Morgenandacht, 04.01.2016

von Pater Norbert Cuypers SVD aus St. Augustin

Du bist bestimmt zu leuchten

Autor
Seit dem 21. Dezember letzten Jahres - also schon seit fast zwei Wochen - werden die Tage in unserem Land wieder länger und die Nächte täglich etwas kürzer. Haben Sie das eigentlich schon wahrgenommen, liebe Hörerinnen und Hörer? Sehr wahrscheinlich nicht, denn es braucht für gewöhnlich lange, bis wir spüren können, wie sich das Licht gegenüber der Dunkelheit durchsetzt. Das ist in der Natur so und in unserem ganz persönlichen Leben nicht wirklich anders. Gefühlt dauern die dunklen Momente des Schmerzes oder der Trauer in unserem Leben doch auch oft sehr lange: vor einer schweren Operation vielleicht oder auch nach dem Auseinanderbrechen einer langjährigen Freundschaft. Bedrängt uns da nicht oft genug die dunkle Frage des Warums? Raubt uns die verzweifelte Situation dann nicht noch den letzten Funken Hoffnung?

Ich bin überzeugt: Gott erspart uns auch als Christen die Dunkelheit des Lebens nicht. Die „Dunkle Nacht des Glaubens“ kannten viele Heilige. Denken wir an Johannes vom Kreuz oder auch an Mutter Teresa. Sie, die ihr ganzes Leben auf die Beziehung zu Gott gesetzt hatten, fühlten sich auf einmal von ihm verlassen. Nein, als Christen werden wir vom Leben und seinen Herausforderungen keineswegs besser behandelt, als jeder andere Mensch auch. Wie schwer das im eigenen Leben sein kann, habe ich selbst einmal erfahren müssen, als mich in jungen Jahren eine schwere Krankheit für eine sehr lange Zeit zwang, geliebte Aufgaben abzugeben und mein Leben neu zu organisieren. Ich wusste damals noch nicht, ob ich jemals wieder körperlich voll einsatzfähig sein würde. Das war eine sehr belastende Zeit für mich und tatsächlich auch eine Probe für das eigene Gottvertrauen. Genau in dieser Zeit stieß ich auf ein Gebet von Dietrich Bonhoeffer, dass er in den Tagen seiner Gefangenschaft niederschrieb, und dass mir bis heute sehr kostbar ist:

Sprecherin
„In mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht;
ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht;
ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe;
ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede;
in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld;
ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich.“

Autor
Gerade in diesen dunklen Wochen und Monaten zu Beginn des neuen Jahres wird mir die Kraft dieses Gebetes deutlich: auch wenn mich Dunkelheit im Leben umgibt – Christus, als das Licht, leuchtet mir den Weg. Er macht meine Finsternis hell. Bei ihm finde ich Hilfe, Friede und Geduld. Das Gebet des evangelischen Theologen Bonhoeffer ermutigt mich, nicht über meine Dunkelheit zu jammern – denn davon wird es auch nicht heller in meinem Leben. Vielmehr lädt es mich dazu ein, selbst Licht zu werden für meine Mitmenschen. Das tut auch Jesus, wenn er seinen Schülerinnen und Schülern im Evangelium zusagt:

Sprecherin
„Ihr seid das Licht, das die Welt erhellt.
Eine Stadt, die hoch auf dem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.
Man zündet ja auch keine Lampe an und deckt sie dann zu.
Im Gegenteil, man stellt sie so auf, dass sie allen im Haus Licht gibt.
Genauso muss euer Licht vor allen Menschen leuchten.” (Mt 5,14-16)

Autor
Ob Nelson Mandela diese Worte Jesu aus dem Matthäusevangelium wohl im Sinn hatte, als er als neugewählter Präsident von Südafrika in seiner viel beachteten Antrittsrede sagte:

Sprecherin
„Jeder Mensch ist dazu bestimmt, zu leuchten!
Unsere tiefgreifendste Angst ist nicht, dass wir ungenügend sind,
unsere tiefgreifendste Angst ist, über das Messbare hinaus kraftvoll zu sein.
Wenn wir unser Licht erscheinen lassen,
geben wir anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.“

Autor
Liebe Hörerinnen und Hörer. Auch, wenn es noch eine Weile dauern wird, bis die Tage in der Natur spürbar länger werden: ich weiß, sie werden kommen. Und auch, wenn mich manche Dunkelheit in meinem Leben noch traurig macht: zumindest für heute möchte ich glauben, dass das Licht in mir stärker ist, als alle Dunkelheit.  – Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag!


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Dieser Beitrag wurde am 04.01.2016 gesendet.


Über den Autor P. Norbert Cuypers SVD

orbert Cuypers, 1964 in Köln geboren, ist Mitglied der interkulturell aufgestellten Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare (SVD). Sein Weg führte ihn im Laufe der Jahre unter anderem nach Papua Neuguinea und nach Österreich. Seit 2011 lebt und wirkt er wieder in Deutschland. Das Thema „Spiritualität“ begleitet ihn seit Jahren: sei es als Exerzitienmeister, als Spiritual im Priesterseminar, oder auch als Leiter des deutschsprachigen Noviziats seines Ordens in Berlin. Derzeit lebt er als „Hüter der Stille“ in einer Einsiedelei im Sauerland. Kontakt: cupyi@gmx.de

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