Wort zum Tage, 24.03.2016

von Andreas Brauns aus Schellerten

Flug 4U 9525

Was sich vor einem Jahr in den französischen Alpen ereignet hat, ist bis heute unfassbar: Ein Airbus mit 150 Menschen an Bord zerschellt an einer Felswand. Es war kein Unfall, denn der Copilot hat die Maschine gezielt zum Absturz gebracht.

Bis heute ist das unfassbar.

Damals brannten 150 Kerzen beim bewegenden Gottesdienst für die Opfer im Kölner Dom. 150 Lichter im Dunkel der Hinterbliebenen. Für sie gab es keinen Trost, da war nur ein Abgrund. Sie waren erschüttert bis ins Innerste.

In dieser Verfassung haben sie sich in einer Kirche versammelt, gemeinsam die Situation ausgehalten. Es gab Musik und Worte, die vielleicht ihr Herz berührt haben, weil sie die unerträgliche Stille durchbrochen haben. Die Feier war ein Ort für Tränen und Klage.

Wie groß ist das Leid, das Menschen ertragen müssen? Wie mächtig das Dunkel, in dem nur eine Kerze brennt? Aber diese eine Kerze brennt. Für Christen ist sie ein Zeichen für Gottes Aufstand gegen den Tod. Denn Gott hat seinen Sohn nicht dem Tod überlassen, doch er hat ihn nicht vor dem Sterben bewahrt. Nein, Jesus wurde verhaftet, verurteilt und ans Kreuz geschlagen. Weil er die Pläne der Mächtigen durchkreuzte.

Christen glauben: Gott handelt und der Tod hat nicht das letzte Wort. Das verhindert beim Abschied keine Tränen. Doch da ist die Hoffnung: Die Verstorbenen sind bei Gott, in seinem Licht.

Wenn Christen heute einen Menschen zu Grabe tragen, dann steht da eine Frau oder ein Mann in einem weißen Gewand mit einer Osterkerze in der Hand. Ausgerechnet da, wo alles nur noch dunkel ist, das Licht einer Kerze und ein weißes Gewand. Das verändert alles. Es nimmt nicht den Schmerz , aber es ist, als ob da jemand trotz allem der Macht des Todes entgegentritt. Nicht aus sich heraus, sondern mit der österlichen Gewissheit: Gott handelt .

Doch er handelt nicht so, wie ich es mir wünsche. Nein, er mutet mir Schmerz, Trauer und Wut zu. Aber er weicht mir dabei nicht von der Seite. Das hoffen und glauben Christen. Gott ist Mensch geworden, damit wir begreifen: Er ist nicht der allmächtige Herrscher, der alles niederringt. Nein. Er ist der unbeirrbar treue Gott, der seinen Geschöpfen zur Seite steht, wie eine barmherzige Mutter, ein barmherziger Vater mit offenen Armen. In diese Arme kann ich mich flüchten mit meinen Tränen, aber auch mit meiner Wut. Diese Arme warten auf mich. Sie zwingen mich nicht, doch sie sind offen für mich.

Darum kann ich in der größten Trauer noch eine Kerze anzünden, denn ganz tief in mir ist da die Hoffnung: Gott ist auch jetzt bei mir. Meine Tränen lassen ihn nicht kalt, weil er liebt.


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Dieser Beitrag wurde am 24.03.2016 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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