Morgenandacht, 29.11.2014

von Dr. Silvia Katharina Becker, Bonn

Der erste Eindruck und der zweite Blick

„Der erste Eindruck zählt“. „Man hat nie eine zweite Chance, einen ersten Eindruck zu hinterlassen.“ Viele geflügelte Worte ranken sich um den ersten Eindruck, der im Übrigen erstaunlich treffsicher ist, wie neuere Studien zeigen. So schreibt die Zeitung „Die Welt“ am 14.3.2013:

Nur eine Zehntelsekunde braucht das Gehirn, um ein Urteil über einen Unbekannten zu fällen.“ Und dieses Urteil ist meistens korrekt. In dem Sinne, dass viele andere Beobachter zu einer ähnlichen Einschätzung kommen. Und die Zeitung hat auch gleich ein Beispiel parat: „’Brüder und Schwestern, guten Abend’ waren die ersten ruhigen und von einem kleinen Lächeln begleiteten Worte des neuen Papstes Franziskus. Er war kein Favorit für die Nachfolge Benedikt XVI. gewesen, und nicht alle werden sein Gesicht schon vorher gut gekannt haben. Dennoch: Als Franziskus seinen allerersten Satz vor der Weltöffentlichkeit beendet hatte, war das Urteil über ihn, den neuen Papst, in den Beobachtern bereits gefallen.“

Vielleicht ist diese erstaunliche Treffsicherheit ein Grund dafür, warum viele Menschen davon überzeugt sind, gute Menschenkenner zu sein. Auch ich gehöre dazu. Umso erstaunlicher ist es, wenn es dann doch ganz anders kommt.

So schlenderte ich vor einigen Wochen in einer fremden Stadt durch einen Park. Abend­stimmung mit letzten Sonnenstrahlen. Ein Schwarm krächzender Krähen hatte sich auf der großen Wiese niedergelassen, auf der einige Hunde spielten. Ein besonders wildes Exemplar rannte plötzlich hinter den Krähen her, erwischte eine und biss sie in den Flügel, der daraufhin lahm herunterhing. Da ich mich als Besitzerin eines – allerdings unglaublich braven - Hundes in solchen Fällen immer fremdschäme, wollte ich den Hundehalter empört zur Rede stellen. Aber der war auf und davon.

Was tun mit der verletzten Krähe? Mit ins Hotelzimmer nehmen, war wohl keine gute Idee, zumal mir der mächtige Schnabel des geschockt flatternden Vogels gehörig Respekt einjagte. Während ich noch überlegte, kamen einige Punks in ihrer schwarzen Lederkluft hinzu, einer nahm das verletzte Tier ganz vorsichtig in seine Hände und sie gingen mit ihm – eifrig beratend - davon. Ehrlich gesagt: Ich war ein bisschen froh, dass ich das Problem vom Hals hatte. Vor allem aber staunte ich: Die Punks hatten beherzt und ohne zu zaudern zugegriffen, während ich noch Angst um meine zarten Geigenspielfinger hatte.

Hier das Beispiel vom barmherzigen Samariter zu zitieren, wäre vielleicht ein bisschen übertrieben, zumal mir dabei eine wenig schmeichelhafte Rolle zufallen würde. Trotz­dem: Die Bibel strotzt nur so von Geschichten, wo sich der erste Eindruck nicht bestätigt.

So begegnet Jesus im Matthäusevangelium einer kanaäischen Frau, die in seinen Augen eine Heidin ist: eine Fremde, mit der er nichts zu schaffen haben will. Aber die Frau sieht dies völlig anders. Sie möchte partout, dass Jesus ihre kranke Tochter heilt und lässt einfach nicht locker. Sie nervt und fleht, bis Jesus ihren Wunsch doch noch erfüllt. Denn er erkennt im Laufe der heftigen Unterredung (fast schon ein Streit), wie unendlich groß der Glaube und wie gewaltig die Liebe dieser Frau ist, die er eigentlich schon als unsympathische Heidin abqualifiziert hatte.

Und dies ist kein Einzelfall. Immer wieder stößt Jesus auf Menschen, die in ihm den Messias erkennen, von denen es – auf den ersten Blick -  niemand erwartet hätte. Etwa die stadtbekannte Prostituierte, die ihm bei einem vornehmen Gastmahl die Füße wäscht und tränenreich um Vergebung ihrer Sünden bittet. Oder der römische Hauptmann, der neben Jesus am Kreuz steht und schlagartig erkennt: Dieser sterbende Mensch ist Gottes Sohn. Wer hätte dies erwartet: von einem Angehörigen der feindlichen Besatzungsmacht!

Was ich damit sagen will? Keineswegs, dass wir dem erste Eindruck nicht mehr trauen sollen. Er bietet eine wichtige und notwendige Orientierung in unübersichtlicher Zeit. Aber ich möchte in Zukunft doch versuchen, öfter mal einen zweiten und dritten Blick zu riskieren, etwas genauer hinschauen. Vielleicht begegnet mir auf diese Weise ja sogar einmal ein Engel, ein Bote Gottes, den ich in seinem banalen Alltagsgewand sonst glatt übersehen hätte.


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Dieser Beitrag wurde am 29.11.2014 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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