Morgenandacht, 09.01.2016

von Pater Norbert Cuypers SVD aus St. Augustin

Die Entdeckung der Langsamkeit

Autor
Und wieder kommt eine Woche zu ende. Wie schnell die Tage doch verronnen sind und ich frage mich: Was ist mir in dieser Woche eigentlich gelungen? Welche wichtige Erfahrung habe ich gemacht?  An was werde ich später einmal gerne zurückdenken wollen? Gut denkbar, dass sich der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry ähnliche Fragen gestellt hat, als er zu Gott mit folgenden Worten einmal betete:

Sprecherin
„Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr,
sondern um Kraft f
ür den Alltag!
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte:
Mach mich findig und erfinderisch,
um im t
äglichen Vielerlei und Allerlei
rechtzeitig meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren,
von denen ich betroffen bin.
Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung,
schenke mir das Fingerspitzengef
ühl,
um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist.“

Autor
In der Betriebsamkeit unseres Lebens, das Wesentliche nicht aus dem Blick zu verlieren: das ist wohl auch eine Herausforderung für mein Leben. So vieles nimmt mich tagtäglich in Beschlag. Alles ist wichtig, nichts darf ich vergessen. Die Emails von gestern muss ich unbedingt heute noch beantworten. Später, in der Aufsichtsratssitzung, soll ich einen kleinen spirituellen Impuls geben, den ich noch vorzubereiten habe. Dann wollte noch Frau Zimmermann für ein Seelsorgegespräch vorbeikommen. Jetzt nur schön die Ruhe bewahren. Eins nach dem anderen, sonst verliere ich die Nerven. So denke ich oft. Da spricht mir Antoine de Saint-Exupéry aus dem Herzen, wenn er Gott bittet:

Sprecherin
„Bewahre mich vor dem naiven Glauben,
es m
üsste im Leben alles glatt gehen.
Schenke mir die nüchterne Erkenntnis,
dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge
eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind,
durch die wir wachsen und reifen!“

Autor
Manchmal merke ich in meinem Alltag gar nicht, wie gestresst ich auf die anderen wirke. Wie ich ihnen auf die Nerven gehe mit meiner Gereiztheit oder miesen Laune, weil die Arbeit nicht so läuft, wie ich mir das gewünscht habe. Dann bin ich froh, wenn mir ein Mensch meines Vertrauens auf die Schulter klopft und sagt: „Norbert, jetzt schalt mal einen Gang herunter. Deine Hektik hilft keinem von uns.“ Der Autor des Bestsellers „Der kleine Prinz“, Antoine de Saint-Exupéry, kannte das wohl auch in seinem Leben und wendet sich deshalb im Gebet an Gott:

Sprecherin
„Erinnere mich daran, dass das Herz oft gegen den Verstand streikt.
Schick mir im rechten Augenblick jemand,
der den Mut hat, mir die Wahrheit zu sagen!
Ich m
öchte dich und die anderen immer aussprechen lassen.
Die Wahrheit sagt man nicht sich selbst,
sie wird einem gesagt.
Du wei
ßt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen.
Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten,
riskantesten und zartesten Geschäft des Lebens gewachsen bin!“

Autor
Martin Buber hat es einmal sehr schön formuliert: „Alles wahre Leben ist Begegnung.“ Ja, das glaube ich auch. Echte Freundschaften und geglückte zwischenmenschliche Begegnungen: das ist das, worauf es mir letztlich im Leben ankommt. Ich will bei aller Arbeit und allem Zeitdruck den Mitmenschen einfach nicht vergessen. Aber mir ist klar, dass ich in diese Begegnungen und Beziehungen investieren muss. Dass ich bereit sein soll, Menschen das zu schenken, was ich mir ja eigentlich auch für mich selber wünsche.

Sprecherin
„Verleihe mir die nötige Phantasie,
im rechten Augenblick ein Päckchen Güte,
mit oder ohne Worte an der richtigen Stelle abzugeben.
Mach aus mir einen Menschen,
der einem Schiff mit Tiefgang gleicht,
um auch die zu erreichen, die ‚u
nten‘ sind.
Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen.
Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche!“

Autor
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag.


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Dieser Beitrag wurde am 09.01.2016 gesendet.


Über den Autor P. Norbert Cuypers SVD

orbert Cuypers, 1964 in Köln geboren, ist Mitglied der interkulturell aufgestellten Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare (SVD). Sein Weg führte ihn im Laufe der Jahre unter anderem nach Papua Neuguinea und nach Österreich. Seit 2011 lebt und wirkt er wieder in Deutschland. Das Thema „Spiritualität“ begleitet ihn seit Jahren: sei es als Exerzitienmeister, als Spiritual im Priesterseminar, oder auch als Leiter des deutschsprachigen Noviziats seines Ordens in Berlin. Derzeit lebt er als „Hüter der Stille“ in einer Einsiedelei im Sauerland. Kontakt: cupyi@gmx.de

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