Wort zum Tage, 09.02.2016

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Vielleicht geht die Uhr innen

„Warum er eine Uhr ohne Zeiger an seiner Kette trage, wird er gefragt. Darauf hat er drei Antworten. Zuerst eine absurde Antwort: Soll er vielleicht einen Hund an die Kette hängen? Dann eine pragmatische: Eine Uhr ohne Zeiger ist besser als gar keine Uhr. Zuletzt eine metaphysisch-spirituelle: Vielleicht geht sie ja doch, innen!“[1]

Er – gemeint ist Karl Valentin, der Münchner Volkssänger, Autor und Komiker. Seine Wortakrobatik und seine absurden Dialoge brachten die Menschen zum Lachen. Seine knochige Gestalt auf riesigen Füßen wirkte schon rein äußerlich komisch. Und dennoch war er kein glücklicher Mensch. Obwohl er heute noch als erfolgreicher Künstler gilt, durchlebte er harte Phasen der Erfolglosigkeit, die mit großen finanziellen Sorgen einhergingen. Auch gesundheitliche Probleme wie eine Asthmaerkrankung machten ihm das Leben schwer. Das Verhältnis zu seiner Bühnenpartnerin Liesl Karlstadt war streckenweise sehr getrübt, lange Zeit fiel sie krankheitsbedingt aus. Der Pessimismus und die Tragik seiner Komik wurden durch den ständigen Kampf mit alltäglichen Dingen wie der Auseinandersetzung mit Behörden und Mitmenschen genährt. Der abgemagerte Karl Valentin starb am 9. Februar 1948, übrigens ein Rosenmontag, an einer Lungenentzündung.

Ich denke wieder an den Satz: Vielleicht geht die Uhr ja innen! Irgendeine Kraft muss ihn getrieben haben, nie aufzugeben. Vielleicht ist das der ernste Hintergrund für Valentins bekannten Ausspruch: „Man soll die Dinge nicht so tragisch nehmen, wie sie sind.“[2] Es bedeutet für mich schon eine besondere Lebenskunst, sich von den Widrigkeiten des Alltags nicht irr machen zu lassen, sondern sie mit Witz und leiser Ironie neu zu platzieren.

Karl Valentin. Seine Tragikomik ist mir oft eine Hilfe. Sie macht mir Mut, auch angesichts schwer verständlicher Momente in meinem Leben den Humor nicht zu verlieren und die Liebe zum Leben insgesamt nicht aufzugeben. Auch ohne erkennbare Zeiger geht die Uhr ja eben vielleicht innen.

Der Apostel Paulus fragt übrigens in einer anderen Sprache, aber vielleicht mit ganz ähnlichen Erfahrungen nach der inneren Kraft, die den Menschen treibt, auch wenn die Zeit nicht klar zu deuten ist. Er kommt zu dem Schluss: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse … Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei.“ (1 Kor 13,12f)


[1]            Peter Kümmel, Lob des Eigensinns – Karl Valentin, in: DIE ZEIT, 12.11.2009 Nr. 47 (www.zeit.de/2009/47/Vorbilder-Valentin 19.1.2016)– 5 Zeilen

[2]     http://www.wissen-digital.de/Karl_Valentin (19.1.2016) – 1 Zeile


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Dieser Beitrag wurde am 09.02.2016 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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