Morgenandacht, 01.04.2016

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Heilung durch Psalmen – Biblische Gesundheitsvorsorge

Die  Deutschen sind ein Volk von Jammerlappen, lese ich in der Zeitung. Begründet wird diese Aussage mit den häufigen Arztbesuchen, 17 pro Jahr. Sogar im Wohlstandsland  Norwegen gehen die Menschen nur fünfmal im Jahr zum Arzt. Vorbeugen wird immer wichtiger, sagen die Mediziner. Und da meine ich, wäre gerade das Jammern ja etwas Heilsames, wenn wir es ganz bewusst einsetzen würden. Wir sind es gewohnt, den Arzt zu fragen: Herr Doktor, was habe ich denn, warum bin ich krank? Aber der Arzt sieht oft nur den organischen Teil der Krankheit, nicht aber mein Seelenleben. Er kann nicht meine Lebensgewohnheiten von Monaten und Jahren nachvollziehen. Der erste Experte für das, was mich krank macht, bin also ich selbst.

Eigentlich weiß ich, dass viele Krankheiten erst entstehen, wenn ich das, was in mir arbeitet, nicht heraus lassen kann und ich keine innere Ruhe finde. Wenn die Seele gekränkt und das Herz belastet ist, dann ist der ganze Mensch krank. Ich kann also die Frage, die ich dem Arzt stelle: „Herr Doktor, was hab ich denn?“ an mich selber richten und mich jeden Tag fragen:  Ja, was hab ich denn in mir, was kränkt mich, was liegt mir auf der Seele und was sucht mein Herz? Was brauche ich, um mich gut zu fühlen?

Eine ganz eigene Weise der Gesundheitsvorsorge ermöglicht uns die Bibel durch die Gebete der Psalmen. Man kann die Psalmen auch als Gespräche mit Gott verstehen, in denen ich meine Anliegen zur Sprache bringe. Damit alles wieder aus mir heraus kann, was mich daran hindert, das Schöne und Gute in meinem Leben zu sehen.

Ich komme vielleicht gar nicht auf die Idee, mich an Gott zu wenden. Aber ich darf vor Gott jammern. Ich soll es sogar, die Psalmen ermutigen mich dazu und geben mir sogar Formulierungshilfen. So heißt es in Psalm 142:

„Ich schreie zu Dir, Gott, so laut ich kann,
ich bitte Dich um Hilfe.
Dir  klage ich meine Not,
Dir sage ich, was mich quält….“

Das Gespräch mit Gott ist also ein ganz intimes: Hier werden Dinge ausgesprochen, die ich sonst vielleicht niemandem sagen möchte. Mit den Psalm-Gebeten darf ich all das aussprechen, was mich am Leben hindert. Es muss nicht mehr in mir nagen und mich krank machen. Natürlich bekomme ich von Gott keine direkte Antwort. Aber vielleicht beginnt die Heilung in dem Augenblick, in dem ich mich an Gott wende. Denn mit dem Aussprechen meiner Not, merke ich erst, was so alles in mir herumschwirrt an lebensfeindlichen Gedanken und Gefühlen. Wie gut, wenn ich dann zu Gott sagen darf: Ich schaffe es nicht allein. Diese Erkenntnis ist schon der Anfang der Heilung.

Viele Psalmen sprechen von der Not der Menschen, die ganz am Boden liegen, die keine Kraft mehr zum Aufstehen haben, die sich von ihren Mitmenschen bedrängt oder verlassen fühlen. Für sie sind all die Bilder gedacht, in denen es heißt: Wenn mich auch alle verlassen, du Gott bist bei mir. Du ziehst mich heraus aus der Tiefe und zeigst mir einen neuen Weg ins Leben.

Im biblischen Denken gibt es die Idee, dass es eine Art tödlichen „Virus“ gibt, der die Menschen von Anfang an bereits im Paradies infiziert hat: Sie wollten sein wie Gott. Die Menschen wollten in einen Wettbewerb mit Gott eintreten, und deshalb neigen wir bis heute dazu, uns zu überschätzen. Und das, was wir im wirtschaftlichen, globalen Wettbewerb ausleben, ist vielleicht auch diesem Virus geschuldet, der sagt: kämpfe und besiege die anderen, sei mächtig, dann entscheidest du, wie´s läuft auf der Welt. Mit diesem „Kampfvirus“ in uns verheben wir uns immer wieder und sind in der Gefahr, unsere Welt und uns selbst zu zerstören. Die „biblische Gesundheitsvorsorge“ der Psalmen wird es nicht in ein Reformgesetz des Bundestages schaffen. Sie kann nicht in Gesetze gegossen werden. Denn Gott schreibt mir nichts vor, er lässt mir die Freiheit, mich zu entscheiden und mein Leben zu gestalten. Aber er sieht auch, wo ich auf einem Weg bin, der mich krank macht. Und wenn ich dann meine Not vor Gott trage, komme ich wieder in ein inneres Gleichgewicht, ich merke, was nicht stimmt und kann neu anfangen.


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Dieser Beitrag wurde am 01.04.2016 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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