Feiertag. 09.11.2014

von Lutz Nehk

Geteilt, aber nie getrennt. Persönliche Erinnerungen eines Berliner Katholiken

Autor
Wenn ich Jugendliche nach der „Wende“ frage, schauen mich als Antwort fragende Augen an. Ach so, ja, denke ich, die sind ja erst 17, 18 Jahre alt, waren noch gar nicht geboren als Deutschland vor 25 Jahren Fall der Berliner Mauer erlebte und feierte. Ein Ereignis, das sich so stark in die Erinnerung eingeprägt hat und damit so lebendig vor einem steht. Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die keine Erinnerung daran haben. Es gibt sie nun aber, und deswegen ist es gut, als Zeitzeuge davon zu erzählen, wie man diese Zeit erlebt hat: die Teilung in Ost und West, das bedrückende Gefühl oder die zur Gleichgültigkeit hin tendierende Normalität der Gegebenheiten.

Ich beginne meine Erinnerungen mit der an ein anderes Jubiläum: Im September waren es 50 Jahre her, da hat der amerikanischer Bürgerrechtler Martin Luther King die geteilte Stadt Berlin besucht. Was für Viele vielleicht unvorstellbar war, konnte er am 13. September 1974 eine Predigt in der Marien-Kirche am Ostberliner Alexanderplatz halten. Dabei sprach er gut drei Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer genau das Gefühl und die Hoffnung aus, die über die Jahre hinweg eine wirkliche Teilung verhinderte:

Zitat
Ich überbringe euch Grüße von den Brüdern und Schwestern aus den Staaten. Im wahren Sinne sind wir alle ein in Jesus Christus. Für ihn gibt es kein Ost, kein West, kein Nord, kein Süd, nur die eine großen Gemeinschaft der Liebe auf der großen weiten Welt. Es ist mir eine große Ehre hier in dieser Stadt zu sein, die vor aller Welt als Symbol der Teilung der Menschheit steht. Gibt es doch auf beiden Seiten der Mauer Gottes Kinder, und keine von Menschen erbaute Grenze kann diese Tatsache verdecken. Ob im Osten oder Westen, Männer und Frauen suchen nach dem Sinn, der Hoffnung auf Erfüllung, sehnen sich nach einem Glauben, der alles übersteigt, und sie verlangen verzweifelt nach Liebe und Gemeinschaft, die sie auf dieser Pilgerreise unterstützt. 

Autor
Es sind prophetische Worte. Denn schon hier spricht Martin Luther King von den Menschen der Wende. Die ist nicht einfach so vom Himmel gefallen und sie ist zuallerletzt das Ergebnis der Verhandlungen von Politikern und Regierungsbeamten. Einfache Leute, die sich nicht davon haben abbringen lassen, dass Gott der Herr ist und dass er dem Menschen Freiheit und Würde geschenkt hat, sie waren es. Sie haben die Hoffnung bewahrt. Sie haben sie wachsen lassen in ihren Gottesdiensten, in ihren Gebeten und Gesprächen in den oft bespitzelten aber dennoch geschützten Räumen der Kirche. Sie in Leipzig und Ost-Berlin, in Plauen und in Jena und an vielen anderen Orten der DDR haben dem Keim der Hoffnung Nahrung gegeben, bis er im November 1989 durchs Erdreich brach – nicht mehr zu übersehen, nicht mehr zu überhören, nicht mehr zu unterdrücken.

Musik

Autor
Ich bin ein Westberliner und Katholik. Ein doppelt Inaktiver also, was die Wende zur Deutschen Einheit betrifft. Als Westberliner hatte man ja nicht viel Gelegenheit, aktiv an der Entwicklung in der DDR teilzunehmen. Vielleicht auch gar nicht den Mut. Und die katholische Kirche?  Im Gegensatz zur evangelischen war sie in der Unterstützung der Bürgerrechtsbewegung in der DDR eher zurückhaltend. Sie vertraute auf andere Wege. Ich bin einmal meine eigene katholische westdeutsche Biographie durchgegangen mit der Frage, was sich da in Sachen Deutsche Einheit finden lässt:

Als ich geboren wurde, war Berlin noch nicht durch eine Mauer und Deutschland noch nicht durch Stacheldraht und Todesstreifen geteilt. Wir wohnten damals im Amerikanischen Sektor, in Zehlendorf, später in Steglitz. Es war noch möglich, sich frei zwischen den Westsektoren und dem Ostsektor der Stadt zu bewegen. Hin und wieder kam es vor, dass wir mit der S-Bahn oder der Straßenbahn durch den Sowjetsektor fahren mussten Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter zu uns Kindern dann immer sagte: "Jetzt seid ruhig und sitzt still, wir fahren durch den Russensektor." Also, nur nicht auffallen. Diese Worte sind mir später immer wieder ins Gedächtnis gekommen, wenn ich mit der U-Bahn durch die „toten Bahnhöfe“ gefahren bin. Das waren die Bahnhöfe einer Linie, die auf dem Territorium Ost-Berlins lagen. Sie waren nur schummerig beleuchtet, verstaubt und total runtergekommen. Die Züge fuhren nur ganz langsam, und manchmal sah man sogar einen bewaffneten Grenzsoldaten. Irgendwie hatte jeder im Zug ein mulmiges Gefühl: Russensektor.

Im August 1961 wurde Berlin durch die Mauer geteilt, und die drei Sektoren der Westalliierten wurden auch zur Sowjetischen Besatzungszone, also zum Umland hin abgeriegelt. Es entstand die Insel Berlin (West), die Frontstadt der Verteidigung der Freiheit. Für unsere Familie war das keine Tragödie, wie für so viele andere Familien. Vaters Familie war ohnehin schon immer im Südwesten Berlins zuhause. Mutters Familie war 1934 von Steglitz nach Teltow gezogen. Mit 14 Kindern erfüllten sie die Bedingungen für eine Wohnung in der Siedlung für „kinderreiche katholische Familien“, die aus einer Stiftung der katholischen Unternehmer Clemens und August Brenninkmejer neu erbaut worden war. Doch nach dem Krieg wurde das Pflaster in der Sowjetischen Besatzungszone für meinen Großvater gefährlich. Als aktives Mitglied der wiederbegründeten Zentrumspartei war da kein Platz für ihn. Einer seiner Söhne war zwei Jahre in einem Internierungslager der Russen verschwunden. Also setzte sich die Familie heimlich in den Amerikanischen Sektor ab, nach Berlin-Lichterfelde.

Kurzum, der Mauerbau traf unsere Familie nicht: Wir hatten keine Verwandten im Osten. Es gab keine „Westpakete“ zu schicken und keine Grüße zu den Feiertagen und aus den Ferien. Es war ohnehin so: Wenn man auf der Insel des freien Teils Berlins lebte, die Mauer nicht jeden Tag vor Augen hatte, keine Familie im Osten, dann war die deutsche Teilung nur wenig im Bewusstsein. Auf keinen Fall täglich. Bei Auto-, Bahn- oder Busreisen in den Westen musste man durch diese Grenzkontrollen. Aber so lästig und deprimierend das auch war, es war oft wieder schell vergessen.

Ein kirchlicher Anlass stellte mir die Teilung der Stadt Berlin und die deutsche Teilung vor Augen: das jährliche Fronleichnamsfest. Das hatte etwas mit der Person des Bischofs zu tun, der dieses Fest mit den Gläubigen feiern wollte. So stand man vor einem Problem: Der katholische Bischof residierte im Ostteil der Stadt, an der St. Hedwigs-Kathedrale in Mitte. Da er aber nicht gleichzeitig im Osten und im Westen den Gottesdienst mit der Sakramentsprozession feiern konnte, hatte man folgende Regelung getroffen: Am Vorabend des Feiertages wurde im Westen gefeiert – an der St. Canisius-Kirche und im Lietzensee-Park in Charlottenburg. Am Feiertag selbst feierte er am Abend das Fest mit den Gläubigen im Osten, in und vor der Bischofskirche.

Seit 1961 war Alfred Bengsch Bischof von Berlin. Drei Tage nach dem Bau der Berliner Mauer, also am 16. August, wurde er zum Nachfolger von Kardinal Julius Döpfner ernannt, der von Berlin nach München ging. Bengsch, später „Kardinal Bengsch“, war Berliner, geboren in Schöneberg. Keine andere Person hat so wie er für uns, die Katholiken Berlins, die Einheit des mit der Stadt geteilten Bistums repräsentiert. Wo immer er auftrat war das eine Demonstration der Einheit, auch wenn er sich öffentlich aus der Politik heraushielt. Schon seine Erscheinung war imposant: hoch gewachsen, eine Stimme, die wie ein Donner klingen konnte. In seiner Art Dinge zu kommentieren war er ein typischer Berliner. Wenn er mit seinem großen schwarzen Mercedes die Grenze von Ost nach West passierte hatte, musste sein Fahrer erst einmal das Nationalitäten-Kennzeichen „DDR“ vom Auto abmontieren.

Als Jugendlicher war also Fronleichnam für mich immer der Tag, diesem Bischof zu begegnen. Meine durch die fehlenden Verwandten im Osten unterentwickelte Trauer und Verärgerung über die deutsche Teilung wurde durch Kardinal Bengsch gewissermaßen aktiviert. Ich hatte einmal Gelegenheit, ihn persönlich zu sprechen. Da war ich schon Theologiestudent und Priesteramtskandidat. Es war im Oktober 1978 in Rom, zwei Tage, bevor das Konklave begann, in dem Papst Johannes Paul II. gewählt wurde. Bengsch sagte mir damals, welch große Hoffnung er auf die Geistlichen und die Gläubigen setzt: Dass sie die Einheit des Bistums Berlin bewahren, auch als ein Zeichen der Einheit Deutschlands. Er starb im Dezember 1979. In seinem geistlichen Testament schrieb er:

Zitat
„Liebe Brüder und Schwestern, lasst mich heute sagen, wie sehr ich Gott für die Gnade danke, dem Bistum Berlin vorstehen zu dürfen. Keinen anderen Platz auf dieser Erde hätte ich je dafür eintauschen wollen.“ 

Autor
In der Tat ist Alfred Bengsch bisher der erste und einzige Bischof des Erzbistums Berlin, der „von der Wiege bis zur Bahre“ mit der Stadt verbunden ist. Er schreibt in seinem geistlichen Testament weiter:

Zitat
„[…] beherzigt auch in Zukunft, was Euch als heiliges Volk Gottes aufgetragen ist: Bleibt in der Liebe Christi, bewahrt die Einheit des Bistums und steht fest in der Treue zum Heiligen Vater, dem Nachfolger des Apostelfürsten Petrus, den Christus zum Haupt seiner Kirche bestellt hat! Widersteht dem Ungeist des Hasses mit dem Geist der Liebe des Gekreuzigten, der noch in der Stunde seines Todes den Vater bittet, seinen Feinden zu vergeben. In einer Welt des Hasses, das wissen wir, kann niemand glücklich werden. In einer Welt des Hasses kann es keinen wahren Frieden geben.“

Musik

Autor
Das ganze Bistum Berlin kennen lernen. Dieses Ziel hatte ich mir zusammen mit Freunden aus der katholischen Jugendarbeit gesteckt. Das ganze Bistum, das heißt also von Rügen bis zum Fläming, von der Oder bis nach Havelberg. Möglich wurde das überhaupt erst durch die deutsch-deutsche Entspannungspolitik. Am 20. Dezember 1971 wurde in Ost-Berlin die „Vereinbarung zwischen dem Senat [von Berlin] und der Regierung der DDR über Erleichterungen und Verbesserungen des Reise- und Besucherverkehrs“ unterzeichnet. West-Berlinern wurde es darin gestattet, ein oder mehrmals bis zu dreißig Tage im Jahr „aus humanitären, familiären, religiösen, kulturellen und touristischen Gründen“ die DDR zu besuchen.

Das war für uns der Startschuss. Vor allen Dingen die Sommerferien verbrachten wir damit, „unser Bistum“ zu bereisen. Konkret hieß das: Jede Pfarrkirche, auch die in den abgelegensten Ecken, wurde aufgesucht und fotografiert – außen, innen, der Altarraum, Kreuzwegstationen, Orgel, besondere Details. Wir staunten nicht schlecht, was wir da zu sehen bekamen. Wie hier mit den wenigen Mitteln, die zur Verfügung standen, wunderschöne und liebevoll eingerichtete Gotteshäuser erhalten, gepflegt und sogar neu gebaut wurden. Wir spürten, dass die Kirche wirklich Mittelpunkt einer Gemeinde ist.

Manchmal überkamen uns sentimentale Gefühle von Friede, Geborgenheit und Heimat, wenn wir irgendwo in einem märkischen Dorf eine Kirche fanden, die umgeben war von alten Kiefern, die sommertags ihren würzigen Duft verbreiteten, die vom Licht der Sonne des späten Nachmittags, das durch die bunten Fenster fiel, in eine mystische Stimmung getaucht wurde. Hier war ein Ort, der sich so krass von dem Grau in Grau abhob, der die Seele eines Menschen in eine würdevolle Höhe zu heben vermochte. Das sind wir, das ist unser Bistum, sagten wir uns und niemand vermag uns das streitig zu machen.

Und es waren nicht allein die Orte, die uns dieses Gefühl gaben, es waren auch die Menschen, die Pfarrer, die einfachen Gläubigen, die Jugendlichen, die wir auf unsren Touren trafen. Ganz selten mal Misstrauen uns gegenüber. Immer Herzlichkeit, immer Offenheit und Dankbarkeit – dass wir aus dem Westen mal vorbeischauen, uns interessieren. Wir hatten Grund zur Dankbarkeit – für dieses Zeugnis an Glaube und Treue. Womit wir auf diesen Entdeckungsreisen durch das Bistum Berlin beschenkt wurden, ließ uns die blöden Umstande der Reisebeantragung und Grenzkontrollen schnell vergessen. Wie dumm da ein Grenzer sein konnte: Wir hatten als Mitbringsel einmal einen Packen kleiner Papstbildchen dabei. 200 mal Papst Pauls VI., eine Erinnerung an das Heilige Jahr 1975. Der Papst durfte nicht einreisen. Begründung: „So viele Papstbilder entsprechen nicht dem Reisecharakter Ihres Aufenthalts.“ Wir haben dem Mann mit dem sächsischen Akzent die Bildchen amüsiert und kampflos überlassen.

Musik

Autor
Der deutschen Teilung habe ich es zu verdanken, dass ich die ostwestfälische Stadt Paderborn kennen gelernt habe. Schon mit der Aufteilung Deutschlands in die vier alliierten Besatzungszonen war es für die Priesteramtskandidaten aus den Westsektoren Berlins nicht mehr möglich, ihr Theologiestudium in Erfurt zu absolvieren. Nun kam der damaliger Berliner Bischof, Wilhelm Weskamm, aus dem Erzbistum Paderborn, hatte dort an der Theologischen Fakultät studiert und war im Hohen Dom zu Paderborn zum Priester geweiht worden. Paderborn hatte ein großes Theologenkonvikt, in dem auch noch für die Berliner Platz war. So fingen etwa Mitte der 1950ger Jahre die Berliner aus dem Westen dort ihre Ausbildung an.

Paderborn ist aber so eine ganz andere Welt – vor allen Dingen kirchlich. Da waren wir aus der Berliner Großstadtdiaspora plötzlich ganz umgeben von einer Atmosphäre, die schon seit Ewigkeiten katholisch zu sein schien. Das stärkt natürlich die eigene Identität. Ich glaube, ich bin meinen Mitstudenten in den ersten Semestern ganz schön auf die Nerven gegangen mit meinem ständigen Feststellung: „Bei uns ist das ganz anders. Unser Bischof ist im Osten. Wenn wir zu ihm wollen, dann müssen wir gewissermaßen den, die ganze Welt teilenden, eisernen Vorhang überwinden.“ Und tatsächlich konnten es sich viele in Westdeutschland überhaupt nicht vorstellen, wie die Situation in Berlin war. Die Rolle des Ost-Experten habe ich gerne übernommen.

An Möglichkeiten, die Situation der katholischen Kirche in der DDR noch besser zu studieren, fehlte es auch in der Studienzeit nicht. Da waren vor allen Dingen die jährlichen Treffen mit den Berliner Theologiestudenten aus Erfurt. Von Mittwoch der Karwoche bis zum Ostersonntag stand Gemeinschaft auf dem Programm. Unsere Aufgabe war vor allen Dingen die Mitgestaltung und die Feier der Gottesdienste dieser intensiven Tage in der St. Hedwigs – Kathedrale. Alle Mann waren wir im St. Josephs-Heim in der Pappelallee in Prenzlauer Berg einquartiert, diesem im ganzen Land bekannten Ort kirchlicher innerdeutscher Beziehungen. Hier sollten Freundschaften wachsen, wenigstens freundschaftliche Beziehungen entstehen zwischen denen, die später einmal als Pfarrer in den Ost- und Westgemeinden tätig sein sollen. Das hängt natürlich auch immer von den Personen ab und lässt sich nicht verordnen. Aber es funktionierte, weil bei den meisten eben das auf fruchtbaren Boden gefallen war, was Alfred Bengsch der Gläubigen ins Merkbuch geschrieben hatte: "Bewahrt die Einheit des Bistums".

Dieses Anliegen wurde natürlich auch von seinem Nachfolgern, Kardinal Joachim Meisner und Kardinal Georg Sterzinsky, aufgegriffen. Sterzinsky wurde zwei Monate vor dem Mauerfall, am 9. September 1989, zum Bischof von Berlin geweiht. Er begann seine Amtszeit nicht nur mit dem Geschenk der Einheit, sondern auch mit der Last, die neu gewonnene Einheit zu gestalten. Darauf angesprochen sagte er immer: „Es ist eine Last, eine selige Last“

Musik

Autor
Die letzten Tage der Teilung Deutschlands habe ich in dem Teil erlebt, von dem aus sie beendet wurde: in der DDR. 1988 wurde ich für das Bistum Berlin zum Präses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend gewählt, abgekürzt BDKJ. Von der Arbeitsstelle Jugendseelsorge der Bischofskonferenz und dem BDKJ auf Bundesebene wurde jedes Jahr zu einer „Internationalen Jahreskonferenz für Jugendseelsorge“ eingeladen. Da kamen Seelsorgerinnen und Seelsorger aus allen deutschen Bistümer und dem deutschsprachigen Ausland zusammen. Der Tagungsort war mal in der Bundesrepublik, mal in Österreich oder in den Niederlanden. „International“ war das Treffen vor allen Dingen deswegen, damit auch die Jugendseelsorger aus der DDR daran teilnehmen konnten. Bei einem nur deutsch-deutschen Treffen wäre das niemals gegangen. Aber „internationales Niveau“ war ja für die Regierenden in der DDR ganz wichtig.

Längst bevor es dort akute Zeichen umwälzender Veränderungen gab, wurde eine Tagung in Heiligenstadt im Eichsfeld geplant. Ein Vorlauf von mehreren Jahren war notwendig. Unzählige Genehmigungen mussten eingeholt werden, nicht nur bei den staatlichen Stellen. Lebensmittel mussten rechtzeitig bestellt und zum Teil gehortet werden. Als das alles begann, war noch gar nicht abzusehen, was sich da in der Zeit vom 5. bis zum 10. November 1989 im Gastgeberland abspielen würde. Dass diese Konferenz im Marcel-Callo-Haus in Heiligenstadt dann wegen der schon schwierigen Situation von den staatlichen Stellen nicht abgesagt wurde, mag man schon als Zeichen deuten, dass man diesem System kaum noch eine Chance gab. So sah es auch die Bevölkerung. In einem Buchladen in Erfurt: Der eine fragt: "Was woll’n denn die ganzen Westler hier?" Der andere: "Die letzen Reste der DDR kaufen."

Am 6. November, das war ein Montag, gingen wir Teilnehmer der Konferenz bei einer abendlichen Demonstration mit. Ganz Heiligenstadt schien auf den Beinen zu sein, auch katholische Ordensfrauen. Auf die Frage, warum sich denn die katholische Kirche nicht viel mehr und früher in die Bewegung eingebracht hat, antwortete der Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Marien, Propst Paul-Julius Kockelmann, mit einem russischen Sprichwort: „Die Pferde der Hoffnung galoppieren, doch die Esel der Erfahrung schreiten langsam.“ Am 9. November hatten die Pferde der Hoffnung und die Esel der Erfahrung gemeinsam die Ziellinie erreicht. Es platze einer in unsere Diskussion: "In Berlin ist die Mauer offen." Alle in den Fernsehraum. Und da ist es zu sehen auf allen Kanälen: Menschen stehen auf der Berliner Mauer, sie schieben sich durch die engen Grenzübergänge, sie jubeln, sie weinen.

Pfarrer Paul Magino, der damalige BDKJ-Bundespräses, beginnt zu singen: „Nun danket alle Gott, mit Herzen Mund und Händen...“ Es ist ein Zeichen der Hochachtung vor den evangelischen Christen, dass er dieses alte evangelische Kirchenlied anstimmt und nicht den katholischen Schlager „Großer Gott, wir loben dich“.

Schlussmusik 


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Dieser Beitrag wurde am 09.11.2014 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

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