Wort zum Tage, 01.12.2015

von Beate Hirt aus Frankfurt am Main

Langsam machen im Dezember

Jetzt ist doch tatsächlich schon wieder Dezember! Der letzte Monat des Jahres. Die Zeit rast ohnehin schon, und ich hab das Gefühl: Gegen Ende des Jahres nimmt sie noch mal so richtig Fahrt auf. Fast möchte ich dann auf die Bremse treten und rufen: Zeit, mach langsam! Ich komm ja kaum mit. Aber eigentlich muss ich das natürlich nicht der Zeit zurufen, sondern vor allem: mir selber. Ich bin es ja eigentlich, die rast. Die sich hetzen lässt von einem Ding zum andern.

Vielleicht mache ich das aber wirklich ab und zu in den nächsten Wochen: auf die Bremse treten. Oder zumindest: einen Gang langsamer schalten. Gerade, wenn die Adventshektik so richtig ausbricht. Mir zurufen: Mach mal langsam! Ich fürchte, es wird auch nicht gehen, ohne dass ich ein paar der vielen Dinge weglasse, die so im Kalender stehen. Ich muss mich entscheiden: was ist wirklich wichtig, was kann auch wegfallen. Ein Freund von mir hat mich dazu vor kurzem inspiriert. Er hat erzählt: Er hat diesmal im Advent radikal Verabredungen gekürzt, er geht zu weniger Familien- und Firmenfeiern, er hört weniger Weihnachtskonzerte, und er schreibt auch weniger Weihnachtspost. Das tut ein bisschen weh, natürlich, er sagt: Er hat auch Angst, etwas zu verpassen oder jemanden zu verärgern  – aber weniger Termine schaffen eben auch Freiraum, freie Zeit. Und durch diese gewonnene Zeit kann er etwas langsamer machen. Und sich ab und zu eine Pause gönnen. Ich hab mir vorgenommen: Ich will das in den nächsten Wochen auch tun.

Und außerdem hab ich mir vorgenommen: Ich will ganz buchstäblich nicht so rasen im Advent. Will nicht durch die Straßen und Kaufhäuser rennen. Keinen Spurt zum Bus hinlegen. Sondern ganz wortwörtlich ein bisschen das Tempo rausnehmen. Vielleicht werde ich sogar ab und an höflich anderen Leuten den Vortritt lassen, die es eilig haben. Und womöglich wird mich dabei mancher auch komisch anschauen. Denn Langsamkeit ist natürlich überhaupt nicht „in“. Wer sich Zeit lässt, etwas geruhsam tut: der gilt schnell als nicht ganz normal oder faul. Das hat nicht zuletzt mit all der Technik zu tun, die unser Leben beschleunigt und bestimmt: Computer und Smartphones, die liefern mir in Windeseile und zu allen Tages- und Nachtzeiten Informationen und Nachrichten. Pausen brauchen diese Geräte nicht.

Aber wir Menschen brauchen sie eben, die Pausen und die Langsamkeit. Wenn wir es übertreiben mit dem Rennen und dem Rasen, dann werden wir krank. Ich kenne etliche Leute, die schon mal mit einem Hörsturz oder Schlimmerem ausgebremst wurden. Oft passiert das übrigens gerade im Winter, wenn die Abwehrkräfte eh etwas unten sind. Ich glaube jedenfalls: Mehr Langsamkeit im Dezember, die wird mir gut tun. Meinem Körper und meiner Seele. Und womöglich kann ich dann am Jahresende auch sagen: Das Jahr und der Advent, die sind nicht nur an mir vorbeigerast. Ich hab sie manchmal auch ganz in Ruhe erlebt und genossen.


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Dieser Beitrag wurde am 01.12.2015 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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