Wort zum Tage, 10.02.2016

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Absperrband

Ein rot-weißes Absperrband ist im Alltag öfters zu finden: zur Sicherung im Park bei Baumschneidearbeiten, zur Markierung einer Baustelle, zur Absperrung von Arealen bei großen Menschenansammlungen, nicht zuletzt bei der Spurensicherung durch die Polizei. Ab heute ist ein Absperrband in meiner kleinen barocken Kirche in Harting am Stadtrand von Regensburg zu entdecken: eine Bank ist gesperrt, ein Seitenaltar ist umzäunt, auch ein Abschnitt wird durch das rot-weiße Band markiert, der früher durch die Kommunionbank versperrt war. Es ist kein gewöhnliches Absperrband. Das Band ist aus indischer Dupionseide, gefertigt von Philipp Valenta. Der 29-jährige Künstler aus Hildesheim beschäftigt sich in seinen Arbeiten mit der Entstehung und Verhältnismäßigkeit von finanziellen, kulturellen und gesellschaftlichen Werten. Was hat welchen Wert, und was ist mir wie viel Wert? Das Absperrband nun markiert einen Bereich, der bedeutsam oder auch gefährlich ist.

Heute begehen Christen den Aschermittwoch. Es ist ein Tag der Grenzziehung. Der Fasching oder Karneval ist beendet, eine ernstere Zeit beginnt. Wer sie aus religiöser Verbundenheit begehen möchte, nennt sie Fastenzeit und zieht für sich persönlich Grenzen: Worauf möchte ich verzichten? Wie könnte ich Gewohnheiten verändern, um mir, aber auch anderen damit gut zu tun? Wie könnte ich mir meiner Werte wieder neu bewusst werden?

Das Absperrband weckt derzeit aber auch andere Assoziationen: Grenzen, die Länder und Menschen voneinander trennen, die von großen Menschenmengen unter großem Kraftaufwand überwunden werden. Das macht manchen Angst, sie fürchten um ihre Sicherheit; andere sehen darin eine Gelegenheit, christliche Werte wie Nächstenliebe und Gastfreundschaft in die Tat umzusetzen.

Grenzen ziehen und Grenzen überwinden: Beides wird Philipp Valentas Absperrband während der Fastenzeit in unserer Kirche und in den Herzen der Besuchenden anstoßen. Ich wünsche allen, die in diesen Wochen neu über persönliche, mitmenschliche und gesellschaftliche Grenzen nachdenken, dass es ihnen gelingt, über den eigenen Tellerrand zu schauen, ohne sich dabei selbst aufzugeben. Ich wünsche mir selbst, dass wir als Menschen – ob diesseits oder jenseits der Absperrungen – immer mehr das Verbindende als das Trennende in den Blick nehmen.


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Dieser Beitrag wurde am 10.02.2016 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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