Wort zum Tage, 26.03.2016

von Andreas Brauns aus Schellerten

Gottes Liebe

Kann der Gott, an den Christen glauben, wirklich die Liebe sein? Der Gott, der seine Geschöpfe gnadenlos in einer Sintflut untergehen lässt? Der Mose den Eintritt ins verheißene Land verweigert und seinen einzigen Sohn am Kreuz sterben lässt? Liebe, sie würde doch anders handeln...

Aber im Evangelium des Markus bekennt ein römischer Soldat unter dem Kreuz: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“ (Mk 15,39). Ausgerechnet einem Heiden werden diese Worte in den Mund gelegt. Er bekennt den Gott, der für Christen die Liebe ist. Eine Provokation?

Sicher ein Anstoß zum Umdenken. Jesus hat sich nie als der lang ersehnte Messias feiern lassen. Seinen Jüngern hat er ein ganz anders Bild vermittelt: Er hat ein Erbarmen mit Menschen gehabt, das alles übersteigt. Ein göttliches Erbarmen. Eine Barmherzigkeit der offenen Arme. Und ein empfindsames Herz, dem Herzen Gottes ähnlich - und seiner Liebe.

Das aber fordert Christen zum Umdenken heraus. Frère Emmanuel aus Taizé schreibt in seinem Buch „Gottes Liebe größer als gedacht“, „Wer nach einem Gott fragt, dessen Wesen Liebe ist, muss darauf  bedacht sein, Gottes Allmacht nicht länger im Sinne menschlicher Allmachtswünsche zu verstehen“ (1). Wenn Gott ein Gott der Liebe ist und er den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat, dann respektiert Gott die Freiheit seiner Geschöpfe. Er zwingt nicht. Nicht zu guten Taten und auch nicht dazu ihn zu lieben. Aber Gott selbst kann nur lieben. Für den Bruder aus Taizé heißt das aber auch: „Ein Gott der Liebe kann ja nicht anders, als unter all dem Bösen leiden, das begangen wird, furchtbar leiden und an der Seite der Leidenden stehen“ (2). Er wird nicht aufhören zu lieben, weil es ihm um den Menschen geht.

Der Theologe Hansjürgen Verweyen hat einmal geschrieben: „Wenn dem Menschen nun aber Liebe als Versuch begegnet, ohne Gegenleistung dem Besten in ihm zum Durchbruch  zu verhelfen, dann wittert er Gefahr. Denn Anerkennung in dieser Form stellt seinen ganzen Lebensentwurf infrage“ (3).  Also: Gottes bedingungslose Liebe stört sozusagen bei der Selbstverwirklichung und ebenso bei der heute allgegenwärtigen Selbstoptimierung. Denn diese bedingungslose Liebe wird so gedeutet: Wer selbstlos andere liebt, kann sich offensichtlich nicht selbst verwirklichen. Er braucht den Anderen. Ein bedauernswertes Mangelwesen...

Doch Gott kann nur lieben, er ist die Liebe. Liebe, die gibt, sich selbst gibt, um den Anderen zu befreien. Frère Emmanuel schreibt: „Eine Liebe, die bereit ist, allen Hindernissen entgegenzutreten und sich niemals von dem geliebten Wesen trennen zu lassen…“ (4).  Solch eine Liebe lässt sich auch vom Tod nicht in die Schranken weisen.


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Dieser Beitrag wurde am 26.03.2016 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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