Wort zum Tage, 13.02.2016

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Achtsamkeit

„Achte darauf, was ist – und respektiere es, wie es ist.“ Dieser Satz ist mir seit meiner Klinikseelsorgeausbildung in Fleisch und Blut übergegangen. Es gibt nichts, was es nicht gibt im Leben – und es genauso zu respektieren, nicht zu bewerten, es gut sein zu lassen, das ist eine Haltung, an der ich ein Leben lang üben muss. Aber sie ermöglicht erstaunlich gute Begegnungen – und es gibt doch nichts Schöneres für einen Menschen, als wenn er so, wie er ist, sein darf und nicht gleich wieder be- oder gar verurteilt wird.

Was für die Krankenhausseelsorge gilt, scheint mir in jedem Bereich des Lebens hilfreich zu sein. Wie viel Kampf und Streit liegen darin, dass Menschen einander erniedrigen, um sich selbst zu erhöhen. Am schlimmsten ist es, wenn dies auch noch im Namen von Religion geschieht. Ein ebenso wichtiger wie gefährlicher Begriff ist dabei die Wahrheit. Was wird nicht um ihretwillen anderen an Schaden zugefügt? Wer hat schon die Wahrheit in der Tasche? Und was ist mit all dem, was wahr-scheinlich ist : Kann es nicht auch wertvoll sein?

Vor kurzem habe ich ein Buch von Erik-Emmanuel Schmitt gelesen mit dem Titel: „Das Kind von Noah.“ Beeindruckt hat mich der Satz: Wenn du nur die Wahrheit achtest, achtest du nicht viel, nicht viel mehr jedenfalls, als dass zwei und zwei vier ist. (…) Achtung gebührt nicht nur dem, was sicher ist, sondern allem, was schlicht und einfach da ist.“[1]

Achte, was ist! Ich denke, mit dieser Haltung könnte Zusammenleben oft besser gelingen. Das gilt für die großen Herausforderungen unserer Zeit ebenso wie für das Zusammenleben von Menschen im Kleinen, auch und gerade für Menschen, die ihr Leben miteinander teilen.

Achte, was ist! Manchmal beschlägt sich im Lauf der gemeinsamen Jahre die Brille, so dass lediglich gesehen wird, was Partner aneinander stört.

Morgen ist Valentinstag – ein Tag, an dem Paare eingeladen sind, neu darauf zu achten, was ist: nicht das Störende und Nervige zu betonen, sondern dem anderen sozusagen „durch die Blume“ oder ein anderes Zeichen zu sagen: Es ist gut, dass es Dich gibt – eben so wie Du bist. Da gibt es neben dem, was im Alltag für Reibungen sorgen mag, auch das Liebenswerte, die Sorge füreinander, das möglicherweise selbstverständlich Gewordene. Es ist wieder einmal Zeit, liebevoll darauf zu blicken.

Achtsamkeit braucht Ausdruck. Welches Zeichen auch immer ich dafür wähle: Es tut meinem Gegenüber gut, dass ich ihn oder sie achtsam in den Blick nehme.


[1]          Erik-Emmanuel Schmitt: Das Kind von Noah. Erzählung. Aus dem Französischen von Inés Koebel, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, ³2014, S. 78 (5 Zeilen) ISBN 978-3-596-16959-7.


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Dieser Beitrag wurde am 13.02.2016 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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