Am Sonntagmorgen, 03.04.2016 

von Christine Hober aus Bonn

Der Dämon am Mittag. Müdigkeit als geistliche Aufgabe

Autorin
Täglich grüßt der Dämon am Mittag, und zwar jeden, immer und überall. Eine fast klebrige, zähe Müdigkeit verlangsamt das Denken, macht passiv und unproduktiv. Besonders ausdauernd zeigt sich dieser Dämon bei meinem 15-jährigen Sohn, der seit Wochen jeden Mittag nach dem Essen stöhnt: „Mama, ich bin so müde und so faul!“ Schicksalsergeben scheint er diesen Zustand irgendwie anzunehmen, während die meisten von uns den unsichtbaren Feind bekämpfen. Er kommt zwischen 12.00 und 15.00 Uhr, je nachdem, wie unsere persönliche Tagesform ist. Und abhängig davon, ob wir Eule oder Lerche sind, Langschläfer oder Frühaufsteher. Unsichtbar, aber deutlich spürbar, zwingt er zum Gähnen, lässt unseren Körper erschlaffen. Der Kopf wird schwer, der Geist wird träge. Kaffee gilt als probates Mittel, außerdem gibt es hilfreiche Ratgeber, die immer neue Empfehlungen bereithalten, wie man das so genannte Mittagstief überwindet, wie unsere Leistungsfähigkeit nicht nur erhalten, sondern sowie diese sogar gesteigert werden kann. Die Umsetzung all dieser guten Tipps ist selten erfolgreich und so bleibt die Müdigkeit die ständige Begleiterin des Menschen.

Musik

Autorin
Dass Müdigkeit des Teufels ist, glaubten schon die frühchristlichen Mönche, die sich in die Einsamkeit der Wüste zurückgezogen hatten, um weit weg von jeder weltlichen Ablenkung Gott zu erfahren. Nichts fürchteten sie so sehr wie die „Acedia“, einen Zustand von Erschöpfung, Trägheit und Überdruss. Der „Mittagsdämon“, so glaubten die Wüstenmönche, war für dieses Befinden verantwortlich, denn es befiel sie vor allem zur Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten stand und es keinen Schatten gab.

Über die Qualen der Mittagsmüdigkeit berichtet der christliche Mönch Evagrios Pontikos Folgendes:

Sprecher
„Liest der Überdrüssige, dann gähnt er viel, und leicht versinkt er in Schlaf. Er reibt sich die Augen und streckt die Hände aus, und indem er die Augen von dem Buch abwendet, starrt er die Wand an. Dann wendet er sie wieder ab und liest ein wenig, und indem er [das Buch] durchblättert, forscht er nach dem Schluss der Ausführungen. Er zählt die Blätter und bestimmt die Zahl der Hefte, bemäkelt die Schrift und die Ausstattung, und zuletzt klappt er das Buch zu und legt den Kopf darauf und verfällt in einen nicht all zu tiefen Schlaf, denn der Hunger weckt schließlich seine Seele wieder auf, und die geht [dann erneut] ihren eigenen Sorgen nach.“

Autorin
Diese Aufzeichnungen, die immerhin 1600 Jahre alt sind, treffen einen Gemütszustand, der den meisten von uns bekannt vorkommt. Offensichtlich handelt es sich bei dieser Form der Müdigkeit um eine Grundbefindlichkeit des Menschen, die sich – auch in ihrer Wahrnehmung - über die Jahrhunderte hinweg nicht sehr verändert hat.

Müdigkeit ist lästig, aber in der Regel erklärbar: als Folge von zu wenig Schlaf oder als eine Abwärtskurve in unserem Biorhythmus. Im Grunde ein körperliches Befinden, das nach einer gewissen Zeit wieder vorbei ist. Dabei kann Müdigkeit weit mehr sein als nur das Verlangen nach Schlaf. Müdigkeit ist vergleichbar mit einem Gefühl des Unwohlseins. „Ich bin so müde und so faul“ – die Worte meines Sohnes, weisen unverblümt darauf hin, was gemeint ist. Müdigkeit schwächt den Willen. Sie macht den Geist gleichgültig. Es verschwimmen die klaren Grenzen zwischen Innen und Außen. Müdigkeit ist ein Schwellenzustand, ein Dazwischen – zwischen Wachsein und Schlafen, hell und dunkel, lebendig und tot.

Dieser Zustand, den Evagrios Pontikos „Acedia“ nennt, gehört zu den acht Hauptversuchungen, denen jeder Mensch ausgesetzt ist. Dazu gehören, so der Wüstenvater: Fresslust, Unzucht, Geldgier, Kummer, Zorn, eitle Ruhmsucht und Hochmut, Überdruss bzw. Müdigkeit. Dass passive Gemütszustände wie Trägheit, Müdigkeit oder Überdruss mit dem Bösen in Verbindung gebracht werden, mag auf den ersten Blick verwundern. Doch Evagrios Pontikos, der sechzehn Jahre seines Lebens in der ägyptischen Wüste verbrachte, kannte die Probleme der dort lebenden Mönche. Auf diesem Hintergrund entwickelte er eine eigene Spiritualität. Er interessierte sich dabei für das Böse in all seinen Erscheinungsformen: als „Dämon“, als versucherischer „Gedanke“ oder als bedrohliche „Leidenschaft“. So analysierte er die leiblich-seelischen Leiden und die Leidenschaften des Menschen und versuchte ihre Ursprünge und ihre Ausprägungen zu ergründen. Und er bot Möglichkeiten der Heilung an.

Musik

Autorin
Was für das Seelenheil der Wüstenmönche lebensnotwendig war, scheint heute kaum noch eine Rolle zu spielen. Wie man versucherische Gedanken vermeidet oder Leidenschaften kontrolliert, mag vielleicht für eine gute Lebensführung hilfreich sein. Aber wer glaubt heute noch an Dämonen? Sind das nicht überholte Vorstellungen antiker Mythologien oder gar Aberglaube? Tatsächlich kennen die Völker zu allen Zeiten eine Vielfalt von Dämonen mit ihren schädigenden Wirkungen. Sie können zerstörerische Kräfte entwickeln und werden deshalb der Sphäre des Bösen zugeordnet.

Die spätjüdische und frühchristliche Überlieferung sieht die Dämonen in Hierarchie mit dem Teufel. Sie sind ehemals göttliche Engel, die unter ihrem Anführer, dem Teufel, in der Welt Unheil wirken. Diese Vorstellung finden wir auch im Neuen Testament. Dort berichten die Evangelien in den Heilungs- und Wundergeschichten Jesu von Dämonenaustreibungen, so genannten Exorzismen. Die Austreibung von Dämonen gehörte - neben der Verkündigung – sogar zu den wichtigsten Aufgaben Jesu, denn sie galten als unsichtbare unreine Geister, die vom Menschen Besitz ergreifen können und ihn krank machen an Leib, Geist und Seele. Eine für moderne Menschen ungewöhnliche, wenn nicht gar befremdliche Vorstellung. Die Heilung eines so erkrankten Menschen wird erst möglich, indem der Dämon von ihm ausfährt. Vergleichbare Formen der Dämonenaustreibung spielen tatsächlich auch heute in der katholischen Kirche zumindest am Rande noch immer eine Rolle – vor allem in nichteuropäischen Ländern.  Der Vatikan bietet dazu Exorzismuskurse an. Die Ausbildung soll dazu dienen, das „Gebet um Befreiung“ in geordnete Bahnen zu führen. Um Missbrauch vorzubeugen, darf ein Exorzismus mittlerweile nur noch von psychologisch und geistlich Erfahrenen vorgenommen werden und bedarf der ausdrücklichen Einwilligung des Ortsbischofs.

Jesus befreite mit der Austreibung eines Dämons die betroffenen Menschen von einer drückenden Last. Viele dieser Menschen standen unter Zwängen: Etwas beeinflusste ihr Leben so sehr, dass sie davon besetzt oder regelrecht „besessen“ waren. Die Symptome waren unterschiedlich: da ist die Rede von Menschen, die die Sprache verloren haben (Lk 11), die plötzlich wie von Geisterhand gesteuert hin und hergeworfen werden (Mk 9), die schlafwandeln (Mt 17) oder wirre Dinge reden (Mk 5). Alles Phänomene, die wir heute unter medizinischen oder psychologischen Vorzeichen deuten. Dazu gehört auch die Selbstentfremdung. Ein Mensch kann nicht mehr er selber sein, weil er versucht, immer nur den Vorstellungen anderer zu entsprechen. Solche Menschen erfahren sich als fremdgesteuert. Hier sind Mächte am Werk, die das Leben beeinflussen, die einen Menschen fesseln können und damit seine Existenz zerstören.

Diese Mächte zeigen sich – so die Aufzeichnungen des Wüstenvaters Evagrios Pontikos -auch im Dämon am Mittag als einer Variante dieser bösen unsichtbaren Geister. Denn auch hier handelt es sich letztlich um ein Phänomen, das wohl nicht ganz zu erklären, dessen Wirklichkeit aber erfahrbar ist.

So auch im Leben der Mönche. Das Leben in der Wüste war gleichförmig. Abwechslung gab es kaum. Der Rhythmus von Gebet und Arbeit, Studium der Heiligen Schriften und kargen Mahlzeiten blieb immer gleich. Dass die frühchristlichen Wüstenväter unter diesen Umständen oft müde wurden, ist nachvollziehbar. Die Mönche kannten jedoch neben der gefürchteten Acedia noch eine andere Form von Müdigkeit. Sie galt sogar als erstrebenswert, weil sie den Weg für spirituelle Erfahrungen ebnete – die Voraussetzungen für eine Gotteserfahrung. Diesen geistlich inspirierten Zustand der Müdigkeit erreichten die Mönche, indem sie die Eintönigkeit ihres Alltags durch Schlafentzug verstärkten. Die Verbindung von Schlafentzug und Monotonie sollte zu einem schwebenden Zustand zwischen Wachsein und Schlaf führen, der das Bewusstsein der Mönche erweiterte und so eine mystische Einheitserfahrung unterstützte. Voraussetzung für eine solche mystische Erfahrung Gottes war, dass der Mönch täglich an seiner Spiritualität arbeitete.

Diejenigen, die die Arbeit an der eigenen Spiritualität versäumten, litten unwillkürlich unter dem Joch des Überdrusses, der Acedia. Evagrios Pontikos notiert dazu:

Sprecher
Ein überdrüssiger Mönch ist saumselig zum Gebet, und bisweilen spricht er die Worte des Gebetes überhaupt nicht. Denn wie ein Kranker keine schwere Last trägt, so tut auch der Überdrüssige nie je das Werk Gottes mit Sorgfalt.“

Autorin
Vom Geist der Acedia besetzt, wird der Mönch überdrüssig, bisweilen empfindet er sogar „Ekel am Leben“. Lustlos und antriebslos bringt er zum Gebet und zum Studium der Heiligen Schrift keine Konzentration auf. Alles erscheint ihm anstrengend und mühsam. Das Leben kommt ihm fad und sinnlos vor, von unendlicher Langeweile. Symptome, die wir heute als depressiv bezeichnen würden. So sucht der Mönch nach Ablenkung und Gesellschaft – meistens jedoch vergeblich. Er beginnt zu zweifeln: an sich, am Leben, an Gott.

Sprecher
„Der Geist des Überdrusses vertreibt den Mönch aus seiner Zelle, wer aber Ausdauer besitzt, wird allzeit Ruhe haben.“

Autorin
Der Mönch kommt an einen Punkt, wo er das Kloster womöglich verlässt und weiterwandert bis zum nächsten Kloster. Wen, wie diese umherwandernden Mönche, die Trägheit des Herzens quält, der leidet an innerer Rast- und Ruhelosigkeit. Wer aber innerlich rastlos ist, ist nicht bei sich selbst und so auch nicht fähig, den Augenblick zu leben. Er ist wie ein Getriebener, der stets nach Neuem, nach Abwechslung Ausschau hält.

Genau deshalb ist der Mittagsdämon so gefährlich. Denn er macht den Mönch einsam, weil der nur noch um sich selbst und seine eigene Befindlichkeit kreist und sich damit aus seiner Verbindung mit Gott und der Schöpfung herauslöst.

Um den Versuchungen dieses gefährlichen Dämons standzuhalten, sollte der von ihm Geplagte mit Gebeten und Bibellektüre Widerstand üben, rät Evagrios. Auf diese Weise könnte er die destruktive Müdigkeit in einen spirituellen Zustand zurückverwandeln, in der die Anwesenheit Gottes wieder spürbar ist. Evagrios Pontikos schreibt dazu:

Sprecher
„Den Überdruss heilen Standfestigkeit und dass man alles mit großer Sorgfalt, Gottesfurcht und Ausdauer tut. Verordne dir selbst ein Maß in jedem Werk und steh nicht eher davon ab, als bis du es vollendet hast. Und bete ununterbrochen und kurzgefasst, und der Geist des Überdrusses wird vor dir fliehen.“

Autorin
Der Dämon des Überdrusses konnte nur wirksam abgewehrt werden, wenn die Mönche die entsprechende Gottesfurcht aufbrachten: Das bedeutete, sich dem unablässigen Gebet hinzugeben. Das unablässige Gebet gehörte zu den ältesten Übungen des Mönchtums. Schon der Apostel Paulus schrieb den Christen in Thessaloniki: „Hört niemals auf zu beten“ (1 Thess 5,17). Denn Beten heißt: die Verbindung mit Gott suchen und sich selber zurücknehmen. Der Betende verzichtet dabei auf alles bewusste Denken, er besinnt sich durch das Wiederholen einer einfachen Gebetsformel immer wieder zurück auf Gott und lässt abschweifende Gedanken ziehen. Dann wird der Geist des Überdrusses weichen und der Betende wird wieder Ruhe finden, wird mit sich selbst ins Reine kommen.

Musik

Autorin
Und wie kommen wir ins Reine mit uns? Getrieben von dem, was wir Alltag nennen, weit entfernt von dem, was die Wüstenväter damals und die Geistlichen heute vita contemplativa nennen? Dem mönchischen Ideal der Einheit mit Gott entspricht heute das Ideal eines glückenden Lebens, die sogenannte „Work-Life-Balance“. Diese bedeutet nichts anderes als einen Ausgleich zwischen den Herausforderungen der täglichen Arbeit, ihren Zwängen und einer weitgehend selbstbestimmten Konzentration auf den Punkt, der mich in die Mitte meiner Existenz führt. Diese Work-Life-Balance ist nicht so einfach herstellbar, wie es die in der Werbung angepriesenen Heilsversprechungen in Aussicht stellen. In gewisser Weise gilt für uns genau dasselbe wie für die Wüstenmönche: Wenn wir ein von Sinn erfülltes Leben führen möchten, müssen wir zur Ruhe finden. Ruhe, um zu uns selber zu kommen, und damit zugleich Gott Raum zu geben.

Denn warum sind die christlichen Mönche zur Zeit des Evagrios in die Wüste gegangen? Und warum haben schon immer Menschen die Einsamkeit gesucht und tun es noch heute? Sie alle brauchen Ruhe, die mehr ist als Freizeit oder Urlaub. Ruhe als ein Zustand der Seele. Ruhe als nicht aktivsein, Ruhe als eine Haltung des Geschehenlassens, des Schweigens. Ruhe, so der Philosoph Josef Pieper, „ist eine Gestalt jenes Schweigens, das eine Voraussetzung ist für das Vernehmen von Wirklichkeit“. Und das heißt letztlich: Gott wieder mehr Raum im eigenen Leben geben. Vielleicht auch – wie die Wüstenmönche – das Gebet zu einem festen Bestandteil des eigenen Lebens machen. Denn Ruhe – so verstanden - ist genau das Gegenteil von Müdigkeit: Müdigkeit ist Schwäche, Ruhe ist Kraft. Wenn wir diese Ruhe gefunden haben, können wir den Dämon der Acedia überwinden und den Weg zu Gott beschreiten.

Zitate aus:
Evagrios Pontikos, Über die acht Gedanken, hg. Von Gabriel Bunge und Jakobus Kaffanke OSB, Beuron ²2011.

Josef Pieper, Muße und Kult, München 2007.


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Dieser Beitrag wurde am 03.04.2016 gesendet.


Über die Autorin Christine Hober

Christine Hober, Dr. theol., arbeitet als Lektorin und Autorin. Sie lebt in Bonn, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Kontakt
c.hober@arcor.de

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