Morgenandacht, 08.01.2016

von Pater Norbert Cuypers SVD aus St. Augustin

Alt werden ist nichts für Feiglinge

Autor
Können Sie sich noch an Ihr erstes graues Haar erinnern? Bei mir zeigte es sich, als ich so um die 30 Jahre alt war. Ein Schock, ein echter Kratzer für meine Eitelkeit war das damals, als ich am Morgen nach dem Aufstehen verschlafen in den Spiegel schaute. Inzwischen habe ich aufgegeben, die grauen Haare zu zählen. Zu viele sind es mittlerweile geworden. Über die Jahre hinweg habe ich gelernt, mit ihnen zu leben. Ja, ich werde älter. Das ist Fakt. Das kann ich nicht bestreiten und es fällt mir nicht leicht anzunehmen, dass mehr als die Hälfte meines Lebens bereits hinter mir liegt. Zu sehr bin auch ich geprägt vom augenblicklichen Zeitgeist, der mir vormachen will, wie wichtig es ist, stets jung, schön und dynamisch zu sein und vor allem es auch zu bleiben. Es stimmt schon, was der Volksmund sagt: „Alt werden wollen viele. Aber alt sein will niemand.“ Zu sehr verbinden wir das Alter wohl mit Krankheit, Vergesslichkeit und auch Einsamkeit. Kein Wunder also, wenn manche Mitmenschen sich wünschen, es selbstbestimmt beenden zu wollen. Eines ist klar: zum Altwerden gehört Mut. Alt werden, wie es heute so schön heißt, das ist nichts für Feiglinge. In einem Gebet aus dem 17. Jahrhundert drückt es eine Nonne, deren Name uns nicht überliefert wurde, so aus:

Sprecherin
„O Gott, Du weißt besser als ich,
dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.
Bewahre mich vor der Einbildung
bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.
Erlöse mich von der Leidenschaft,
die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.
Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch,
hilfreich, aber nicht diktatorisch zu sein.
Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheit
erscheint es mir ja schade, sie nicht weiterzugeben – aber Du verstehst o Gott,
dass ich mir ein paar Freundinnen erhalten möchte.“

Autor
Ob die alte Nonne beim Gebet dem Herrgott zugelächelt hat, ist nicht überliefert. Aber vorstellen kann ich es mir gut. Immerhin lesen sich diese Zeilen mit einer gewissen Leichtigkeit und machen mir deutlich: diese Frau ist in Berührung mit den Herausforderungen des Alterns und kann sie doch mit einer guten Portion Humor ertragen. Das ist alles andere, als eine Selbstverständlichkeit. Wohl deshalb heißt es in Psalm 90: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“  Was das bedeutet, kann ich erfahren, wenn ich meine alten Mitbrüder im Saarland besuche. Dort hat unsere Ordensgemeinschaft ein Seniorenheim und eine gut geführte Pflegestation, wo sie ihren Lebensabend verbringen. Wie manch anderer Mensch auch, sind einige von ihnen verbittert und hadern mit ihrem Schicksal. Die Mehrheit meiner Mitbrüder aber schaut dankbar auf ihr Leben zurück.

Im Gebet der alten Nonne heißt es weiter:

Sprecherin
„Bewahre mich vor Aufzählung endloser Einzelheiten
und verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen.
Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden.
Sie nehmen zu – und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.
Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen,
mir die Krankheitsschilderungen anderer mit Freuden anzuhören,
aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.“

Autor
Für mich sind jene alten Menschen weise, die auch einmal über sich selber schmunzeln können. Das genau scheint unserer Beterin zu tun. Mit einer gewissen Gelassenheit und Heiterkeit bittet sie nicht darum, eine Heilige zu sein. Vielmehr möchte sie die Talente anderer entdecken und lobend erwähnen:

Sprecherin
„Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.
Erhalte mich so liebenswert wie möglich.
Ich möchte keine Heilige sein – mit ihnen lebt es sich so schwer –
aber eine alte Griesgrämin ist das Krönungswerk des Teufels.
Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken,
und verleihe mir, o Gott, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.“

Autor
Nur für heute möchte ich offen und ehrlich der Tatsache ins Gesicht sehen, dass ich zwar jeden Tag ein wenig älter werde, aber dabei hoffentlich auch dankbar bleiben kann für mein Leben. – Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag.


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Dieser Beitrag wurde am 08.01.2016 gesendet.


Über den Autor P. Norbert Cuypers SVD

orbert Cuypers, 1964 in Köln geboren, ist Mitglied der interkulturell aufgestellten Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare (SVD). Sein Weg führte ihn im Laufe der Jahre unter anderem nach Papua Neuguinea und nach Österreich. Seit 2011 lebt und wirkt er wieder in Deutschland. Das Thema „Spiritualität“ begleitet ihn seit Jahren: sei es als Exerzitienmeister, als Spiritual im Priesterseminar, oder auch als Leiter des deutschsprachigen Noviziats seines Ordens in Berlin. Derzeit lebt er als „Hüter der Stille“ in einer Einsiedelei im Sauerland. Kontakt: cupyi@gmx.de

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