Morgenandacht, 25.11.2014

von Dr. Silvia Katharina Becker, Bonn

Martin Schleske oder: den Gipfel erstürmen

Autorin
Martin Schleske ist ein ungewöhnlicher Mensch: Geigenbauer, Physiker, Gottsucher, Erfolgsautor. Jedes Jahr baut er etwa 20 Geigen. Meistergeigen - vor allem für die ganz Großen, die Solisten und Konzertmeister auf den Podien dieser Welt. 2010 erschien sein Buch: „Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens“, das mittlerweile in die 9. Auflage geht. Seitdem ist er so etwas wie ein Geheimtipp in Sachen Spiritualität.

Mittlerweile fragen bei ihm Generalvikare und Bischofskonferenzen an, aber auch Ordensgemeinschaften und kleine religiöse Gruppierungen unterschiedlichster Prägung. Wie er voller Staunen berichtet:

Martin Schleske
Und das Lustige finde ich dran, dass so viele verschiedene Gemeinschaften und Konfessionen und Bewegungen das für sich ganz stark aufgenommen haben. Und alle meinen quasi, ich bin einer von ihnen.

Autorin
Berührungsängste sind ihm dabei völlig fremd.

Schleske
Also wo ist das Problem? Wenn wir quasi mit einer Ehrfurcht und mit einer Liebe etwas wagen, was an charismatischer Kraft, an Möglichkeiten da ist. Und die haben zum Teil mein Buch und lieben das. Und dann gibt es aber wieder, waren hier in der Werkstatt - das war ein unglaublicher Abend - waren neun Novizinnen von Benediktinerinnen. Und da hat die eine ihrer Mitschwester zur Einkleidung den Werkstattbesuch geschenkt. Und so tolle Frauen. Das war unglaublich. Alle so um die dreißig oder unter dreißig. Ganz, ganz tolle Frauen. Und das war dann so süß. Da habe ich die Hölzer gezeigt. Und dann haben die gesagt: Ja, das steht ja in dem Kapitel drei. Und ach, das ist das Mastix. Ja, ja, das steht … Fast schon so „Kapitel 11, Vers 25“. Und da habe ich gedacht: Das ist wirklich etwas Besonderes, dass auch da, in diesen Ordensgemeinschaften wurde das ganz stark aufgenommen.

Autorin
Trotz (oder wegen) dieser großen Weite, trotz dieser unglaublichen spirituellen Vitalität sieht er vieles in der Kirche durchaus kritisch:


Schleske
Kirche – was wir sonst so als Kirche verstehen – ist ganz oft, ja, macht mich so müde und frustriert. Ist für mich manchmal so Basislagertheologie. Das heißt: Es sind die Leute, die eigentlich mal den Anspruch hatten, wir wollen den Achttausen­der besteigen, haben dafür ein, zwei, drei Basislager errichtet. Und haben sich ihr ganzes Leben eingerichtet im Basislager und haben vergessen, dass das Basislager dazu da ist, dass sie den Gipfel erklimmen, den Gipfel der Gottesbegegnung. Wir streiten uns sozusagen über die Expeditionsberichte - das heißt dann Neues Testament - und legen kleinste Kleinigkeiten aus, anstatt zu sagen: Das soll uns Mut machen, unser Basislager zu verlassen und den Gipfel zu erklimmen, den Gipfel der Gottesbegegnung.

Autorin
Und er – der Physiker - propagiert, ähnlich wie es eine theoretische Physik und eine Experimentalphysik gebe, so etwas wie eine Experimentaltheologie:


Schleske
Also Experimentalphysik geht oft der Erkenntnis voraus. Und so glaube ich – auf die Theologie übertragen oder auf dieses Bild von dem Gipfelstürmer -, eine Experimentaltheologie würde sagen: Wir wissen eigentlich ganz wenig. Aber wir lassen uns drauf ein, auf diese Expedition. Was ist möglich durch Gebet? Was ist möglich durch Glaube? Also warum soll man nicht viele Worte ernst nehmen, die im Neuen Testament stehen? Die so radikal dastehen und so schroff und uns in Frage stellen. Wenn Jesus mir sagt: Alles ist möglich, dem der da glaubt, dann ist das eine Wahnsinnsohrfeige. Weil ich sagen muss: Moment mal. Dem entspricht mein Leben aber nicht. Und dann ist es beglückend, manchmal kleine Schritte zu erleben und zu sagen: Doch, manches davon passiert.

Autorin
Und wenn diese kleinen Schritte nicht möglich sind? Wenn ein Mensch unfähig ist zu Glaube und Gebet? Martin Schleske braucht eine Weile, bis er die Frage überhaupt versteht:


Schleske
Ja, ich weiß nicht, was das heißt: Ich kann nicht beten. Ich glaub keinem Menschen, dass er sich nicht hinsetzen kann, dass er still werden kann, dass er vielleicht ins Nichts hineinsprechen kann – alles, was jetzt da ist, was es gibt. Das schönste Gebet, das ich Gott sagen kann, ist: Ich setze mich hin in der Stille und sage: Hier bin ich. Und jetzt warte ich ab. Jetzt schau ich, was passiert. Vielleicht passiert sehr viel. Vielleicht sagt Gott: Endlich. Hier ist jemand, der vielleicht sogar endlich aufhört zu beten, indem er mich zu plappert mit seinen ganzen Gebeten. Einfach nur da ist. (Und sagt: Hier bin ich.) 

Autorin
Dasein vor Gott. Gott mein „Hier bin ich“ zuflüstern und in aller Demut abwarten:
Ein guter Vorsatz - nicht nur für diesen Tag.


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Dieser Beitrag wurde am 25.11.2014 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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