Wort zum Tage, 11.02.2016

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Welttag der Kranken

Sie war grade 70 Jahre alt geworden, als Katharina zum Arzt ging. Er hatte keine gute Nachricht für sie: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Etwa ein halbes Jahr noch zu leben. Katharina war eine sehr selbstbewusste, schicke und unternehmungslustige Dame. Was ihr der Arzt da sagen musste, traf sie bis ins Mark. Weltuntergangsstimmung. Und weil sie eben noch so selbstbestimmt und resolut lebte, tat sich im Wirrwarr der Gefühle der scheinbar einzige hilfreiche Gedanke auf, den sie gegenüber einem Freund auch formulierte: Sie wolle möglichst schnell den Ausschaltknopf drücken!

Der Bekannte wandte sich in seiner Sorge an mich. Ich verstärkte meinen Kontakt zu Katharina, ohne jemals über diesen Wunsch ausdrücklich mit ihr zu sprechen. Ich spürte in unseren Begegnungen wohl ihre Angst und Hilflosigkeit. Aber je länger wir im Gespräch waren, desto mehr Lebensgeister wurden da wieder geweckt. Katharina begann, ihr Leben mit mir zu bedenken und zu sortieren, gleichsam Bilanz zu ziehen. Da traten alte Geschichten zu Tage, da kamen ihr Menschen in den Sinn, bei denen sie sich schon lange nicht mehr gemeldet hatte und mit denen sie sich gerne noch einmal treffen wollte.

 Ihre Krankheit schritt in der Tat schnell voran und raubte ihr zusehends ihre Kräfte. Aber ihre Vorsätze wollte sie unbeugsam noch realisieren. Gute Menschen halfen ihr dabei. Als etwa 4 Monate vergangen waren, bot ihr der Arzt den Aufenthalt in einer onkologischen Rehaklinik an. Nach einigem Zögern ließ sie sich auch darauf ein. Sie verbrachte viel Zeit mit Lesen und Musikhören, eingewickelt in eine Decke, in einem bequemen Liegestuhl sitzend. Bei einem meiner Besuche sagte sie mir: „Wissen Sie, als mir der Arzt die Diagnose mitteilte, war es mir, als würde ein Fallbeil auf mich herabsausen. Ich wollte am liebsten auf der Stelle tot sein. Aber die wertvollen Begegnungen und diese Zeit der Ruhe hier, in der ich vieles noch einmal bedenken und abrunden kann, kommen mir vor, als sei das jetzt die beste Zeit meines Lebens!“

Diesen Satz habe ich immer im Ohr, wenn über das selbstbestimmte Sterben gesprochen wird. Jeder erlebt Momente, in denen ein schnelles Ende das Sinnvollste zu sein scheint. Aber dahinter können sich noch so viele lebenswerte Situationen auftun, um die es schade wäre, würden sie nicht mehr erlebt werden können.

Heute ist der Welttag der Kranken. Ich wünsche allen Kranken Begleiter, die ihnen helfen, die lebenswerten Momente aufzuspüren – und sie wertzuschätzen.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 11.02.2016 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche