Am Sonntagmorgen, 17.04.2016 

von Pater Heribert Arens OFM aus Vierzehnheiligen

Wo das Feuer brennt - Christsein und Leidenschaft

Autor
Christsein und Leidenschaft: da habe ich ein Thema gewählt, bei dem das eine mit dem anderen allem Anschein nach wenig zu tun hat. Doch habe ich es gewählt, weil ich meine: Beides gehört zusammen – auch wenn ich, zumindest in Deutschland, oft vergeblich nach Christen suche, bei denen ich Leidenschaft für Gott, für den Glauben, für die Kirche und die Menschen entdecke.

Wenn ich dann doch Leidenschaft für die Kirche wahrnehme, dann entzündet die sich oft an Nebensächlichkeiten: an der Farbe für den Außenanstrich des Pfarrzentrums, an der Scheinheiligkeit der Frommen oder an Priestern und ihren Marotten.

Doch wenn es um die Hauptsache geht, um Gott, um das Evangelium und seine befreiende Kraft – wo brennt da die Leidenschaft? Trifft da nicht eher das Wort der Geheimen Offenbarung an Laodizäa zu:

Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß!
Weil du aber lau bist, will ich dich aus meinem Mund ausspeien.“

Mit Laodizäa-Christen tue ich mich schwer. Sie sind nicht heiß, nicht kalt. Sie sind leidenschaftslos, unbeteiligt, gelangweilt, Menschen mit einem Achselzucken. Und das sollen Christen sein, die vom Evangelium angesteckt sind?

Die Anfangsgeschichte des Christentums jedenfalls ist eine Leidenschaftsgeschichte! Jesus war ein leidenschaftlicher Mensch. So leidenschaftlich, dass er den Himmel verließ.

Warum tat er das? Warum gab er alles auf, um Mensch unter Menschen zu sein? Aus leidenschaftlicher Sehnsucht, weil Gott Sehnsucht nach den Menschen habe, meint der heilige Augustinus. Wir sind Gottes Schätze! Uns Menschen und dem Glück unseres Lebens gilt seine Leidenschaft.

Darum wurde er als Mensch unter Menschen nicht müde, die Botschaft vom leidenschaftlich liebenden Gott unters Volk zu bringen. Er predigt bis an den Rand der Erschöpfung, um den Menschen diese Liebe nahe zu bringen. Er heilt Kranke und Zerbrochene, damit sie wieder leben können. Ihn packt der Zorn, wenn er wahrnimmt, wie die, die das Sagen haben, anderen Lasten auferlegen, die sie selbst niemals tragen würden. Und er wird sogar handgreiflich, wenn Menschen den Tempel, „das Haus seines Vaters“, zu einem Wochenmarkt degradieren.

Nicht zuletzt: Von wie viel Leidenschaft muss ein Mensch gepackt sein, wenn er sich blutig schlagen lässt, wenn er als Unschuldiger eine Verurteilung hinnimmt, wenn er den eigenen Galgen zur Hinrichtungsstätte schleppt und sich ans Kreuz nageln lässt?

Leidenschaft heißt ja in einigen Sprachen „Passion“, englisch „passion“. Passion meint „Leiden“, das auch einen Sinn erschließt. Kein Wunder, dass „Passion“ das Wort schlechthin für die „Leidensgeschichte“ Jesu geworden ist. Er ist bereit, für seinen Schatz auch Leiden zu ertragen.

In Jesus brannte und glühte die Leidenschaft. Sie galt den Menschen, den Schätzen Gottes; sie galt dem Schatz, den er den Menschen nahebringen wollte: den liebenden Gott.

Seine Leidenschaft war ansteckend. Petrus springt aus dem Boot und läuft über das Wasser auf Jesus zu. Die Jünger machen einen radikalen Schnitt, verlassen alles und schließen sich Jesus an.

Später – nach Ostern - treibt die Leidenschaft für Jesus und sein Evangelium die Jünger bis an die Grenzen der damals bekannten Erde. Leidenschaft bewegte die jungen Christengemeinden. Viele bezahlten das mit dem Leben.

Der tiefste Grund für das alles ist das Ereignis, das wir Christen mit einem Feuer begehen: die Auferstehung Jesu aus dem Tod, die von Gottes Leidenschaft für das Leben anschaulich Zeugnis gibt.

Musik: Spanish Guitarmusic

Autor
Ein Christentum mit einem solchen Start muss auch heute von Leidenschaft bewegt sein. Sonst lebt es an seiner Berufung vorbei.

Wie kann sich das zeigen?

„Leidenschaft bedeutet Aufopferung und bedingungslose Hingabe, eine Art Verschwendung von Zeit, Kraft und materiellen Mitteln an Dinge, Menschen oder höhere Ideen“, lese ich beim Publizisten Eugen-Maria Schulak.

Hier verrät schon die Sprache, dass sich Leidenschaft und Religion berühren: Das ist auch christliches Vokabular:

Zeit verschwenden an Gott, um ihn zu ehren, bei ihm zu verweilen, ihn bei den Menschen bekannt zu machen. Zeit verschwenden an die Menschen, die es brauchen: an Ratsuchende, Krisengeschüttelte, Kranke, Menschen mit Lebensbrüchen, Kinder, Frauen und Männer auf der Flucht.

Wenn die Menschen etwas an Christen faszinieren kann, dann diese verschwenderische Leidenschaft. Doch ausgerechnet damit haben viele Christen ein Problem: Leidenschaft gerät so leicht aus der Kontrolle, verliert so schnell das Maß. Wer in Maßlosigkeit die Kontrolle über sich verliert, hat es unter Christen nicht leicht. Scheint es doch ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass zumindest Katholiken, kontrolliert und maßvoll leben:

Sei maßvoll in deinem Ess- und Trinkverhalten. Halte deine Sexualität unter Kontrolle! Rede mit Bedacht. Benimm dich dezent im Gottesdienst. Leidenschaft scheint etwas Gefährliches zu sein, sie kann dich kopflos machen. Darum kontrolliere dich und deine Gefühle.

Aber wenn das Leben nur noch aus Kontrolle besteht, wird es stumpfsinnig. Dann wird die Leidenschaft schnell zur unkontrollierten Glut im Untergrund und wandelt sich in Aggression gegen alles, was anders ist. Dann lähmt uns die Kontrolle, wir verfallen in Lustlosigkeit – und auf ein lustloses Christentum kann die Welt gut verzichten.

Darum frage ich: Ist Leidenschaft gefährlich, etwas was ich als Christ nicht zulassen darf, ist sie zerstörerisch – oder ist sie ein Lebenselixier, wie die Schweizer Psychologin Verena Kast meint?

Nähern wir uns dem Geheimnis der Leidenschaft mithilfe einer chassidischen Erzählung, die Martin Buber überliefert hat. Auf den ersten Blick hat sie wenig mit dem Thema „Leidenschaft“ zu tun:

Eisik, dem Sohn Jekels aus  Krakau, war im Traum befohlen worden, in der Stadt Prag unter der Brücke, die zum Königsschloss führt,  nach einem Schatz zu suchen. Als der Traum zum dritten Mal wiederkehrte, machte Rabbi Eisik sich auf und wanderte nach Prag.

Aber an der Brücke standen Tag und Nacht Wachtposten, und er getraute sich nicht zu  graben. Doch kam er an jedem Morgen zur Brücke und umkreiste sie bis zum Abend.

Endlich fragte ihn der Hauptmann der Wache freundlich, ob er hier etwas suche oder auf jemanden warte. Rabbi Eisik erzählte, welcher Traum ihn aus fernem Land hergeführt habe. Der Hauptmann lachte: “Und da bist du armer Kerl mit deinen zerfetzten Schuhen einem Traum zu gefallen her gepilgert! Ja, wer den Träumen traut! Da hätte ich mich ja auch auf die Beine machen müssen, als es mir einmal im Traum befahl, nach Krakau zu wandern und in der Stube eines Juden, Eisik Sohn Jekels sollte er heißen, unterm Ofen nach einem Schatz zu graben. Eisik, Sohn Jekels! Ich kann’s mir vorstellen, wie ich drüben, wo die eine Hälfte der Juden Eisik und die andre Jekel heißt, alle Häuser aufreiße!” Und er lachte wieder. Rabbi Eisik verneigte sich, wanderte heim und grub den Schatz aus.“

Die Pointe dieser Erzählung gefällt mir: Am Ziel seines Weges erfährt Eisik: Den Schatz findest du an dem Ort, von dem du aufgebrochen bist: in deinen eigenen vier Wänden. 

Mehr noch fasziniert mich, wo im Haus der Schatz verborgen ist: unterm Ofen. Im Ofen brennt bekanntlich das Feuer. Dieses Bild sagt mir: Wo bei dir das Feuer brennt, da musst du graben. Da ist dein Schatz!

Das brennende Feuer ist ein Bild für meine Leidenschaft. Und unter dem brennenden Feuer ist mein Schatz. Dieser Schatz kann ein geliebter Mensch sein. Der Schatz kann aber auch – ganz banal - ein Fußballclub sein, eine Rockband oder mein neues Auto. Oder es ist die Schöpfung, für deren Erhalt ich mich leidenschaftlich engagiere. An Schätzen, über denen leidenschaftliche Feuer brennen können, fehlt es nicht.

Darum freut es mich, wenn ich Menschen leidenschaftlich und mit ganzer Hingabe sehe. Es beeindruckt mich, wenn die Leidenschaft Menschen von den Stühlen reißt – oder auch an Stühle fesselt – wie so manchen Forscher, der sich kaum von der Arbeit losreißen kann. Es macht mir Freude zu beobachten, wenn Menschen ihre Lebensgeschichte nicht mit Tinte, sondern mit Herzblut schreiben. Sie haben ihren Schatz gefunden. Und dieser Schatz lässt sie brennen.

Musik: Spanish Guitarmusic

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Das also ist es: Die Leidenschaft brennt über einem Schatz.

Dabei hat sie ganz unterschiedliche Gesichter. Für viele ist sie etwas Überbordendes, sprudelnd wie Sekt. Ein Mensch lässt sich einfach von seinem Schatz hinreißen – oft bis zur Ekstase.

Bei Christen erlebe ich solche überbordende Leidenschaft selten, gelegentlich bei kirchlichen „Events“ wie bei einem Weltjugendtag. Doch das wird von vielen eher skeptisch beäugt.

Trotzdem – abgesehen vom Fanatismus – ist mir eine begeisterte Leidenschaft lieber als ein Christsein, das in Kirchenbänken vor sich hin dümpelt.

Häufiger allerdings begegne ich der Leidenschaft in einer ganz anderen Gestalt: als stille Glut. Eine Frau wie Mutter Theresa verkörpert das für mich. Ihre Hingabe an die Armen, Kranken und Sterbenden war nicht marktschreierisch. Eine stille Leidenschaft für diese „Lieblinge Gottes“ leitete ihr Handeln.

Diese „Schätze der Kirche“, wie die Notleidenden und Kranken in der frühen Kirche genannt wurden, hatten ihren Platz im Herzen von Mutter Theresa. Ihnen galt ihre Leidenschaft. Und sie galt dem, der gesagt hat: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“ Darum nannte sie ihre Armenhäuser „Tabernakel“ – weil in den Armen und Kranken Jesus selbst dort einzog. Im September wird Mutter Theresa heiliggesprochen. Die Kirche hat die stille Glut der Leidenschaft bei dieser Frau wahrgenommen und zollt ihr Respekt und Anerkennung.

Stille Leidenschaft treibt auch Mütter und Väter, hingebungsvoll für ihre Kinder da zu sein. Kinder sind ja Schätze – und oft werden sie von ihren Eltern auch so gerufen: „mein Schatz“. Auch da zeigt sich Leidenschaft als stille Glut.

Manchmal findet sich beides zusammen, das Stürmische und das Stille, etwa in der Musik: mal fließen die Melodien und Harmonien still und zur Besinnung einladend, mal brausen sie auf. So auch in der Kirchenmusik. Da wird Musik zum Spiegel der Seele des Menschen. Dazu braucht es die ganze Skala der Ausdrucksmöglichkeiten – innige Verbundenheit, Sehnsucht, die tastet und sucht, aber auch ausgelassene Freude darüber, den Schatz des Glaubens gefunden zu haben.

Musik: Spanish Guitarmusic

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Verena Kast nennt, wie schon gesagt, die Leidenschaft ein Lebenselixier, wenn sie auf Ziele ausgerichtet ist, auf Dinge und Menschen, die mir wertvoll sind.

Gegen alle Verteufelung der Leidenschaft sind Christen eingeladen, dieses Lebenselixier zu entdecken und es gegen die Gleichgültigkeit und den Trott einzunehmen. Wo das geschieht, sind Christen eine erfrischende Gemeinschaft.

·         Da verströmen Gottesdienste keine Routine und Langeweile.
Man merkt: hier feiern Menschen ihren Schatz, ihren Gott.

·         Da verschenken Christen Zeit und Können, um ihren Mitmenschen etwas von Gottes Interesse an ihnen zu vermitteln.

·         Da machen Christen sich stark für den Erhalt der Schöpfung, und kämpfen gegen ein Denken, das die Erde zur Ausbeutung freigibt und dadurch Menschen und Tieren den Lebensraum zerstört.

·         Da gehen Christen auf Flüchtlinge zu, betroffen von deren Schicksal, verschwenden Zeit und Zuwendung, um ihnen den Weg in eine neue Heimat unter wohlwollenden Mitmenschen zu bahnen.

Und wenn ihnen bei alledem mal „die Gäule durchgehen“ – dann ist das allemal besser, als wenn sie brav angebunden im Stall stehen!

Zeigen Christen Leidenschaft? Ja, dürfen sie überhaupt leidenschaftlich sein? Ich versuche mit einer Frage zu antworten: Wenn nicht sie, wer denn dann?

Musik: Spanish Guitarmusic


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Dieser Beitrag wurde am 17.04.2016 gesendet.


Über den Autor Bruder Heribert Arens OFM

Bruder Heribert Arens OFM ist Franziskaner und lebt im Franziskanerkloster Vierzehnheiligen in Oberfranken. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher, insbesondere zu Predigt und Spiritualität. Er ist Mitarbeiter bei der Zeitschrift "Der Prediger und Katechet" und Mitglied im Kuratorium für den "Deutschen Predigtpreis". 

Kontakt

heribert.arens@franziskaner.de

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