Wort zum Tage, 03.12.2015

von Beate Hirt aus Frankfurt am Main

Stille im Advent

Natürlich ist es ein bisschen seltsam, im Radio über sie zu reden: über die Stille. Ich sorge ja schließlich gerade auch dafür, dass keine herrscht. Und trotzdem will ich heute morgen ein Loblied auf sie anstimmen. Gerade jetzt im Advent. Denn ich merke: Da brauche ich die Stille ganz besonders. Meine Welt ist selten still – Geräusche und Lärm umgeben mich ständig, manchmal nehme ich das kaum wahr, aber oft genug nervt es mich auch ziemlich. Das fängt schon beim Wecker am Morgen an. Und es geht weiter, wenn ich das Haus verlasse und Autos, Busse und Lkw an mir vorbeibrettern. Oder Flugzeuge über mir hinweg düsen – die sind im Rhein-Main-Gebiet auch eine ständige Lärmquelle. Jetzt im Advent sind aber auch die Einkaufsstraßen und Geschäfte noch lauter als sonst. Noch mehr Menschen, noch mehr Handygeklingel, noch mehr Musikgedudel über die Kaufhauslautsprecher, Weihnachtslieder ohne Ende. „Stille Nacht“ zum Beispiel – aber Stille ist da nirgends mehr.

Dabei ist die Stille so wohltuend. Wie gut tut das, wenn ich all dem Lärm mal entfliehe, für ein paar Minuten nur, oder auch mal für länger. Im Frühjahr und im Sommer genieße ich die Stille an ganz besonderen, wunderbaren Orten: Im Frühjahr in einem Schweigekloster. Und im Sommer dann beim Bergwandern in den Alpen. Ich merke richtig, wie sich dort nicht nur das Ohr, sondern auch die Seele entspannt. Vielleicht sehne ich mich im Advent auch deswegen so besonders nach der Stille, weil der letzte Urlaub mit ihr schon wieder eine ganze Weile her ist.

Aber es gibt ja auch die Stille im Kleinformat, mitten im Alltag: ein paar Minuten Ruhe am Morgen oder am Abend zum Beispiel. Die habe ich mir jetzt im Advent besonders vorgenommen. Morgens nehme ich mit einer Tasse Kaffee meinen Adventskalender zur Hand – das ist keiner mit Schokolade, sondern mit wunderbaren Texten, Bildern und Gebeten. Und dann genieße ich ein paar Momente Stille. Richtig lang wird das selten, denn ich komme morgens, ehrlich gesagt, ziemlich schwer und spät aus dem Bett. Aber wenn ich es schaffe, mir diese paar Momente Stille einzurichten – dann merke ich das auch tagsüber. Dann komme ich gelassener und besser durch den Tag. Gut gebrauchen kann ich einen Moment Stille aber auch abends, nach dem Nachhausekommen. Auch da versuche ich das jetzt öfter mal im Advent: still zu sein, nicht gleich wieder Geräte einzuschalten, nicht gleich wieder zu reden.

Und es sind wunderbare Momente, die ich dann erlebe: Ein bisschen ist es, als ob ich dem ganzen Körper Kurzurlaub gönne: Die Ohren entspannen sich, alle Sinne kommen zur Ruhe. Ich werde innerlich ein bisschen ruhiger und stiller und gelassener.

Der große Kabarettist und Poet Hanns Dieter Hüsch hat ein Gedicht über die Stille geschrieben. An das muss ich jetzt im Advent auch immer mal wieder denken. Es beginnt so:

„Erst mit der großen Stille

fängt die Seele an zu schreiben

und lässt uns sanft und sicher werden

und sorgt dafür, dass unsere Augen milde bleiben.“

Hanns Dieter Hüsch: Das Schwere leicht gesagt. Freiburg 1994. Seite 44, 4 Zeilen


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Dieser Beitrag wurde am 03.12.2015 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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