Morgenandacht, 19.02.2016

von Beate Hirt aus Frankfurt

Leichtes Gepäck

Jetzt in der Fastenzeit steht es bei mir wieder an: das Ausmisten. Diesmal hab ich mir ein Regal im Schlafzimmer vorgenommen. Und natürlich auch wieder mal den Keller. Letztes Jahr hab ich da immerhin schon mal eine Schneise geschlagen. Aber dieses Frühjahr will ich wirklich Ordnung hineinbekommen. Entrümpeln: Das ist ein Thema, bei dem irgendwie fast alle Menschen, die ich kenne, aufseufzen. Ja, endlich mal den Keller oder den Dachboden aufräumen. Endlich den Kleiderschrank befreien von all den Klamotten, die ich seit Jahren nicht anziehe. Endlich auch die Regale lichten und die Bücher zu Oxfam bringen, die ich ohnehin nie wieder lesen werde. Zum Thema Ausmisten gibt’s mittlerweile auch schon ganze Regalmeter Ratgeberliteratur. Und es gibt auch einen ganz interessanten Song.

„Leichtes Gepäck“ heißt der, er ist von Silbermond und läuft im Moment viel im Radio. Der Text trifft ziemlich gut das Gefühl, das auch mich immer wieder beschleicht, da heißt es: „Du siehst dich um in deiner Wohnung, siehst ein Kabinett aus Sinnlosigkeiten. Siehst das Ergebnis von Kaufen und Kaufen, von Dingen, von denen man denkt, man würde sie irgendwann brauchen.“ Im Refrain wird die Lösung angeboten: „Und eines Tages fällt dir auf, dass du 99 Prozent davon nicht brauchst. Du nimmst all den Ballast, und schmeißt ihn weg. Denn es reist sich besser, mit leichtem Gepäck.“

Leichtes Gepäck: Das tut auch mir gut. Nicht nur auf Bergwanderungen, bei denen ich nur das Nötigste auf dem Rücken habe. Sondern eben auch im ganz alltäglichen Leben. Es lebt sich besser, wenn ich wieder mal meine Wohnung oder meinen Keller ausgemistet habe. All die vielen Sachen, die mir gehören und die zu mir gehören, sind ja nicht immer nur nützlich und eine Freude. Sie können zum Ballast werden, den ich mit mir herumschleppe. Wenn ich davon einiges abwerfe: Dann hab ich nicht nur das Gefühl, mein Heim ist leerer und leichter geworden. Sondern: Ich bin es auch. Ich fühl mich besser, im wahrsten Sinn des Wortes: erleichtert. Ich gehe leichtfüßiger durchs Leben.

Ausmisten und Ballastabwerfen: Das ist etwas, was mir individuell gut tut. Aber „leichtes Gepäck“: Darin steckt auch eine gesellschaftliche, politische Botschaft. Denn all die unglaublich vielen Besitztümer, die jeder so ansammelt: Die haben natürlich etwas damit zu tun, das wir in einer Konsumgesellschaft leben. Wachstum, immer mehr herstellen, handeln und haben: Das ist ihr Credo. Es ist auch eine politische und für manchen sogar ziemlich provozierende Botschaft, wenn ich dagegen sage: Ich möchte mit weniger auskommen. Ich brauche all diese Dinge nicht. Ich will mit weniger Besitz und mit weniger Dingen durchs Leben gehen.

Natürlich ist das auch eine christliche Botschaft. Mich beeindruckt sehr, wie energisch Papst Franziskus derzeit für weniger Konsum und leichteres Gepäck eintritt. Auch aus ökologischen Gründen. Wer weniger besitzt, der verbraucht weniger Energie. Der bewahrt die Schöpfung schon allein dadurch, dass für ihn weniger Wasser und Strom fließen bei der Herstellung von Dingen. In seiner Enzyklika „Laudato si“ sagt Papst Franziskus über den Klimawandel: „Die Menschheit ist aufgerufen, sich der Notwendigkeit bewusst zu werden, Änderungen im Leben, in der Produktion und im Konsum vorzunehmen, um diese Erwärmung oder zumindest die menschlichen Ursachen, die sie hervorrufen und verschärfen, zu bekämpfen.“ Gegen Ende seines Schreibens spricht der Papst über den neuen Lebensstil und auch: die religiöse Haltung, die damit verbunden ist. Er sagt: „Die christliche Spiritualität schlägt ein anderes Verständnis von Lebensqualität vor und ermutigt zu einem prophetischen und kontemplativen Lebensstil, der fähig ist, sich zutiefst zu freuen, ohne auf Konsum versessen zu sein. … Die christliche Spiritualität regt zu einem Wachstum mit Mäßigkeit an und zu einer Fähigkeit, mit dem Wenigen froh zu sein.“ (Laudato Si Nr. 222) So Papst Franziskus.

Wenn ich in diesen Wochen zuhause ausmiste und mich von Besitz trenne: Dann ist das für mich tatsächlich auch eine spirituelle Übung.


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Dieser Beitrag wurde am 19.02.2016 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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