungläubig - völlig egal. Auch der Bildungsstand oder die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht spielen keine Rolle.

Ralf Braun
„Das Großartige ist, dass es im Grunde für jeden Menschen geeignet ist. Natürlich nicht, indem ich mich gleich so in den Anspruch hinein begebe: Ich muss jetzt da der Meister sein, sondern indem ich das tue, was jetzt in diesem Augenblick möglich ist. Für Manche ist das vielleicht zunächst einmal nur drei Minuten wahrnehmen, wie ich jetzt gerade hier sitze, wo ich Kontakt habe zum Boden oder zur Sitzfläche. Das Schöne dabei ist, ich brauch da keine Ausstattung für. Die wesentlichen Instrumente habe ich immer bei mir: nämlich meinen eigenen Körper, meinen Geist, meine Gefühle, meinen Atem.“ 

Autorin
Für religiöse Menschen kann die Übung der Achtsamkeit auch dazu führen, allzu fixierte Gottesbilder in Bewegung bringen. Bilder, die Gott eher verstellen als dass sie einen Zugang zu ihm eröffnen. Genauso wichtig, vielleicht in unserer Zeit sogar noch dringlicher, aber ist etwas anderes, nämlich …

Ralf Braun
dass ich auch eine Distanz zu meinen Eigenbildern bekomme. Also wie ich mich sehe, wie ich funktionieren muss, was ich alles haben muss, was ich brauche, um glücklich zu sein, was erst noch alles geschehen muss, damit ich dann endlich froh und glücklich sein kann und dadurch immer fixierter werde auf etwas, was nicht ist. Und deshalb auch in einen enormen Stress gerate.“

Autorin
Stress erzeugen aber nicht nur überzogene Selbstbilder. Ebenso fatal wirkt die Macht der Fremdbilder. Das sind die Bilder, die andere von ihren Mitmenschen  entwerfen, zum Beispiel, wie diese im Beruf zu funktionieren haben. Der Druck dieser Bilder kann so stark werden, dass die Betroffenen diese Fremdbilder dann tatsächlich für sich übernehmen. Eine fatale Entwicklung, wie Ralf Braun sie zum Beispiel aus dem Pflegebereich kennt. Fragt sich nur, was Achtsamkeit dagegen ausrichten kann.

Ralf Braun 
„Zunächst mal ist das natürlich hilfreich, wenn die Menschen ihre eigene Situation auch bewusst erkennen. Dazu kann Achtsamkeitspraxis helfen. Mich hat einmal ein höherer Mitarbeiter gebeten, für Menschen, die bei ihm Verantwortung haben und sehr unter Stress leiden und die langsam so auch aufmüpfig werden, für die doch mal so einen Stressbewältigungskurs zu machen. Dann hab ich dem gesagt: Ich mache das gerne – unter zwei Bedingungen. Erstens: Die machen das freiwillig, und zweitens: Sie erwarten nicht, dass das zur Beruhigung der Situation beiträgt. Es könnte durchaus sein, dass die Ihnen anschließend erst recht Unannehmlichkeiten machen, weil ihnen bewusst wird, dass so ein Druck wirklich nicht auszuhalten ist und dass es nicht ihr persönliches Problem ist, wenn sie dem nicht standhalten.“

Autorin
Eine geschärfte Wahrnehmung kann also dazu führen, den Status quo kritisch in Frage zu stellen.

Ralf Braun
„Ich mache die Erfahrung, dass Menschen, die sich auf den Weg der Achtsamkeit machen, dass die auch bewusster wahrnehmen, wo sind die Grenzen. Und was kann ich noch mitmachen und wo mache ich nicht mehr mit. Und das kann eine sehr starke Motivation sein zur Veränderung – im System oder unter Umständen auch zu sagen: Dieses System ist für mich nicht das richtige. Ich verlasse das.“

Autorin
Genau dies erlebt er immer wieder, auch in seinem eigenen Leben. Und er erzählt von der verzweifelten Dame, die auf zwei halben Stellen arbeitete. Bei der einen war sie sehr erfolgreich, wogegen die andere nur Ärger und Konflikte produzierte.

Ralf Braun
„Durch den Achtsamkeitskurs hat sie entdeckt, dass sie selbst gar nicht der Ursprung dieser Konflikte war, sondern dass das auf sie übertragene Dinge waren. Und sie meldete sich dann ein halbes Jahr nach dem Kurs bei mir und bedankte sich. Und sie hätte es jetzt endlich geschafft, diese Stelle zu kündigen.“  

Autorin
Das Ringen dieser Frau ist nur ein Beispiel von vielen, wie schwer es gerade westlich geprägten Menschen fällt, gut mit sich selbst umzugehen, Mitgefühl nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst zu entwickeln. So ist eine zweite Säule der Achtsamkeit – neben dem Verweilen im Augenblick – die Ermutigung zum Mitgefühl. Eine gleichermaßen im Buddhismus wie auch im Christentum tief verwurzelte Tugend.

Ralf Braun
„Es verwundert mich auf der einen Seite nicht, auf der anderen Seite ist es hoch interessant, wie schwer uns – vom Christentum geprägten Menschen – es fällt, barmherzig mit uns selbst zu sein, uns selbst zu lieben. Dabei ist es eigentlich völlig klar. Das Liebesgebot lautet: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Und der Maßstab dafür, wie ich meinen Nächsten lieben kann, ist, wie ich mich selber liebe. Das ist schon auch etwas sehr Beglückendes zu erfahren, wenn Menschen da einen Zugang zu finden, wie sie gnädiger, barmherziger mit sich selber umgehen können. Und dann auch ganz anders mit anderen Menschen umgehen können.“


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Dieser Beitrag wurde am 01.05.2016 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker ist Hörfunkbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für den Deutschlandfunk. Sie studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige. Kontakt
info@katholische-hörfunkarbeit.de

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