Morgenandacht, 13.11.2015

von Pfarrer Lutz Nehk aus Berlin

Schönheit der Schöpfung – Torheit des Menschen

Kunstkenner können mir auf Anhieb sagen, vom wem ein Bild gemalt wurde. Musikkenner erkennen schon beim Hören der ersten Takte, um welches Stück es sich handelt. Autoliebhaber wissen genau, was so ein Wagen unter der Haube hat. Und Weinspezialisten können an Farbe, Geruch und Geschmack die Traube, die Lage und vielleicht auch den Jahrgang des Weines bestimmen. Es gibt Erkennungsmerkmale mit denen man den Ursprung, die Ausstattung und die Qualität einer Sache bestimmen kann. Einem ist es gegeben, eine andere hat es mühsam lernen müssen.

Gibt es wohl eine allen Menschen gleichermaßen gegebene Fähigkeit der Erkenntnis? Die Fähigkeit, von der Wirkung auf die Ursache zu schließen, vom Geschöpf auf den Schöpfer? Das biblische Buch der Weisheit ist davon überzeugt: Alle Menschen können Gott erkennen. Aber viele gebrauchen diese Fähigkeit leider nicht. Ich lese im 13. Kapitel: „Töricht waren von Natur alle Menschen, denen die Gotteserkenntnis fehlte. Sie hatten die Welt in ihrer Vollkommenheit vor Augen, ohne den wahrhaft Seienden erkennen zu können. Beim Anblick der Werke erkannten sie den Meister nicht.“ (Weish 13, 1)

Die „Welt in ihrer Vollkommenheit“ ist ein Lesebuch der Spuren Gottes. Es gibt ja so etwas wie eine natürliche Religiosität. Mit seinen Sinnen nimmt der Mensch all die geschaffenen Dinge wahr. Er nimmt sie nicht einfach nur zur Kenntnis. Er ordnet sie und teilt sie ein. Er macht sie sich zunutze. Er stellt fest, wie intelligent alles aufeinander bezogen ist. Wie das „System Welt“ funktioniert, ohne dass er viel dafür tun muss. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wenn ich im Fernsehen Sendungen über Tiere, Insekten oder Pflanzen sehe. Das ist für mich immer eine Bestätigung dieser „Welt in ihrer Vollkommenheit“, die bei mir die Frage nach dem Sinn aufkommen lässt, nach der Absicht, die dahinter steht.

Es ist für mich zuerst nicht wichtig, ob die Welt nun in sieben Tagen erschaffen wurde oder auf einem anderen Weg ihren Lauf nahm. Das nimmt meinem Glauben an einen Gott, der all das gewollt hat, nicht die Grundlage. Sie ist ja da diese Schöpfung, so wie ich sie sehen kann. Und ich sehe hin und staune. Ja, das Staunen über die Naturgewalten und auch über die Zartheit und Zerbrechlichkeit vieler Dinge bringt mich auf den Weg der Erkenntnis. Im Buch der Weisheit lese ich: „Und wenn die Menschen über die Macht und die Kraft  des Feuers, des Windes, der flüchtigen Luft, des Kreises der Gestirne, der gewaltigen Flut oder der Himmelsleuchten in Staunen gerieten, dann hätten sie auch erkennen sollen, wie viel mächtiger jener ist, der sie geschaffen hat.“ (vgl. V 2u4) Töricht, so sagt der Verfasser, sind die Menschen, die hier nicht zur Gotteserkenntnis kommen, weil sie diese Urkräfte der Natur selbst für „weltbeherrschende Götter“ halten. Es lässt sich doch „von der Größe und Schönheit der Geschöpfe auf ihren Schöpfer schließen“. (vgl. V5)

Der Mensch heute ist in der Erforschung der Schöpfung viele Schritte weiter als die Verfasser der biblischen Schriften. Aber auch die „Torheit des Menschen“ hat sich weiterentwickelt. Längst geht es nicht mehr um die „Erkenntnis Gottes aus der Schönheit der Natur“. Heute ist diese Schönheit selbst durch die Torheit des Menschen in Gefahr. Er sieht, wie die Natur ein funktionierendes System in sich ist. Er sieht, wie er selbst ein Teil dieses Systems ist. Aber er kann seine Finger nicht davon lassen. Er fühlt sich berechtigt, in all das einzugreifen. Und zwar nicht allein, um es besser kennen zu lernen. Er greift ein, um es zu verändern. Was vordergründig zum Wohl des Menschen ist, wendet sich schlussendlich gegen ihn. Von der Größe und Schönheit der Geschöpfe kann man auf den Schöpfer schließen. Von dem Schaden und der Zerstörung der Schöpfung kann man auf die Torheit des Menschen schließen.


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Dieser Beitrag wurde am 13.11.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

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