Wort zum Tage, 21.03.2016

von Andreas Brauns aus Schellerten

Stille Woche

Es ist still im Sprengel-Museum in Hannover. Schweigend stehen die Besucherinnen und Besucher vor den Bildern und Darstellungen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie still es ist, wenn Menschen sich Kunstwerken aussetzen und staunen.

Der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr schreibt über diese Situation: „Ich glaube, wenn Sie etwas in Ihrem Leben als schön erkennen, dann ist es zumindest zum Teil aus dem Schweigen aufgestiegen, das es umgibt. … Nur wenn etwas von Schweigen und sehr viel Raum umgeben ist, können wie es als einzigartig und schön schätzen. Wenn es sich mit allem anderen vermischt, bleibt seine Einzigartigkeit … unsichtbar“ (1). Es braucht also Schweigen, es braucht Stille, damit etwas in seiner ganzen Tiefe wahrgenommen werden kann, damit es mich berührt.

Vielleicht heißt darum auch die Woche vor Ostern seit alter Zeit „stille Woche“. Es ist für Christen die Woche, in der sich Entscheidendes ereignet hat: Das Leiden und das Sterben Jesu. Doch daran kann ich mich nicht erinnern, ohne zugleich an die Menschen zu denken, die heute leiden und sterben, die auf der Flucht sind vor Terror, Krieg oder Hunger. Denen eine sichere Zuflucht jedoch verweigert wird. Die Nachrichten lassen viele ohnmächtig und sprachlos zurück. Sie schweigen.

Schweigen, das ist eine völlig harmlose Sache. Schweigen hat was von Leere, von Nichts. In seinem Buch „Stille und Mitgefühl“ bemerkt der Ordensmann Richard Rohr aber auch: „Ohne das Schweigen machen wir keine echten Erfahrungen. Wir erleben so viel, aber unsere Erlebnisse haben nicht die Macht, uns zu verändern, uns aufzuwecken“ (2).  Schweigen ist der erste Schritt hin zu mehr Liebe und Mitgefühl. Schweigen verändert mich.

Ich spüre eine Nähe zu dem, was um mich herum ist. Ich lebe nicht in meiner eigenen Welt. Nein, ich bin Mitmensch. Und mein Schweigen wird bedeutsam, so der Franziskanerpater: „Wir müssen im Jetzt erwachen. Und wir können im Jetzt erwachen – durch das Schweigen. … Wir müssen verletzlich werden, berührbar für den Augenblick, damit er die Macht bekommt, uns zu verändern“ (3). Das ist für Richard Rohr entscheidend: „Auf vielerlei Weise ist die Nähe zum Augenblick, die Verletzlichkeit in der Gegenwart aller Realität nichts anderes als Spiritualität. … Wenn unsere Spiritualität uns nicht verletzlicher macht, dann habe ich Zweifel, ob sie überhaupt etwas taugt“ (4).

Wenn Christen also in den Tagen der stillen Woche sich an das Leiden und Sterben Jesu erinnern, dann ist es gut zu schweigen, damit die Erinnerung anrührt und in Bewegung bringt. Damit Herz und Hände sich engagieren, um die Welt wenigstens ein bisschen zu verändern. Es kommt nicht darauf an, unter dem Kreuz zu arbeiten, es kommt darauf an, das Kreuz mit zu tragen, das Menschen niederdrückt.


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Dieser Beitrag wurde am 21.03.2016 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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