Morgenandacht, 24.11.2014

von Dr. Silvia Katharina Becker, Bonn

Martin Schleske oder: Der Mensch, das gedämpfte Instrument

Autorin
Einen solchen Menschen traf ich noch nie. Als erstes fällt mir seine Leidenschaft auf, sein inneres  Feuer, dieses Brennen. Martin Schleske ist von einer Wachheit, die ansteckt. Martin Schleske, der Geigenbauer, der Physiker, der Gottsucher, der Erfolgs­autor. Jedes Jahr baut er etwa 20 Geigen. Meistergeigen - vor allem für die ganz Großen, die Solisten und Konzertmeister auf den Podien dieser Welt. 2010 erschien sein Buch: „Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens“. Seitdem ist er in kirchlichen Kreisen so etwas wie ein Geheimtipp in Sachen Spiritualität. In 14 Kapiteln beschreibt er den Werdegang einer Geige als spirituellen Weg. Jeder Schaffensschritt ein Gleichnis für die Suche und Begegnung mit Gott. Über seine Berufung als Geigenbauer sagt er:

Martin Schleske
Der Geigenbau oder eine Geige zu bauen ist für mich schon eine Grundberufung. Ein Instrument zu bauen, auf dem ein Musiker singen kann. Das ist eine Berufung. Jeder Mensch, der in seiner Berufung lebt, der lebt seinen Gottesdienst. Das ist ein Gottes­dienst, wenn Gott sagt: Ich möchte, dass du Geigenbauer .., dass du diese Instrumente entstehen lässt. Er legt mir das Holz in die Hände, damit ein Schöpfungsakt entsteht. In dem Moment spüre ich ganz stark – was hat es mit dem Glauben zu tun -  ich spüre manchmal, es gibt so Momente während dem Geigenbauen - , wo ich so eine ganz tiefe Solidarität mit Gott spüre. Nämlich was es heißt, Schöpfer zu sein.

Autorin
Es beginnt schon mit dem Schlagen des Holzes und endet bei der geheimnisvollen Rezeptur des Lacks und dem ersten Konzert. Alles in diesem Prozess sei ein Gleichnis für das Leben mit Gott. Etwa die langsam wachsende Bergfichte, aus der die Decke der Geige gebaut ist. Ihr Holz habe kaum Astlöcher. Denn sie werfe in ihrer natürlichen Weisheit alle im Dunkel liegenden toten Äste ab, alles, was sich nicht zum Licht hin ausstreckt. Genauso sei es mit dem Menschen. Auch er müsse sich fragen, von welchen toten Dingen er sich endlich trennen soll, um zu einem klingenden Dasein zu finden.

Tote Dinge, so überlege ich, können Dinge sein, die ich nicht wirklich brauche. Ganz banal: Kleider, die meinen Kleiderschrank verstopfen, obwohl ich sie nicht trage und nicht wirklich mag. Unüberlegt gekauft oder einfach abgewetzt vom Zahn der Zeit. Aber es gibt auch Angewohnheiten, die das Leben klein halten. Zum Beispiel meine fatale Tendenz - nach einigen einschlägigen Erfahrungen - Handwerker zu vermeiden. Stattdessen ärgere ich mich seit Jahren über das marode Geländer und den hässlichen Spalt in der Küchenwand, dessen Ursache ich lieber nicht wissen will. Jeder zufällige Blick, der darauf fällt, ein bisschen Energieverlust. Aber es gibt auch Orte und Situationen, die mich beklemmen und einengen, die mir nicht gut tun. Wie soll ich da ein ungedämpftes Instrument sein? Mein Leben zum Klingen bringen? Oder gar Gott loben?

Und Martin Schleske, der jeden Morgen – bevor er in seine Geigenbauwerkstatt geht – in der Bibel liest, die bereits ziemlich zerfleddert aussieht und voll gepappt ist mit Zettelchen aller Art, fügt hinzu:

Schleske
Was für Aussagen das Neue Testament über den Heiligen Geist macht, auch bei Paulus ganz stark. Auch sehr musikalische Aussagen, wo es heißt: „Den Geist dämpft nicht.“ Also dieses Dämpfen, das ist was Faszinierendes. Ich kann also wie ein gedämpftes Instrument Gott verletzen.“

Autorin
Einfach dadurch, dass ich Gott auf Abstand halte. Ich halte Abstand aufgrund all der toten Dinge, all der Barrieren, die ich zwischen mir und Gott aufrichte. Zumeist, ohne es selbst zu bemerken. Die Existenz Gottes ist für Martin Schleske dabei keine Frage, sondern immer nur der Grad, die Intensität seiner Gegenwart und Nähe.

Schleske
Es ist total Unsinn zu fragen: Ist Gott da oder ist er nicht da? Es ist eine völlig langweilige Frage. Die entscheidende Frage ist für mich: In welchem Maß ist er da, also in welchem  Ausmaß ist Gott da? Weil ganz klar ist: Wenn wir in so einem Sorgengeist, in so einem Klima der Sorgen leben, die wir ständig kultivieren, dann halten wir den Heiligen Geist auf Abstand. Dann dämpfen wir das, was der Geist Gottes eigentlich in uns hervor­bringen kann. Oder das Nächste, Bergpredigt, Rechthaberei. Da wird der Geist Gottes sagen: Du hast eine Mauer an Rechthaberei um dich aufgebaut. Erst wenn du das ablegst, kann ich näher an dich ran. Und das ist für mich diese atemberaubende Demut Gottes, dass er nicht einbricht. Also dass er nicht sagt: Hoppla, hier bin ich, jetzt bin ich ganz da, sondern dass er immer fragen wird: Wie nah kann ich sein?

Autorin
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich möchte versuchen, Gott auf diese Frage eine Antwort zu geben.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 24.11.2014 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche