Wort zum Tage, 04.12.2015

von Beate Hirt aus Frankfurt am Main

Barbarazweige: Frühling im Winter

Ich hab den Eindruck, es gibt sie jetzt wieder öfter: die Barbarazweige. Auf Märkten oder in Blumengeschäften kann man heute kahle Kirschzweige kaufen – und mancher schneidet sie sich auch im eigenen Garten vom Baum. Dann werden sie in die warme Wohnung geholt und ins Wasser gestellt – und wenn es gut läuft: Dann treiben die Zweige um Weihnachten herum weiße Knospen aus. Mitten im tiefsten Winter blüht es dann wie im Frühling.

Die Barbarazweige gehen zurück auf die heilige Barbara - heute, am 4. Dezember, ist ihr Gedenktag. Sie hat im dritten Jahrhundert gelebt, in der Zeit der Christenverfolgung. Ihr eigener Vater wollte sie mit allen Mitteln abbringen von ihrem christlichen Glauben. Er hat sie in einen Turm gesteckt und eingemauert. Die Legende erzählt: Die heilige Barbara hat einen Kirschzweig in ihr Gefängnis geschmuggelt und ihn immer wieder mit Wasser aus ihrem Trinknapf getränkt. Ausgerechnet an dem Tag, an dem sie zum Tode verurteilt wurde, ist der Zweig dann aufgeblüht. Und er macht damit klar: Das ist nicht nur ein Ende – das ist auch wieder ein neuer Anfang. Frühling im Winter, Leben im Tod.

Ich finde: Dieser Barbarazweig, er ist bis heute ein ganz besonderes Hoffnungszeichen. Mir sagt er: Wunder sind immer möglich, auch in Krisenzeiten, dann, wenn viele sagen: Die Lage ist hoffnungslos. Ich denke da nicht nur an persönliche Krisen, sondern auch an die gesellschaftlichen: In der Flüchtlingskrise zum Beispiel gibt es ja immer mehr Menschen, die sagen: Das kriegen wir nicht hin, das wird düster enden. Und nun all die neuen Ängste auch, die mit den furchtbaren Terroranschlägen in Paris aufkommen. Auch ich denke da ja manchmal: O je, wer weiß, was noch kommen wird. Wie viel Gewalt und Gegengewalt womöglich noch ausbrechen werden in Europa und im Nahen Osten. Wie soll man da noch Hoffnung haben auf ein friedliches, gerechtes Europa oder gar: auf eine friedliche, gerechte Welt?

Und doch glaube ich: Es gibt diese Hoffnung. Für mich geht sie wirklich zurück auf meinen Glauben. Der lässt sich nicht beirren von den Ängsten der Zeit. Er hält ganz beharrlich daran fest: Es kann besser werden. Es wird besser werden. Weil Gott im Letzten das Sagen hat. Und der lässt die Menschen nicht im Dunkeln sitzen, er schickt Hoffnung und Frühling in die Welt. Und die bringt eben auch Menschen dazu, sich nicht beirren zu lassen. Ich bewundere das wirklich: Wenn ich sehe, wie Menschen sagen: jetzt erst recht! Jetzt stehen wir zusammen für Frieden und Verständigung. Wir kümmern uns um die Flüchtlinge, organisieren Kleidung und Spielzeug für Flüchtlingsheime. Oder andere, die sagen: Wir lassen uns von diesen Islamisten nicht Angst vor dem Islam machen! Wir suchen jetzt erst recht den Kontakt zu den muslimischen Nachbarn und Gemeinden. Und stehen zusammen für eine friedliche Welt.

Solche Menschen: Die sind für mich auch Hoffnungszeichen. Sozusagen: lebendige Barbarazweige. Ich will in diesen Wintertagen zusammen mit ihnen festhalten an der Hoffnung auf eine bessere Welt.


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Dieser Beitrag wurde am 04.12.2015 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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