Morgenandacht, 27.11.2014

von Dr. Silvia Katharina Becker, Bonn

Vom Blitz getroffen

Seit 15 Jahren hatte ich den Wunsch, einmal ins Tessin zu reisen. Immer kam etwas dazwischen. Und wir fuhren dann doch wieder nach Holland an die Nordsee. Dieses Jahr im Sommer war es endlich soweit und wir verbrachten einen wunder­baren Urlaub im Tessin mit Sonne, Wasser, Bergen und jede Menge Risotto.

Dummerweise hatten wir uns für eine Flugreise entschieden, ohne zu ahnen, dass das letzte Stück ab Zürich mit einer ziemlich kleinen Propellermaschine zurück­gelegt werden würde. Aber es war wunderbar: Mit einem kleinen Flugzeug bei Sonnenschein über die Alpen zu fliegen, den Blick Gottes auf die stolze Bergwelt zu genießen: das ist einfach herrlich.

Der Rückflug glich dagegen eher einem „Dies Irae“, dem Tag des göttlichen Zorns, wie er in der Matthäuspassion von Bach so eindrucksvoll mit Pauken und Trompeten intoniert wird. Kaum saßen wir in unserem kleinen Flieger, verdüsterte sich der Himmel und ein Hagelschauer trommelte auf die Flugzeugflügel. Nie und nimmer werden wir jetzt starten, war mein erster Gedanke. Weit gefehlt! Das kleine Flugzeug erhob sich unter heftigem Rütteln und Schaukeln in die Lüfte. Zwei Minuten später dann ein Knall, ein gleißendes Licht. Entsetztes Schweigen in der Maschine. Eine Explosion? Aber es war keine Explosion. Der Blitz war in das Flug­zeug eingeschlagen. Unter heftigem Schaukeln und Schütteln kämpfte sich das Maschinchen voran bis Zürich, wo wir dann umstiegen. 

Ich bin fest davon überzeugt: Alle in diesem Flugzeug hatten Angst, vielleicht mit Ausnahme des Kapitäns und der Stewardess, die möglicherweise öfter solche Blitz- und Hagel-Flüge bewältigten. Die junge Frau neben mir verkroch sich in ihre Ohr­stöpsel und hörte Musik. Mein Mann rationalisierte die Situation und erzählte mir etwas vom „Faradayschen Käfig“ – ganz nach dem Motto: Eigentlich kann ja nichts passieren. Und ich? Ich dachte: „Nächstes Mal, lieber Gott, nehme ich wieder brav die Eisenbahn.“ Dann schoss mir durch den Kopf: „Wie dumm, dass ich noch kein Testament gemacht habe. Sollten wir lebend runterkommen, werde ich das sofort nachholen.“ Natürlich habe ich auch ein bisschen gebetet. Wahrscheinlich – so meine Vermutung  - beten in einem solchen Moment alle Menschen ganz intuitiv. Ob gläubig oder ungläubig: völlig egal.

Und es geschah noch etwas Interessantes: Am übernächsten Tag, gleich nach dem Urlaub, würde ich ein wichtiges Gespräch mit einem noch wichtigeren Chef haben. Mit Ende des Urlaubs rutschte dieser Termin wieder in mein Bewusstsein. Und fing an, mich zu beschäftigen und – ja auch – ein bisschen zu belasten. Aber während die Maschine ihre unfreiwilligen Pirouetten drehte, begannen die Autoritäten dieser Welt urplötzlich in meiner Seele zu schrumpfen. Ich konnte es geradezu bildlich vor mir sehen. Sie wurden mit jedem Ruckeln kleiner und kleiner. So klein mit Hut! Eine Armada klitzekleiner grauer Wichtigleute im Zinnsoldatenformat – ein bisschen wie die grauen Herren in Michael Endes Kinderbuch „Momo“.

Ich konnte plötzlich gar nicht mehr verstehen, dass mich etwas so Banales belastet hatte. Und wünschte mir von Herzen, dass ich diese Haltung, diese neue Sicht auf Prioritäten, mit in meinen Alltag würde nehmen können. Beim nächsten Stress, beim nächsten schwierigen Termin – so nahm ich mir vor – würde ich mich in Gedanken in diesen Flieger zurückbeamen und von dort aus beurteilen, was wichtig ist auf dieser Welt und was – sagen wir mal – nur zweitwichtig.    

Natürlich war ich bei meinem - ach so wichtigen - Gespräch trotz dieser Erfahrung nicht absolut tiefenentspannt. Dennoch habe ich das Gefühl, etwas gelernt, genauer: etwas neu begriffen zu haben. Nämlich dass sich viele Wichtigkeiten mächtig relativieren, wenn wir uns klar machen: Das Leben ist ein Wunder, mein eigenes genauso wie das aller anderen. Und es ist alles andere als selbstverständ­lich, am Leben zu sein: fühlen, denken und handeln zu können. Und vor allen Dingen, lieben zu können.


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Dieser Beitrag wurde am 27.11.2014 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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