Morgenandacht, 28.11.2014

von Dr. Silvia Katharina Becker, Bonn

Sause mit Nebenwirkungen

„Ich hatte nie einen Spitznamen. Ich meine, an der Schule. Aber auch sonst nicht. Mein Name ist Maik Klingenberg. Maik. Nicht Maiki, nicht Klinge und der ganze andere Quatsch auch nicht, immer nur Maik. Außer in der Sechsten, da hieß ich mal kurz Psycho. Das ist auch nicht der ganz große Bringer, wenn man Psycho heißt. Aber das dauerte auch nicht lang, und dann hieß ich wieder Maik.

Wenn man keinen Spitznamen hat, kann das zwei Gründe haben. Entweder man ist wahnsinnig langweilig und kriegt deshalb keinen, oder man hat keine Freunde. …

Es gibt noch eine dritte Möglichkeit. Es kann sein, dass man langweilig ist und keine Freunde hat. Und ich fürchte, das ist mein Problem.“ (21)

Das sind ungewöhnliche Worte für eine Morgenandacht. Sie stammen natürlich nicht von mir, sondern aus einem sonderbaren, vordergründig sehr banalen und hintergründig sehr tiefsinnigen Roman namens „Tschick“. Autor ist Wolfgang Herrndorf. Der Tiefsinn des Romans erschließt sich nur langsam, entwickelt sich gewissermaßen aus dem Unter­grund heraus. Wenn man den angedeuteten Jugendslang, in dem dieses Buch geschrieben ist, quasi so sehr verinnerlicht hat, dass er nicht mehr nervt.  

Vordergründig geht es um das, was man im Kino ein „Roadmovie“ nennt. Zwei Jugend­liche, 14 Jahre alt, klauen aus Langeweile und Frust ein Auto und brettern damit ziellos durchs Nirgendwo. Der eine mit Spitznamen „Tschick“ ist mit allen Wassern gewaschen und das, was man in der Jugendsprache ein „Assi“ nennt - politisch korrekt „ein Ange­höriger des Prekariats“. Der andere ist der vorhin zitierte Maik, dessen Wohlstandsleben mit Villa und Pool so öde und langweilig ist, dass er nicht einmal einen Spitznamen besitzt. Aber das Langweilerleben ändert sich, als Tschick in seine Klasse kommt und alles durcheinanderbringt.

Bei ihrer wilden Fahrt durch Ostdeutschland begegnen ihnen die Grundfragen des Lebens. So bei einer eher zufälligen Bergbesteigung. Sie entdecken, dass die Hütte unter dem Gipfelkreuz über und über mit Schnitzereien bedeckt ist, mit Buchstaben und Zahlen. Die älteste Jahreszahl stammt von einem Anselm Weil. Während Tschick sich und Maik mit dem Taschenmesser ebenfalls zu verewigen sucht, wird Maik klar: Die meisten, die hier ihre Initialen eingeritzt haben, sind längst tot. Auch an Anselm Weil kann sich auf dieser Welt wahrscheinlich niemand mehr erinnern. Und ähnlich wird es auch ihnen gehen: in hundert Jahren, wenn ihre Namen nur noch Schall und Rauch sind.   

Szenenwechsel. Auf dem Markplatz eines hübschen Ortes hält ein Bus. Hoch betagte Rentner quellen heraus.  Alle in beige und alle schnaufend angesichts einer kleinen Steigung. „Ich konnte mir immer nicht vorstellen, dass ich selbst einmal so ein beiger Rentner werden würde“, sagt Maik bestürzt. (117) Und er erschrickt bei der Vorstellung, dass auch die alten Frauen einmal jung waren, vielleicht sogar richtig heiße Feger. „Nicht alle natürlich. Ein paar werden auch damals schon öde und hässlich gewesen sein. Aber auch die … haben mit ihrem Leben wahrscheinlich mal was vorgehabt … Und was garantiert nicht in diesen Plänen stand, war, sich in beige Rentner zu verwandeln.“ (117/118).  

Der Ernst des Lebens und all die ungelösten Fragen des Daseins blitzen in der ziellosen Sause immer wieder auf. Dazu gehört auch das abrupte Ende der Spritztour. Die beiden pubertären Jungs landen irgendwann vor dem Richter, der feststellt: Nicht nur Tschick ist ein vernachlässigtes Kind, sondern der reiche Maik mit seiner Alkohol abhängigen Mutter und seinem karrieregeilen Vater mindestens genauso.  

Fazit: Im Leben ist vieles anders, als es auf den ersten Blick erscheint. Vermeintliche Spießer verwandeln sich in unkonventionelle, hilfsbereite Menschen, Rentnerinnen in heiße Feger, der asoziale Tschick in einen guten Freund. Und ein nobler Swimmingpool in gepflegter Gartenlandschaft ist letztlich auch nur ein ödes Wasserloch, das die Frage nach dem Warum nicht beantworten kann.

Was bleibt, ist die Zerbrechlichkeit des Lebens und die Barmherzigkeit, auf die wir alle – in unserer je eigenen Weise - angewiesen sind. Das gilt leider auch für den Autor des Buches, der im letzten Jahr mit gerade mal 48 Jahren starb.

 

Die Zitate stammen aus: Wolfang Herrndorf: Tschick, Rowohlt Verlag, Berlin 2013.

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 28.11.2014 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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