Morgenandacht, 12.11.2015

von Pfarrer Lutz Nehk aus Berlin

Lob der Weisheit

Wir leben in einem Land, in dem jeder Mensch frei seine Meinung äußern kann, privat und öffentlich, schriftlich und mündlich. Das ist ein Grundrecht, das keinem genommen werden darf. Beleidigungen und Volksverhetzung, Lüge und üble Nachrede, Gotteslästerung und die Verletzung von Persönlichkeitsrechten gehören natürlich nicht dazu.

In der Politik wird ständig um den besten Weg zum Allgemeinwohl gerungen. Mittlerweile machen katholische Christen auch in ihrer Kirche die Erfahrung, dass es nicht nur gestattet ist, sondern auch erwünscht, öffentlich miteinander über wichtige und strittige Fragen zu sprechen. Papst Franziskus öffnet mehr als seine Vorgänger diesen Weg des Dialogs. Wie im Staat, so geht es auch in der Kirche um eine Ordnung des Zusammenlebens, in der sich alle wohl fühlen, in der es gerecht zugeht und jeder Wertschätzung erfährt.

Solche Prozesse sind zunächst immer ein Wirrwarr von Gedanken und Formulierungen, die, schließlich in eine Ordnung gebracht, zu Programmen, Leitlinien oder Gesetzen werden. Was im Großen gilt, das gilt auch im Kleinen, in der Familie, in der Schule, im Unternehmen und sogar im Freundeskreis. Es baucht eine Ordnung, die von allen mitgestaltet wird und zu Wohle aller dient. Eine große Herausforderung und eine Frage, mit der sich große Philosophen beschäftigt haben: Wer kann die Sachen ordnen?

Thomas von Aquin, ein Theologe und Philosoph des 13. Jahrhunderts, gibt eine Antwort: „Sapientis est ordinare.“ Dem Weisen ist es eigen, zu ordnen. Er geht davon aus, dass der Vorgang, Ordnung in ein Chaos von Meinungen und Argumenten, Vorschlägen und Ideen zu bringen, keine Sache von großen Konferenzen ist. Weisheit ist gefragt. Menschen, die sich von den Eigenschaften der Weisheit leiten lassen. Diese Weisheit aber muss nun selbst wieder so allgemein und unbestechlich sein, dass sie von allen als Autorität anerkannt wird.

In der Bibel gibt es ein Buch mit dem Titel „Buch der Weisheit“. Hier lese ich im 7. Kapitel einen ganzen Abschnitt über „das Wesen der Weisheit“. Es ist ein Loblied auf ihre guten Eigenschaften, auf ihre hilfreiche Kraft und ihre Heiligkeit.

Die Weisheit ist nicht Gott, aber alles was von ihr gesagt wird kann auch von Gott gesagt werden. Gott ist Herr der Weisheit, er verschenkt sie. Gibt sie Menschen als Gabe und Ausrüstung mit auf den Weg. Von dem weisen König Salomo wird gesagt: „Gott gab Salomo Weisheit und Einsicht in hohem Maß und Weite des Herzens - wie Sand am Strand des Meeres.“ (1Kön 5,9)

Der Abschnitt aus dem Buch der Weisheit zählt 21 Eigenschaften auf – drei mal sieben, eine heilige Zahl. Da wird von ihr gesagt: „Sie ist beweglich“. Sogar „beweglicher als alle Bewegung“. (Weish 7, 24) Das stellt man sich ja immer anders vor. Weisheit hat so etwas von Marmorsäule: fest, standhaft, stabil. Aber beweglich? Das heißt doch auch Veränderung. Diese Eigenschaft finde ich gut. Das in Weisheit geordnete Zusammenleben der Menschen kann nie für alle Zeiten und Orte ein für alle Male festgelegt werden. Es ist geradezu weise, immer wieder zu schauen, wo es der Veränderung und der Anpassung an unterschiedliche Lebensverhältnisse bedarf.

Dem nämlich entspricht eine andere Eigenschaft der Weisheit: Sie ist menschenfreundlich. Gottes Weisheit stellt nicht seine eigenen Ansprüche in den Mittepunkt, sondern den Menschen und die Schöpfung, in die er hinein gestellt ist. Die Weisheit richtet sich nicht gegen den Menschen. Und wenn eine menschliche Ordnung das tut, dann ist sie alles andere als Weise.

Eine dritte Eigenschaft passt sehr gut dazu: Sie ist mannigfaltig. Weisheit hat Freude an der Vielfältigkeit. Da bunte, die Farbe ist ein Erkennungszeichen weiser Ordnung. Nicht das Grau in Grau. Ordnung muss sein – ja das finde ich gut. Aber Ordnung heißt eben nicht in Reih und Glied und nicht in einem verordneten Einheitsdesign. Ohne sich zu ändern, erneuert die Weisheit alles. (V 27b)


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Dieser Beitrag wurde am 12.11.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

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