Morgenandacht, 08.12.2014

von Beate Hirt, Frankfurt

Katholische Irrtümer

Es gab in meinem Theologiestudium Momente, in denen bin ich ziemlich ins Staunen geraten darüber, was alles so katholisch ist oder war. Was die katholische Kirche im Laufe ihrer Geschichte so alles verkündet hat. Und manches hat mich, ehrlich gesagt, auch ziemlich verstört. Nicht zuletzt ein Dokument, das heute vor 150 Jahren veröffentlicht wurde, am 8. Dezember 1864. Syllabus errorum wird es genannt, das Verzeichnis der Irrtümer. Natürlich, man muss die Zeitumstände sehen, in denen dieses Verzeichnis entstanden ist: Damals gab es noch einen viel größeren Kirchenstaat und der Papst war dort Monarch, und in den meisten Ländern war es mit Demokratie und Freiheiten noch nicht weit her. Und trotzdem: Wenn ich lese, was damals meine katholische Kirche als Irrtum verurteilt hat, dann wird mir heute noch etwas seltsam zumute: Da steht zum Beispiel: „In unserer Zeit ist es nicht mehr denkbar, dass die katholische Religion als einzige Staatsreligion anerkannt und alle anderen Arten der Gottesverehrung ausgeschlossen werden.“ (Syllabus errorum, Satz 77) Ja, denke ich, stimmt eigentlich so. Katholisch als Staatsreligion geht gar nicht, jede Mensch hat das Recht, seine Religion frei auszuüben. Nur, dass dieser Satz damals als Irrtum verkündet wurde. Im Umkehrschluss: Nur katholisch ist erlaubt. Und es findet sich im Verzeichnis der Irrtümer von 1864 deshalb zum Beispiel auch dieser Satz: „Jedem Menschen steht es frei, eine Religion anzunehmen und zu bekennen, die er im Lichte der Vernunft als die wahre Religion erachtet (Syllabus errorum, Satz 15) Auch das galt katholischerseits vor 150 Jahren als Irrtum.

Ich weiß nicht, ob ich noch guten Gewissens katholisch sein könnte, wenn es dabei geblieben wäre. Aber natürlich gibt es mittlerweile auch ganz andere Sätze. Die sind immerhin auch schon 50 Jahre alt, sie stammen aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Da heißt es zum Beispiel: „Das Vatikanische Konzil erklärt, dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von Seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln...“ (Dignitatis humanae, Kapitel 2) Das klingt nun wirklich ganz anders! Wenn man sich die Irrtümer von 1864 anschaut, kann man sich aber vorstellen, was es da 100 Jahre später wohl noch für Kämpfe gegeben hat um solche Sätze. Religionsfreiheit, Menschenrechte – die waren jetzt keine Irrtümer mehr, sondern wurden hochoffiziell gut geheißen.

Mancher in der Kirche hat bis heute seine Probleme mit diesen neuen Sätzen. Und andere versuchen zu erklären, dass diese beiden Einstellungen doch nun gar nicht so weit voneinander entfernt seien. Die Kirche jedenfalls könne sich auf keinen Fall selbst einmal geirrt haben. Aber wenn ich mir diese Sätze von 1864 und von 1965 anschaue, dann denke ich vor allem: Ich bin heilfroh, dass sich meine katholische Kirche weiterentwickelt hat. Dass sie die alten Verzeichnisse von Irrtümern hinter sich gelassen und die Dinge neu und positiv formuliert hat. Und ich glaube: Solch eine Entwicklung, die ist nicht einfach nur modern. Sie steckt in dieser Kirche schon immer drin. Der heilige Paulus hat schon vor fast zweitausend Jahren an seine Gemeinde in Rom geschrieben: „Wandelt euch und erneuert euer Denken!“ (Römer 12,1)

Wie gut, dass auch das seit jeher zur katholischen Tradition gehört: Dass sie sich immer wieder erneuert. Nur, wer sein Denken überprüft, kann der Botschaft Jesu und dem Willen Gottes treu sein, davon war schon der heilige Paulus überzeugt. Aber er wusste auch: Veränderung braucht Mut. Es ist nicht immer so leicht und konfliktfrei, altes Denken hinter sich zu lassen. Das merkt jede Institution und jeder einzelne Mensch, der neue Wege versucht. Auch in der katholischen Kirche ist das gerade wieder besonders zu spüren, finde ich. Wie gut aber, dass sich die Kirche wandelt. Dass sie heute ganz anders über Religionsfreiheit und Menschenrechte denkt als im „Syllabus errorum“ vor 150 Jahren. Wie gut, dass sie immer wieder prüft: Was ist wirklich der Wille Gottes? Und wer weiß, wohin dieser Wandel die Kirche in den nächsten Jahren noch führen wird.


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Dieser Beitrag wurde am 08.12.2014 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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