Morgenandacht, 16.02.2016

von Beate Hirt aus Frankfurt

Der Mensch neben mir

In letzter Zeit schaue ich mir die Menschen morgens in der überfüllten S-Bahn manchmal genauer an. Oder auch Leute, die sich auf der Frankfurter Zeil im Feierabendgewühl an mir vorbei schieben. Der Terror hat mich verändert, ich gebe es zu. Vor allem seit den fürchterlichen Anschlägen in Paris im letzten Jahr. Aber auch das Attentat in Istanbul im Januar hat mich beschäftigt, da waren Menschen aus meiner Region unter den Toten.

Selbstmordattentate, die gibt es nicht mehr nur im Nahen Osten oder in Nordafrika. Sondern mitten in Europa. Auch bei uns kann man das nicht mehr ausschließen, sagen Politik und Polizei. Und wenn ich mit Freunden rede, höre ich: Ich bin nicht die Einzige, die deshalb Menschen in ihrer Nähe jetzt manchmal etwas anders anschaut. Menschen natürlich vor allem mit erkennbarem Migrationshintergrund. Ehrlich gesagt: Mir ist das peinlich vor mir selbst. Ich will doch nicht einfach jeden, der fremd aussieht und etwas grimmig schaut, verdächtigen, eine Bombe dabei zu haben.

Mitunter führt diese Verdachtsstimmung, die jetzt manchmal in Bussen und Bahnen aufkommt, auch zu ganz kuriosen und fast witzigen Dingen. Eine Freundin hat vor kurzem auf einer Feier erzählt: Sie hatte ein paar Tage zuvor eine Langzeit-Blutdruckmessung am Körper. Und sie wollte eigentlich damit im Bus zum Arzt fahren. Aber dann hat sie sich überlegt: Was denken die Menschen um sie herum, wenn plötzlich ein Piepsen ertönt und etwas unter ihrer Jacke sich bewegt oder aufbläht? Wenn also der Blutdruckmesser seine Arbeit aufnimmt? Und sie hat dann doch besser das Auto genommen. Wir mussten – trotz des traurigen Hintergrundes - auf der Feier lachen über solche grotesken Auswirkungen einer Terrorgefahr.

Natürlich ist der Terror ansonsten überhaupt nicht zum Lachen. Ich erschrecke darüber, dass es wirklich Menschen gibt, die sich inmitten von anderen Menschen in die Luft sprengen. Und ich fühle mich nicht wohl dabei, dass wir nun in Menschenmengen wachsam sein sollen und dass ich mir Menschen anders anschaue als früher.

Aber ich habe trotzdem auch noch etwas anderes bemerkt an mir in den letzten Wochen: Ich nehme jetzt Menschen in meiner Umgebung überhaupt wieder etwas genauer wahr. Normal ist das ja nicht in der S-Bahn. Meistens sitzen alle nebeneinander und dösen vor sich hin oder tippen auf ihren Handys herum. Und wenn sich am Frankfurter Hauptbahnhof alle aus dem Abteil drängeln, dann weiß keiner mehr, wer eben noch neben einem gestanden oder gesessen hat in den zwanzig Minuten auf der Fahrt zur Arbeit. Mir geht es jetzt manchmal so: Wenn ich meine Blicke in der vollen S-Bahn schweifen lasse, dann nehme ich mit einmal überhaupt wieder die Menschen neben mir stärker wahr: Mir fällt der junge Migrant auf, der als Einziger im Abteil ein Buch liest. Und er drängelt sich übrigens auch beim Aussteigen nicht nach vorne wie die deutschen Geschäftsleute auf den Weg zu ihren Banken, sondern er wartet geduldig. Oder ich bemerke die zwei jungen Frauen, ich schätze, sie sind aus Äthiopien oder Eritrea, die sich leise unterhalten und dabei strahlen und lachen, vielleicht geht es um die Verabredung am Abend vorher. Und dann nehme ich auch die ältere Frau schräg gegenüber wahr, das ist vermutlich eine Türkin, unauffällig und ruhig und müde sitzt sie da und legt manchmal ihre Stirn in Falten und seufzt. Was für Sorgen sie wohl umtreiben?

All diese Gesichter um mich herum: Die sehe ich plötzlich auch wieder. Und sie erzählen Geschichten, zeigen Stimmungen. Ich komme darüber ins Nachdenken, was die Menschen wohl bewegt, was sie erlebt haben am Abend und am Morgen, wie sie leben. Ich werde mit den Menschen ein ganz klein wenig vertraut, schon, wenn ich sie einige Minuten wahrnehme.

Und ich merke dabei: Menschen genauer anzusehen, das stärkt bei mir nicht Wachsamkeit und Misstrauen, sondern eher: Vertrauen und Sympathie. Ich nehme wahr: Die Menschen um mich herum sind genauso mit Sorgen und Glück beladen wie ich, egal, woher sie kommen und welche Sprache sie sprechen. Und diese Sicht auf die Menschen, die will ich mir erhalten.


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Dieser Beitrag wurde am 16.02.2016 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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