Morgenandacht, 26.11.2014

von Dr. Silvia Katharina Becker, Bonn

Martin Schleske oder: die Wolke der Herrlichkeit

Autorin
Martin Schleske ist ein ungewöhnlicher Mensch: Geigenbauer, Physiker, Gottsucher, Erfolgsautor. Jedes Jahr baut er etwa 20 Geigen. Meistergeigen - vor allem für die ganz Großen, die Solisten und Konzertmeister auf den Podien dieser Welt. 2010 erschien sein Buch: „Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens“, das mittlerweile in die 9. Auflage geht. Seitdem ist er so etwas wie ein Geheimtipp in Sachen Spiritualität.

Mittlerweile fragen bei ihm Generalvikare und Bischofskonferenzen an, aber auch Ordensgemeinschaften und kleine religiöse Gruppierungen unterschiedlichster Prägung.

Wie nur wenige Menschen vereint er in seinem Leben unterschiedliche Welten: Ein Geigenbauer, der sich dem Klang der Geige auch als Physiker nähert. Und ein Physiker, für den die Materie kein Gegenpart zu Gott ist, sondern eine seiner Ausdrucksformen.

Direkt gegenüber der Werkstatt liegt sein Akustiklabor, in dem eine Geige inmitten verschiedenster Apparate auf einer Halterung fixiert ist. Er erklärt mir die Messinstrumente. Das Gegenüber der beiden Räume – Labor und Geigenbauwerkstatt - besitzt dabei für ihn eine geradezu symbolische Bedeutung.

Martin Schleske
Hier im Raum da geht’s um einen akustischen Körper. In dem Moment ist die Geige für mich nur ein akustischer Körper, den ich analysiere in seinem ganzen Eigenschwingungsverhalten, also die Moden, die Eigenfrequenzen, die Dämpfungen. Zu unterscheiden zwischen Akustik und Klang oder zwischen Labor und Atelier, das ist für mich so ein bisschen ein Gleichnis auch für unser Leben, dass wir verschiedene Ebenen haben. Könnte man genauso sagen wie Theologie und Glaube. Theologie ist eine Frage der Akustik sozusagen. Da muss ich anders vorgehen. Glaube erlebe ich nur, indem ich mich drauf einlasse. Also ich kann den ganzen Kopf voll Theologie haben, aber es hat nichts mit mir zu tun. Genauso kann ich den ganzen Raum voll akustischer Messwerte erzeugen und hab nie was gehört.

Autorin
Unversehens bezieht er das Gegenüber von Akustik und Klang auf eine umfassendere Dimension, nämlich auf das Verhältnis zwischen Gehirn und Geist. 

Schleske
Gehirn ist drei Kilo denkendes Fleisch. Das ist wie Akustik sozusagen. Aber daraus erkläre ich noch nicht, was Geist ist. Und der sich selbst reflektierende Geist. Also das sind so zwei Welten. Und das ist für mich toll, dieses  Wechselspiel ständig zwischen dem Labor und der Werkstatt.

Autorin
Ein Sinnbild für das Nebeneinander, ja für das aufeinander Verwiesen sein von Geist und Materie, von materieller und spiritueller Welt.

Schleske
Das ist für mich fast so ein Augenzwinkern Gottes, dass nach zwei- drei- vierhundert Jahren Aufklärung die Philosophie gedacht hat, das Thema Gott hat sich sowieso erledigt und wird sich von selbst erledigen. In 200 Jahren gibt es einfach keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte, wo man Gott einsetzen kann. Wir müssen Gott gar nicht abschaffen. Es wird einfach peinlich sein, an Gott zu glauben.

Und Jahre später hat die Materie …, den Materialisten, denen ist der Boden weggezogen worden, nämlich die Materie. Weil man sagen muss – das ist de facto die Erkenntnis der Quantenphysik: Materie besteht nicht aus Materie. Am Ende ist es was anderes. Hans-Peter Dürr zum Beispiel, der Heisenberg Schüler war, der sagt, das ist eine geistige Grundstruktur. Das ist eine geistige Struktur, die aus Materie und Energie die Welt hervorbringt, gerinnen lässt. Also eigentlich Logos des Johannesevangeliums: Das Wort wird Fleisch.

Autorin
Die Wirksamkeit religiöser Phänomene wie Fürbitte zum Beispiel seien vor diesem Hintergrund für ihn viel leichter verständlich. Denn:


Schleske
Natürlich sind wir geistig viel intensiver miteinander verbunden, als wir materiell annehmen. Aber es sind Kräfte wirksam. Das heißt: Eigentlich hat die Quantenphysik eine ganz heilsame Verunsicherung gebracht in unser Denken. Es ist davor viel schwerer gewesen – Ende des 19. Jahrhunderts - an Gott zu glauben als jetzt im 21. Jahrhundert. Die Wirklichkeit ist eine Wolke, eine Wolke der Herrlichkeit. Und du greifst hinein, greifst etwas heraus und es geschieht. Das wird zur Gegenwart. Es können unterschiedliche Gegenwarten entstehen, je nachdem, was du herausgreifst. Das heißt: Es ist eine Wolke an Möglichkeiten. Also das Heilige ist nicht der Plan, so muss es passieren, sondern das Heilige ist: Es ist vieles möglich. Aber was geschieht? Das bestimmen wir durch unser Herz, das hineingreift in das brodelnde Potentialfeld – das wäre jetzt die Sprache der Quantenphysik - und es geschieht.

Autorin
Diese Wolke der Möglichkeiten bezieht er ganz selbstverständlich auf die Schechina, die Herrlichkeit Gottes im Alten Testament, die Gottespräsenz. Repräsentiert durch eine Wolke, die vor dem Volk Israel herzog.

Das aber bedeutet: Gott ist anwesend, in jedem Augenblick, jeder Sekunde dieses Daseins. Ich muss nur hineingreifen in diese Gegenwart. Und das ist unendlich schwer und unendlich einfach zugleich.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 26.11.2014 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche