Morgenandacht, 29.03.2016

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Auferstehung aus der Nacht der Angst

Ein Ehepaar hat zwei Kinder, zwei Buben. Die Beziehung des Paares ist so durchschnittlich, wie wir heute sagen. Die beiden Buben sind Zwillinge. Als die Mutter mit ihnen schwanger ist, hat sie schon das Gefühl, dass die beiden in ihrem Bauch miteinander streiten. Und so bleibt es dann auch nach der Geburt. Die beiden Jungen werden zu Konkurrenten. Der ältere wird der Liebling des Vaters, der jüngere der Liebling der Mutter. Weil die Mutter ehrgeizig ist, versucht sie, die Position des jüngeren Sohnes zu stärken, damit er einmal das Erbe bekommt. Sie überlegt sich eine List, mit der sie ihren Mann und den älteren Sohn austricksen kann. Die beiden lassen sich übertölpeln und der Lieblingssohn der Mutter wird zum Haupterben. Aber als der ältere Sohn bemerkt, dass man ihn betrogen hat, wird er so wütend, dass er seinen jüngeren Bruder umbringen will. Aber der macht sich, so schnell ihn die Füße tragen, davon. Er findet eine neue Heimat bei einem entfernten Verwandten, verliebt sich dort und gründet eine Familie mit vielen Kindern. Man findet die Geschichte dieses Mannes und seiner Familie in der Bibel, es ist die Lebensgeschichte des Jakob.

Irgendwann bekommt Jakob das Gefühl, dass er noch einmal zurück muss in seine Heimat, um sich mit seinem Bruder Esau zu versöhnen. Also nimmt er seine ganze Familie und zieht in das Land seiner Eltern zurück. Und als sie an einen großen Fluss kommen, spürt Jakob wie die Angst in ihm aufsteigt. Dabei erlebt er etwas Seltsames: Mitten in der Nacht tritt ihm eine dunkle Gestalt entgegen und kämpft mit ihm bis zum Morgengrauen. Sie sagt zu Jakob: „Lass mich los, es wird schon Tag!“ Aber Jakob erwidert: „Ich lasse dich erst los, wenn du mich gesegnet hast. Jakob bittet den Fremden: „Sag mir doch deinen Namen.“ Der sagt nur: „Warum fragst du?“ Und er segnet Jakob.

In dieser geheimnisvollen Szenerie ist der breite Fluss das Bild für eine Übergangssituation, eine Schwelle. Und an dieser Schwelle taucht in der Erzählung eine dunkle Gestalt auf, die mit Jakob ringt. Auch wir wissen ja heute, dass an solchen Übergängen im Leben Angst aufsteigt. Denn man weiß nicht, was geschehen wird, wenn man die Schwelle überschreitet. Deshalb kann die Angst zu einer dunklen, dämonischen Macht werden, die sich mir in den Weg stellt. Und an einer Schwelle geht mein Blick auch nochmal zurück: So vieles habe ich in der letzten Zeit erlebt, was noch nicht abgeschlossen ist. Und ich muss mich fragen: Wie kann ich diesen Ballast loswerden, damit es weitergeht?

In der Erzählung von Jakob geschieht etwas Merkwürdiges. Jakob ist es, der die dunkle Gestalt festhält. Er könnte sie ja einfach loslassen, aber er sagt: Ich lasse dich nicht los, bis du mich segnest. Jakob will also eine Bestätigung, er lässt die Angst und die alten, unerledigten Sachen seiner Vergangenheit nicht los, bis er Kraft spürt, bis er sich bestätigt fühlt. Er will spüren können, dass es gut weiter geht und dass er selbst auch gut ist, trotz seiner vielen Fehler.

In der christlichen Kunst wurde diese Szene immer wieder so dargestellt, dass die dunkle Gestalt eigentlich ein Engel ist. In dieser Deutung ist es also letztlich Gott, der sich Jakob in den Weg stellt. Es bedeutet, dass wir eigentlich mit Gott ringen, wenn wir an einer Schwelle stehen. Ich ringe darum, dass es in dem ganzen Durcheinander meiner Gefühle jemanden gibt, der mir sagt: Du bist gut. Geh deinen Weg weiter, hab keine Angst!

Die berühmte Geschichte des Jakobkampfes zeigt, dass dieses Ringen lange dauern kann. Jakob ringt die ganze Nacht. Ich darf also nicht loslassen, ich muss mit Gott ringen, ich muss ihm seinen Segen abringen, denn wenn ich ihn festhalte, bin ich auch mit ihm in Kontakt. Und die unerledigten Dinge meines Lebens, die darf ich loslassen.

Und der Kontakt mit Gott gibt mir die Kraft für einen neuen Anfang. Das ist dann meine Auferstehung aus der Nacht der Angst!


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Dieser Beitrag wurde am 29.03.2016 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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