Wort zum Tage, 22.03.2016

von Andreas Brauns aus Schellerten

Gottesflüsterer

Pferdeflüsterer faszinieren mich. Diese Menschen, die besonders gut mit Pferden umgehen können und auf beeindruckende Weise mit ihnen kommunizieren. Der Flüsterer und das Pferd: sie verstehen sich ohne große Worte. Beim Schaf- oder Kuhflüsterer dürfte es ähnlich sein.

Wie aber ist es bei einem Gottesflüsterer? „Gottesflüsterer“, das ist der Titel eines Buches. Es hat mich neugierig gemacht. Geschrieben hat es ein erfahrener Seelsorger: Albert Damblon. Er bekennt: dass jede Antwort in Sachen Glauben neue Fragen hervorbringt. Alles Denken und Schreiben bleibt also nur Spurensuche und tastende Annäherung an Gott. Mehr ist nicht drin. Nichts kann die Zweifel verscheuchen – nur Gott selbst, die Erfahrung seiner Nähe.

Doch gerade in den Tagen vor Ostern sind die Zweifel groß. Da ist immer wieder die Frage nach dem Warum: Warum musste Jesus all das ertragen? Aber auch: Warum müssen so viele Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer sterben?

Dahinter steckt die Frage: Was ist das für ein allmächtiger Gott, der so etwas zulässt? Albert Damblon findet die Antwort in der Bibel, genauer im Lukasevangelium - in der Erzählung vom barmherzigen Vater. Im Orient vor 2000 Jahren kam dem Vater der erste Rang zu. Alle anderen hatten sich ihm unterzuordnen. Und was so ein Vater, ein echter Patriarch, mit einem Sohn macht, der sein Erbteil durchbringt und dann zu ihm zurückkehrt, das lässt sich unschwer erraten. 

In dem Buch „Gottesflüsterer“ heißt es: „Der Vater hätte warten müssen, bis sich sein entlaufener Erbe ihm reuevoll in die Arme wirft. Nur so wäre er seiner Rolle gerecht geworden. Aber er verzichtet darauf. … Er läuft dem Halunken entgegen, nicht wissend, was dieser im Schilde führt. …Gerade ein Patriarch wäre besser in der Tür stehen geblieben und hätte gewartet“ (1).

Diese Erzählung sprengt tatsächlich jede Vorstellung, die ich von einem Patriarchen habe - und auch jede Vorstellung von einem allmächtigen Gott. Albert Damblon schreibt: „Wie dieser Vater ist Gott. Er verzichtet auf alle göttlichen Privilegien, die der Mensch im Lauf der Jahrtausende ihm zugesprochen hat. … Genau wie der Vater handelt er, unerwartet und inkonsequent“ (2).

So ist Gott? Ja, so ist Gott, der sich in seinem Sohn ganz in die Hand der Menschen begeben hat. Der eine Zuwendung und Nähe zeigt, die alle Gottesbilder zerschlägt. Jesus hat den Menschen seiner Zeit den Willen seines Vaters nahe gebracht. Es war ihm todernst mit seiner Botschaft vom Reich Gottes. Bis heute sind Kinder, Frauen und Männer unterwegs im Namen des Herrn. Sie setzen sich ein für Menschen, tun Gutes und versuchen so Gott auf die Spur zu kommen oder auf der Spur zu bleiben.


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Dieser Beitrag wurde am 22.03.2016 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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