Morgenandacht, 15.02.2016

von Beate Hirt aus Frankfurt

Das Recht ströme wie Wasser

Es sind, ehrlich gesagt, nicht nur Zahlen und Argumente, die mich dazu bringen, mich für das Gute und für Gerechtigkeit einzusetzen. Es sind auch und vor allem: die Bilder. Vor Jahren hab ich in einem Film Soja-Felder in Brasilien gesehen. Schier endlos große, braune Monokulturen. Und dann, Filmschnitt: der brasilianische Regenwald. Grün und faszinierend und auch unendlich groß – aber sehr bedroht. Die beiden Bilder haben sich mir eingeprägt, und sie haben mich verändert. Dieser faszinierende brasilianische Regenwald: Er ist jetzt auch auf dem Plakat der Fastenaktion von Misereor zu sehen. Auf einer Luftaufnahme sieht man Wald bis zum Horizont – und außerdem: den Amazonas, wie er sich breit durch diesen Wald schlängelt. Auch wieder: ein Bild, das mir im Kopf bleibt und mein Herz anspricht.

Solche Bilder treiben mich zum Handeln. Damals, die Filmbilder von Sojafeldern und Regenwald: Die haben mich mit dazu gebracht, zur Vegetarierin zu werden. Denn in dem Film wurde auch deutlich: Diese riesigen braunen Sojafelder haben etwas mit Europa, mit mir zu tun. Weil wir hier so viel Fleisch essen, Millionen Schweine und Rinder, deswegen werden dort in Brasilien auf riesigen Flächen Futtermittel angebaut. Rund 80 Prozent der Sojabohnen landen als Mastfutter in der Massentierhaltung von Nordamerika und Europa. Daran wollte ich nicht mehr beteiligt sein. Erst wollte ich das Schnitzel nur für eine Weile weglassen – aber dann habe ich irgendwann gemerkt: Es geht auch gut ganz ohne. Und bis heute denke ich, wenn ich Bilder vom brasilianischen Regenwald sehe: Ein bisschen trage ich dazu bei, dass er erhalten bleibt.

Bilder können in Bewegung bringen. Das hat wohl schon der Prophet Amos vor zweieinhalb tausend Jahren gewusst. Er benutzt auch ein wunderbares Bild, um die Menschen seiner Zeit zum Guten zu verändern. „Das Recht ströme wie Wasser,“ schreibt er (Amos 5,24). Was für ein eindrucksvolles Bild: Recht und Gerechtigkeit sollen fließen, nicht tröpfeln wie ein Rinnsal, sondern wirklich wie ein Strom. „Das Recht ströme wie Wasser“, das ist auch das Motto der Fastenaktion von Misereor in diesem Jahr, es steht auf den Plakaten gleich neben dem Bild von Regenwald und Amazonas. Und dieser Satz vom Propheten Amos passt natürlich genau zu diesem Bild und dieser Region. Denn dort, wo der Amazonas fließt, da fließt das Recht nicht unbedingt. Dort im Amazonas-Gebiet geht es im Gegenteil oft extrem ungerecht zu. Nicht nur, was die Sojafelder angeht.

Zum Beispiel am Fluss Tapajos. Er ist einer der größten Nebenflüsse des Amazonas. Dort ist ein gigantisches Staudammprojekt geplant mit sieben Staustufen, der größte der Stauseen soll eine Länge von über 120 Kilometern bekommen. Wenn das Wirklichkeit wird, dann gehen Fischerdörfer  in den Fluten des Staudamms unter, Menschen verlieren ihr Land und auch den lebenswichtigen Zugang zum Wasser. Es wird nicht mehr für die Flussbewohner fließen, sondern vor allem für die Großkonzerne, die an den Staudämmen verdienen. Recht und Gerechtigkeit: Die werden dabei oft missachtet, Korruption und Machtmissbrauch herrschen stattdessen. Beim Propheten Amos damals ging es wohl auch schon nicht anders zu, er klagt die reiche Oberschicht im Land an: „Ihr bringt den Unschuldigen in Not, ihr lasst euch bestechen und weist den Armen ab bei Gericht.“ (Amos 5,12). Wie aktuell solche biblischen Sätze klingen, wenn man sich die Situation im Amazonas-Gebiet ansieht.

Es gibt Menschen, die sich – wie der Prophet Amos damals -  für die Landbevölkerung dort einsetzen, mit prophetischen und mutigen Stimmen. Es sind vor allem Mitarbeiter der Kirchen. Sie kämpfen dafür, dass für die Menschen am Amazonas und am Tapajos Wasser und Gerechtigkeit strömen können.

Die Bilder vom Amazonas und auch das Bild des Propheten Amos: Sie bringen auch mich in Bewegung. Die Petition gegen den neuen Staudamm auf der Misereor-Homepage hab ich schon unterschrieben. Und ich werde auch Geld spenden. Damit Flüsse und Wälder in Brasilien erhalten bleiben und die Menschen dort in Gerechtigkeit leben können.


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Dieser Beitrag wurde am 15.02.2016 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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