Morgenandacht, 07.01.2016

von Pater Norbert Cuypers SVD aus St. Augustin

Gott bittet zum Tanz

Autor
Können Sie sich vorstellen, liebe Hörerinnen und Hörer, dass Gott Freude daran hätte, mit uns Menschen zu tanzen? Nein? Nun, für mich war dieser Gedanke ebenfalls fremd, bis ich ihn in einem Gebet von Madeleine Delbrêl entdeckte, einer christlichen Schriftstellerin, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Frankreich gelebt hat. An Gott gewendet  schreibt sie:

Sprecherin
„Um gut tanzen zu können - mit dir oder auch sonst,
braucht man nicht zu wissen, wohin der Tanz führt.
Man muss ihm nur folgen,
darauf gestimmt sein,
schwerelos sein,
und vor allem: man darf sich nicht versteifen.
Man soll dir keine Erklärung abverlangen,
über die Schritte, die du zu tun beliebst,
sondern ganz mit dir eins sein - und lebendig pulsierend
einschwingen in den Takt des Orchesters, den du auf uns überträgst.
Man darf nicht um jeden Preis vorwärtskommen wollen.
Manchmal muss man sich drehen oder seitwärts gehen.
Und man muss auch innehalten können
oder gleiten, anstatt zu marschieren.
Und das alles wären ganz sinnlose Schritte,
wenn die Musik nicht eine Harmonie daraus machte.
Wir aber, wir vergessen sofort die Musik deines Geistes.
Wir haben aus unserem Leben eine Turnübung gemacht." 

Autor
Ehrlich gesagt, ich habe nie eine Tanzschule besucht und bin schon deswegen kein guter Tänzer. Trotzdem kann ich diesen auf dem ersten Blick vielleicht etwas befremdlich wirkenden Gedanken Madeleine Delbrêls viel abgewinnen. Da ist zunächst einmal das „sich von Gott führen lassen“. Ich möchte lernen, mich Gott und seinem Tanzschritt  anzuvertrauen und „nicht um jeden Preis vorwärtskommen wollen“, sondern – wie Madeleine Delbrêl es so wunderschön schreibt – „mit ihm eins zu sein“.

Es ist ja tatsächlich so: zu oft meine ich im Alltag, genau zu wissen, wie mein Leben als Christ auszusehen hat, was von mir zu tun und zu lassen sei, um ein gutes Leben vor Gott zu führen. Dabei kann ich spüren, wie ich mich immer mehr verkrampfe. Irgendwann muss ich mir dann doch eingestehen, dass ich selbst den Takt meines Lebens vorgeben und mich eben nicht Gottes Tanzschritt anvertrauen will. Es stimmt schon: Die Zumutungen Gottes für uns Menschen sind oft anders, als wir sie uns wünschen. Zum Tanzen ist vielen Zeitgenossen da ganz und gar nicht zu mute. Und doch ist für mich das Leben mit Gott, also mein geistliches Leben, im Idealfall auch so, wie ein guter, von Gott geführter Tanz. Ich glaube fest daran, dass mein Leben als Christ nur wirklich dann gelingen kann, wenn ich mich nicht nur stur an den Takt von Dogma und Gesetz klammere, sondern Gott, der für mich Vater und Mutter zugleich sein möchte, die Führung überlasse. Auch das lese ich aus dem Gebet der Madeleine Delbrêl, wenn sie an einer anderen Stelle schreibt:

Sprecherin
„Ich glaube, Herr, du hast von den Leuten genug,
die ständig davon reden, dir zu dienen -
mit der Miene von Feldwebeln,
dich zu kennen - mit dem Gehabe von Professoren,
zu dir zu gelangen nach den Regeln des Sports...“

Autor
Mein Leben als Christ darf mehr sein, als ein spirituelles Leistungsprogramm, das täglich durch festgelegte Riten und Gebetsformen zu absolvieren ist. Für mich ist das Leben als Christ zuerst einmal eine großzügige Einladung Gottes, mit ihm eine liebende Beziehung einzugehen. Genau darum bittet Madeleine Delbrêl in ihrem Gebet:

Sprecherin
„Gib, dass wir unser Dasein leben
nicht wie ein Schachspiel, bei dem alles berechnet ist,
nicht wie einen Wettkampf, bei dem alles schwierig ist,
nicht wie einen Lehrsatz, bei dem wir uns den Kopf zerbrechen,
sondern wie ein Fest ohne Ende,
bei dem man dir immer wieder begegnet,
wie einen Ball, wie einen Tanz
in den Armen deiner Gnade,
zu der Musik allumfassender Liebe.
Herr, komm und lade uns ein.“

Autor
Unser Leben darf genau das ein: ein heiterer Tanz und keine anstrengende Turnübung. Das wusste übrigens auch schon der heilige Augustinus, der einmal gesagt haben soll: „Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen.“ – Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag.


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Dieser Beitrag wurde am 07.01.2016 gesendet.


Über den Autor P. Norbert Cuypers SVD

orbert Cuypers, 1964 in Köln geboren, ist Mitglied der interkulturell aufgestellten Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare (SVD). Sein Weg führte ihn im Laufe der Jahre unter anderem nach Papua Neuguinea und nach Österreich. Seit 2011 lebt und wirkt er wieder in Deutschland. Das Thema „Spiritualität“ begleitet ihn seit Jahren: sei es als Exerzitienmeister, als Spiritual im Priesterseminar, oder auch als Leiter des deutschsprachigen Noviziats seines Ordens in Berlin. Derzeit lebt er als „Hüter der Stille“ in einer Einsiedelei im Sauerland. Kontakt: cupyi@gmx.de

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