Morgenandacht, 17.03.2016

von Erzbischof Heiner Koch aus Berlin

„Mehr als man glaubt – Von der Unmöglichkeit des Menschen ungläubig zu sein“.

Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer!

Viele Menschen, nicht nur in Berlin, sehen sich nicht der Lage oder sind nicht willens, sich auf eine bestimmte Glaubensrichtung festzulegen. „Ich weiß nicht, ob es Gott gibt oder nicht. Und schon gar nicht sehe ich mich in der Lage, mich für eine bestimmte Religion zu entscheiden“, schreibt eine Frau. „Alle Religionen sind doch gleichwertig, nur kulturell unterschiedlich begründet und geprägt, wie Lessings Ringparabel es aufweist, und so ziehe ich den Schluss, in Glaubensfragen keine Entscheidung zu treffen“, schreibt ein Mann.

Unentschieden bleiben, sich nicht an eine bestimmte Religion binden, sich nicht festlegen, auf welche Botschaft hin ich mein Leben baue: Viele wollen weder atheistisch noch gottgläubig sein, sondern beides gleichzeitig. Oder, treffender: Sie pendeln unentschieden zwischen beiden Lebenshaltungen hin und her. Dieses Unentschieden bleiben kann ich als theoretisches Gedankengebilde noch nachvollziehen, im konkreten Leben aber ist es uns Menschen nicht möglich, in Fragen des Glaubens keine Entscheidung zu treffen. Faktisch lebt jeder einzelne entweder mit Gott oder ohne ihn. Einen Zwischenweg gibt es da nicht. Im Alltag lebe ich entweder verantwortungsbewusst vor Gott und mit Gott oder ich lebe ohne ihn; entweder ich nehme Gott in den Blick oder ich verdränge ihn aus meiner Sichtweise. In unserem täglichen Handeln beantworten wir als Einzelne und als Gesellschaft die Frage, für welchen Glauben wir uns entschieden haben: für den Glauben mit Gott oder für den Glauben ohne Gott.

Unsere Gesellschaft ist in weiten Lebensbereichen so gestaltet, als ob es keinen Gott gäbe. Im Programm vieler deutscher Fernsehsender etwa taucht selbst an christlichen Feiertagen das Wort Gott nur am Rande auf. Wenn man aus staatlichen Einrichtungen die Zeichen des Glaubens herausnimmt, so ist dies nicht ein Zeichen von Toleranz und gleichem Abstand zu allen Glaubensrichtungen, dieses Handeln fördert vielmehr den Glauben, dass es keinen Gott gibt. Nichts erinnert mehr an ihn. Und so verschwindet der Glaube an Gott aus immer mehr Lebensbereichen zu Gunsten des Glaubens, dass es keinen Gott gibt.

Dadurch, dass Gott aus vielen gesellschaftlichen Lebensbereichen verdrängt wird, werden nicht wenige Menschen oft unbewusst in ein Leben ohne Gott gelenkt. Wenn in zahlreichen Medien, mit ihrem großen Einfluss auf das Denken und Empfinden der Menschen, die Gottesrede faktisch verstummt, dann kann es nicht verwundern, dass auch im Leben vieler Zeitgenossen Gott an den Rand gedrängt wird und sie in den Glauben des Atheismus hineingeraten. Doch gerade in den grundlegenden Fragen seines Lebens so manipuliert zu werden, widerspricht der Größe und Würde des Menschen. Jeder von uns hat die Fähigkeit, verantwortungsvoll für sein Leben Glaubensentscheidungen zu treffen und Glaubenspositionen zu vertreten. Deshalb muss der Mensch sich sehr bewusst den Fragen stellen: Welche Perspektive und welches Ziel habe ich? Welche Werte suche ich in meinem Leben bis zu meinem Tod zu verwirklichen? Worauf baue ich in meinem Leben, und was gibt mir Halt?

In eine Straßenbahn stieg eine junge Frau ein, die an einer Anstecknadel ein kleines Abzeichen trug mit der Aufschrift; „Jesus lebt“. „Mit dem Blödsinn bin ich fertig“, rief ihr ein Mann zu, als er die Aufschrift auf ihrer Medaille gelesen hatte. „Man muss seinen Halt in sich selbst haben. Das genügt.“ Doch die junge Frau konterte äußerst schlagfertig: „Das können wir gleich ausprobieren. Bei der nächsten Kurve halten Sie sich doch an ihrer eigenen Krawatte fest!“

Woran halte ich mich in meinem Leben fest? An mir? Oder an nichts? Oder an Gott? Das Leben eines Jeden ist ein einmaliges Geschenk, darum eine kostbare Zeit. Faktisch lebe ich diese Zeit entweder mit oder ohne Gott. Zwischen diesen Alternativen sich bewusst zu entscheiden, ist wesentlicher Ausdruck der Größe und Würde eines jeden Menschen.


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Dieser Beitrag wurde am 17.03.2016 gesendet.





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