Am Sonntagmorgen, 07.02.2016

von Andreas Brauns aus Schellerten

Vertrau der Kraft des Wortes – Politische Theologie mit Jürgen Manemann

Autor
Die neue Politische Theologie ist in Deutschland untrennbar verbunden mit einem Mann: Johann Baptist Metz. Er hat nach den Schrecken des Nationalsozialismus eine Theologie „nach Auschwitz“ entwickelt, eine geschichtsempfindliche Rede von Gott, die die Leidenden und Erniedrigten nicht überhört.

In dieser Tradition steht Jürgen Manemann, der Leiter des Forschungsinstitutes für Philosophie in Hannover und Schüler von Johann Baptist Metz. Der Theologe und Philosoph entwickelt die neue politische Theologie weiter zu einer Theologie der Hoffnung.

Jürgen Manemann
„Warum sagt Metz ´Der christliche Glaube ist nicht primär eine Moral, sondern eine Hoffnung´? Damit behauptet Metz nicht, dass Moral für Christen nicht von Bedeutung ist. Wenn er dieser Auffassung gewesen wäre, dann hätte er nicht die Gerechtigkeitsfrage zu der theologischen Frage schlechthin gemacht. Und die Gerechtigkeitsfrage ist der Motor politisch-theologischen Denkens. Denn die Gründungsurkunde - so sagen wenigstens die Exegeten - des biblischen Monotheismus ist der Psalm 82. Und in dem Psalm 82, da geht es ja um eine Götterversammlung, und in dieser Götterversammlung steht der eine Gott auf und erklärt plötzlich alle anderen Götter für abgesetzt. Und warum erklärt er sie für abgesetzt? Weil die anderen Götter sich nicht gegen das Unrecht zur Wehr setzen, sich nicht für die Besitzlosen einsetzen, sich nicht für die Armen einsetzen. Und deswegen sind sie keine Götter mehr. Das heißt: Die Gerechtigkeitsfrage ist der Grund des Monotheismus. Und hier setzt auch die politische Theologie an. Denn um was für eine Gerechtigkeit geht es im biblischen Glauben? Es geht um eine universale Gerechtigkeit. Eine universale Gerechtigkeit ist Ausdruck einer Solidarität mit den gegenwärtigen Generationen, aber auch mit den zukünftigen Generationen – und, das ist ganz entscheidend,  mit den vergangenen Generationen. Denn dieser Gott, ist ein Gott der Lebenden und der Toten.

Autor
Diese universale, letztlich nicht machbare Gerechtigkeit dürfen Christen nicht aus den Augen verlieren. Auch nicht, wenn sie sich in ihrem Alltag mühen, nach den Geboten zu leben. Christen dürfen darüber hinaus hoffen auf eine universale Gerechtigkeit, ja sie müssen hoffen.

Jürgen Manemann
 „Diese Hoffnung ist nicht eine Hoffnung, die einen Luxus darstellt, sondern eine Hoffnung, auf die wir verpflichtet sind. Walter Benjamin, der Philosoph, hat es mal auf den Punkt gebracht, indem er gesagt hat: ´Die Hoffnung ist uns um der Hoffnungslosen willen gegeben. Wir, die wir uns Hoffnung leisten können, müssen diese Hoffnung aufrechterhalten für diejenigen, die keine Hoffnung mehr haben´.“

Autor
Die Tag für Tag Hunger und Durst, Krieg, Terror und Ausbeutung erleben. Das schreit zum Himmel.

Jürgen Manemann
„Wer meint, man könne das Christum ohne Moral, ohne Gerechtigkeit, ohne Nachfolge verstehen, der oder die weiß nicht, wovon sie redet. Metz hat es in diesem Satz zusammengefasst: ´Nur Christus nachfolgend wissen wir, auf wen wir uns eingelassen haben´. Und um diese Hoffnung geht es in der Politischen Theologie. Wenn man zu dieser Einsicht gekommen ist, dann stellt sich nicht die Frage: Macht das jetzt Sinn? Dann muss man sich jenseits der Perspektiven von Pessimismus und Optimismus bewegen  und geht davon aus, dass es Sinn macht, unabhängig davon ob es erfolgreich sein wird oder nicht!“

Autor
Sinn in einer unbarmherzigen Welt, in der viel zu viele Menschen keine Chance haben, ihr Leben in die Hand zu nehmen und zu gestalten. In Gesellschaften, in denen sich mehr und mehr ein Nihilismus breit macht.

Jürgen Manemann
„Unter Nihilismus verstehe ich die Ausbreitung einer radikalen Lieblosigkeit, Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Und von diesem Nihilismus sind vor allem zunehmend junge Menschen betroffen. Wenn junge Menschen in die Zukunft blicken, dann spüren viele eine Leere. Sie sind nicht mehr mit dem Zukunftsoptimismus der Moderne ausgestattet, es geht immer nur voran, sondern sie haben eher das Gefühl, dass sie, wie Peter Solterdijk es mal ausdrückte, auf einer Rolltreppe stehen. Es geht voran, immer weiter, ohne eigenes Zutun.“

Autor
Menschen spüren ihre Ohnmacht, doch sie kommen einfach nicht raus aus dem System. Viele werden krank.

Jürgen Manemann
„Warum macht unsere Gesellschaft Menschen krank? Weil viele Menschen nicht mehr in der Lage sind, eine unverzerrte Identität auszubilden. Das ist das Eine. Das Andere ist, dass vielen jungen Menschen die Ressourcen fehlen, um eine starke Identität, ein starkes Selbst auszubilden. Und dann gibt es viele jungen Menschen, die leiden an einer Wohlstandsverwahrlosung. Man kann auch sagen: Die leben in einer Hotelzivilisation. Eine Hotelzivilisation ist geprägt durch Komfort, Bequemlichkeit und Zufriedenheit. Und wenn junge Menschen in einer solchen Hotelzivilisation groß werden, so werden sie nicht stark, ihnen kommt eigentlich die Jugendlichkeit abhanden, weil sie nicht in der Lage sind, eine Alternative zu dem gegenwärtigen Status quo zu denken, sondern sie haben sich eingerichtet. Und eine Jugend, der die Jugendlichkeit abhandengekommen ist, der ist die Zukunft abhandengekommen. Worauf es ankommt, ist, dass wir junge Menschen in die Lage versetzen, dass sie ein starkes Selbst ausbilden. Und ein starkes Selbst benötigt man, um ein humanes Leben zu führen. Ein humanes Leben ist dadurch gekennzeichnet, dass man weiß, dass man ein endliches und verletzliches Wesen ist und die anderen Menschen, die mit mir zusammen leben auch endliche, verletzbare Wesen sind. Und in dem Wissen kommt es darauf an, nach Glück zu suchen und ein gelingendes Leben anzustreben. Und dazu bedarf es der Hoffnung.“

Autor
Doch Hoffnung kann man nirgendwo kaufen, man kann sie auch nicht machen.

Jürgen Manemann
„Menschen, die nicht die Erfahrung von Veränderung machen, werden niemals hoffen können. Warum nicht? Der Philosoph Theodor W. Adorno hat das mal zusammengefasst: ´Nur wenn was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles!´ Von daher müssen junge Menschen die Erfahrung machen, dass sie Teil der Gesellschaft sind und dass sie nicht auf einer Rolltreppe stehen, auf der automatisch alles weiter geht, sondern dass sie sich selbst verändern können und dass sie auch in ihrer Umwelt verändernd wirken können. Und wenn sie die Erfahrung von Selbstwirksamkeit machen, dann entsteht Möglichkeitssinn - und auf der Basis von Möglichkeitssinn kann dann so etwas wie Hoffnung entstehen. Aber Hoffnung weiß um das Scheitern, weiß um die Risiken und Hoffnung ist immer auch mit Angst verbunden. Hoffnung und Angst gehören zusammen, Ich würde sogar so weit gehen, dass Hoffnung und Verzweiflung zusammen gehören und dass jemand, der niemals in seinem Leben Verzweiflung erfahren hat, gar nicht weiß, was überhaupt Hoffnung ist.“

Musik „Million Dollar Baby“, Track 2: „It´s nice viewing“, Music by Clint Eastwood, The Hollywood Studio Symphony

Autor
Über viele Generationen galten die Kirchen als großes Hoffnungsreservoir. Doch heute stecken die großen Kirchen in der Krise. Immer mehr Menschen laufen ihnen davon und jede Kirche ist mit sich selbst beschäftigt.

Jürgen Manemann
„Neue Hoffnung kann sich in der Kirche einstellen, wenn es Kirche wieder gelingt, Menschen in ihrem Versuch, ein humanes Leben zu leben, zu unterstützen. Aber dafür müssen wir unsere Gottmüdigkeit überwinden. Gottmüdigkeit besteht darin, dass wir uns nicht mehr trauen zu hoffen. Denn Hoffnungen sind immer mit den großen Menschheitsfragen verbunden: Was ist Gerechtigkeit? Was ist Freiheit? Was ist Glück? Und wenn wir uns nicht mehr trauen, diese großen Menschheitsfragen zu stellen, dann verlieren wir Gott aus dem Auge.“

Autor
In der katholischen Kirche gibt es, so Jürgen Manemann, seit knapp drei Jahren einen Hoffnungsträger, der die großen Fragen stellt: Papst Franziskus. Er wünscht sich seine Kirche wie ein Feldlazarett, in dem Menschen versorgt werden, die leiden. Eine Kirche für die Anderen, eine Kirche für die Welt, in der zu viele Menschen unter die Räder einer unbarmherzigen Wirtschaft geraten.

Jürgen Manemann
„Man muss das Christentum Menschen als ein Angebot präsentieren, ihr Leben besser zu verstehen und ihm standhalten zu können. Gott ist Mensch geworden in Christus, nicht um uns zu vergöttlichen, sondern um uns zu zeigen, was Menschsein heißt. Das heißt, in der Menschwerdung Gottes steckt nicht der Imperativ: Werdet wie Gott! Das ist der Imperativ unserer Zivilisation, die sich von Religion immer mehr absentiert und sich selbst quasi jetzt religiös auflädt durch ihren Machbarkeitswahn. Während es im Christentum darum geht, nicht den Menschen zu sagen: Werdet wie Gott, sondern werdet Menschen! Und was ein humanes Leben ist: ein Leben, das der Tragik, die das Leben darstellt, standhalten muss.“

Autor
Tag für Tag – im Alltag mit seinen Herausforderungen. Hier muss die politische Theologie ansetzen: Was heißt Alltag und was kann man vom Alltag lernen? Dabei orientiert sich Manemann am Alltagsansatz des unkonventionellen Philosophen Cornel West, an seinem prophetischen Pragmatismus.

Jürgen Manemann
„Weil er den Focus darauf richtet, sich mit der Tragik des menschlichen Lebens auseinander zu setzen. Und die Tragik besteht darin, dass wir endliche Wesen sind. Wenn ein anderer Mensch stirbt, dann leidet man darunter und trauert um die Endlichkeit des Anderen. Das heißt, dieser Prophetische Pragmatismus sensibilisiert uns für diese Tragik des Lebens und zwingt uns dazu als Theologen und Philosophen darüber nachzudenken, welche Potentiale wir alle benötigen im Alltag, um dieser Tragik standzuhalten“.

Autor
Dahinter steckt die Frage: Wie kann das Leben gelingen? Was braucht ein Mensch, um leben zu können? Was trägt ihn und lässt ihn auch in großer Not nicht verzweifeln?

Jürgen Manemann
„Das scheint mir heute auf der politisch-theologischen Agenda ganz oben zu stehen: Das gewöhnliche Leben von gewöhnlichen Menschen zu verstehen und wie es ihnen gelingt, ihr Leben auszuhalten und welche Perspektiven sie im Blick auf Hoffnung, auf Glauben, auf Verzweiflung in ihrem Alltag entwickeln. Und welche Formen des Alltags uns in Sterben, Tod und Hoffnung einüben.“

Autor
Da ist Aufmerksamkeit gefordert, die das Kleine nicht übersieht. Nur wer aufmerksam ist, kann achtsam reagieren und sein Verhalten verändern,

Jürgen Manemann
„Diese Veränderung ist auch theologisch gefordert, weil der Gott, der ein Gott der Lebenden und der Toten ist, ein Exodus-Gott ist. Wenn man herausfinden will, ob es ihn gibt oder ob es ihn nicht gibt, das kann man nur erfahren, indem man sich immer wieder neu auf den Weg macht, sich selbst und die Gesellschaft zu verändern. Wenn ich nicht Teil von Veränderungsprozessen bin, kann ich diesen Gott definitiv nicht erfahren.“

Autor
Der Theologie der Hoffnung geht es um die Begegnung mit diesem Gott.

Jürgen Manemann
„Die Voraussetzung dafür, dass in der Kirche wieder neu Hoffnung entstehen kann, dass Gottmüdigkeit aufgebrochen wird, dass in der Gesellschaft neue Hoffnung entsteht, die Voraussetzung ist, dass sich überhaupt etwas verändert. Und das Schwierigste ist, sich selbst zu verändern. Unsere Aufgabe aus politisch-theologischer Perspektive besteht heutzutage nicht darin, dass sich die Kirche verändert, dass die Gesellschaft sich verändert, die Welt sich verändert, sondern dass jeder von uns an sich selbst arbeitet und sich verändert. Denn das ist das Milieu, in dem sich neue Hoffnung einstellen kann und diese neue Hoffnung wird uns dann neu mit den großen Menschheitsfragen konfrontieren.

Musik „Million Dollar Baby“, Track 1: „Blue Morgan“, Music by Clint Eastwood, The Hollywood Studio Symphony


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Dieser Beitrag wurde am 07.02.2016 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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