Morgenandacht, 06.01.2016

von Pater Norbert Cuypers SVD aus St. Augustin

Im Labyrinth meines Lebens

Autor
Im vergangenen Herbst kam ich mit einer guten Bekannten ins Gespräch, die mit ihrem Mann ihren Urlaub in Frankreich verbrachte und dabei auch das berühmte Labyrinth in der Kathedrale von Chartres nicht nur besichtigen konnte, sondern sich auch die Zeit dafür nahm, es meditierend abzuschreiten. Dadurch wurde ihr dieses in den Fußboden des Kirchenraumes eingelassene Labyrinth zu einem Symbol, einem Gleichnis für ihren persönlichen Lebensweg. Im Unterschied zu einem Irrgarten, in dem man sich verlaufen kann und umkehren muss, um wieder auf den richtigen Weg zu kommen, führt das Labyrinth stets zur Mitte. Zwar geht man hier auch durch manche Windungen und wechselt auch immer wieder die Richtung. Aber anders, als im Irrgarten findet man schließlich doch zur Mitte, dem eigentlichen Ziel des Weges.

Dieser Gedanke gefällt mir. Denn wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückschaue, dann kann ich genau das bestätigen: Wie oft habe ich mich zwar gewunden vor der nächsten Entscheidung und dem nächsten Schritt, weil ich nicht wissen konnte, welche Konsequenzen das für mein Leben haben würde. Vielleicht erreichte ich meine Ziele auch nicht so schnell, wie ich es mir anfangs erhoffte. Dennoch habe ich erfahren dürfen, dass ich des Weges geführt wurde, den ich beschritt. Meine Entscheidung, den Weg zum Priesterberuf einzuschlagen, war beispielsweise solch ein Labyrinth mit vielen Kurven und Windungen. Es war ein langer Weg, nicht schnell und nicht einfach zu gehen. Da denke ich nur an meine Lateinprüfung, durch die ich beim ersten Mal durchgerasselt bin,  oder auch an die ersten kläglichen Predigtversuche in einer vollen Dorfkirche. Dennoch: am Ende dieses Weges stand ein Beruf, den ich bis heute zutiefst liebe und ihn als eine christliche Berufung erfahre.

Das Gebet von Pater Anselm Grün, das er wohl im Anblick eines Labyrinths verfasste, kannte ich damals zwar noch nicht, aber auch heute kann ich es gut beten:

Sprecherin
„Guter Gott, dieses Labyrinth erinnert mich
an die vielen Wege meines eigenen Lebens.
Oft sind diese Wege verworren.
Ich wei
ß nicht, wohin der Weg mich führt, auf dem ich gerade gehe.
Aber bei diesen vielen Kurven,
die ich hier gehe, habe ich doch das Vertrauen,
dass sie in die Mitte f
ühren und aus der Mitte wieder heraus in die Weite.“

Autor
Das Bild des Labyrinths ermutigt mich, auch im gerade begonnenen neuen Jahr 2016 mein Leben vorwärts zu gehen und mich dem Weg anzuvertrauen, der vor mir liegt. Es sagt mir: Setze stets einen Fuß vor den anderen und gehe ohne Angst weiter, auch wenn du nicht wissen kannst, was dich nach der nächsten Biegung erwartet. Verstehen wirst du dein Leben später einmal, durch einen Blick zurück. Mit den Worten von Pater Anselm Grün kann ich mich an Gott wenden und ihn bitten:

Sprecherin
„Schenke du mir die Hoffnung,
dass alle Wege, die ich hier in meinem Leben gehe,
mich immer mehr in meine Mitte f
ühren, zu meinem wahren Selbst,
zu dem inneren Raum der Stille, indem du selbst in mir wohnst.
Lass mich darauf vertrauen, dass alle Wege zum Ausgang führen,
der mich in die Weite und in die Freiheit
und letztlich in dein g
öttliches Leben hineinführt.“

Autor
Kaspar, Melchior und Balthasar, so nennt der Volksmund die drei Weisen aus dem Morgenland, von denen uns die Heilige Schrift berichtet und deren Festtag die Kirche heute begeht. Sie, die später als die drei heiligen Könige bekannt wurden, waren bereit, sich auf den Weg zu machen, den der Stern ihnen wies. Ihr Festtag, der heutige 6. Januar, kann uns Mut dazu machen, auch im neuen Jahr Christus, unsere christliche Mitte zu finden, in dem wir uns auf den Weg machen, den er uns zeigt. Karl Rahner, der große Theologe des 20. Jahrhunderts, hat es so formuliert:

Sprecherin
„Brich auf, mein Herz, und wandre! Es leuchtet der Stern.
Viel kannst du nicht mitnehmen auf den Weg.
Und viel geht dir unterwegs verloren. Lass es fahren.
Gold der Liebe, Weihrauch der Sehnsucht, Myrrhe der Schmerzen hast du ja bei dir.
Er wird sie annehmen.“

Autor
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag.


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Dieser Beitrag wurde am 06.01.2016 gesendet.


Über den Autor P. Norbert Cuypers SVD

orbert Cuypers, 1964 in Köln geboren, ist Mitglied der interkulturell aufgestellten Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare (SVD). Sein Weg führte ihn im Laufe der Jahre unter anderem nach Papua Neuguinea und nach Österreich. Seit 2011 lebt und wirkt er wieder in Deutschland. Das Thema „Spiritualität“ begleitet ihn seit Jahren: sei es als Exerzitienmeister, als Spiritual im Priesterseminar, oder auch als Leiter des deutschsprachigen Noviziats seines Ordens in Berlin. Derzeit lebt er als „Hüter der Stille“ in einer Einsiedelei im Sauerland. Kontakt: cupyi@gmx.de

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