Morgenandacht, 11.11.2015

von Pfarrer Lutz Nehk aus Berlin

11.11. zwei Höhepunkte in Deutschland

Der 11. November hat zwei Höhepunkte: Den ersten am Vormittag, den zweiten am Abend. Je nachdem wo man in Deutschland lebt wird man den ersten Höhepunkt nicht verpassen oder ihn gar nicht mitbekommen. 11.11 Uhr in Deutschland: Beginn der Karnevalszeit. Im Rheinland natürlich ganz groß und unüberhörbar. In Berlin doch eher unbemerkt von der Öffentlichkeit und nur auf kleine Karnevals-Hardliner-Kreise beschränkt.

Der zweite Höhepunkt des Tages wird hier und an vielen anderen Orten in Deutschland schon mehr wahrgenommen. Es ist die Tradition, die sich mit dem heutigen „Sankt Martins Tag“ verbindet. Vor allen Dingen für die Kinder und die Familien ist es ein Fest. Der abendliche Laternenumzug, bei dem man sich an den heiligen Martin von Tour erinnert. Erst war er römischer Soldat und wurde später Bischof dieser französischen Stadt. Das war im Jahr 317.

Sein Leben wird mit vielen Legenden und Brauchtümern verbunden. Doch eine Begebenheit hat sich besonders tief in die Erinnerung an sein Leben eingeschrieben. Es ist die Sache mit dem Mantel, den er mit einem Bettler geteilt hat. Der Mann drohte zu erfrieren. Martin, so wird es erzählt, nimmt kurzerhand sein Schwert, zerschneidet seinen Soldatenumhang, gibt eine Hälfe den Bettler und reitet davon. Nachts erscheint ihm im Schlaf Christus in einem Traum – er ist der Bettler, mit dem er den Mantel geteilt hat.

An den Gedenktagen der Heiligen der Nächstenliebe rückt die Situation der Flüchtlinge in unsrem Land sehr deutlich in das Blickfeld. Heute braucht die Welt wieder einmal einen heiligen Martin, der seinen Mantel teilt, um einen Menschen vor dem Erfrieren zu retten. Am 19. November werden wir an die Heilige Elisabeth von Thüringen erinnert, die an die Armen Brot verteilt. Es sind die Werke der Barmherzigkeit, die in ihrem Leben konkrete Gestalt annehmen. Jesus macht sie zu Zeichen einer ganz tiefen Verbundenheit mit ihm.

Am Ende der Zeit, so sagt er in einem Gleichnis, wird er wiederkommen und die Menschen in sein Reich holen. Dabei wird das ausschalgebend sein: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.“ (Mt 25, 25-26) Die Leute fragen ihn: Ja, wann haben wir denn all das für dich getan? Das ist uns gar nicht bewusst. Und er antwortet ihnen: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist.“ (V40, 24V)

Die Botschaft dieser Worte Jesu ist sehr deutlich. Die geringsten Schwestern und Brüder – wer sind die heute? Wer braucht heute warme Kleidung, einen Ort, an dem er vor Kälte geschützt ist? Die vielen Flüchtlinge gehen heute bei den Martinsumzügen als aktuelle Herausforderung unserer Barmherzigkeit mit. Die Kinder werden singen: „Ich geh’ mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Da oben leuchten die Sterne, hier unten leuchten wir.“ Ja, das wäre sehr schön, wenn die Kinder erkennen würden, wie wichtig und schön es ist, hier untern ein Licht zu sein, das allen leuchtet, die im Finstern sind.

Auch der 11.11. als Beginn des Karnevals kann ein frommer Impuls sein. Mit ihm wurde früher eine Art 40-tägige Fastenzeit der Taufbewerber vor dem Fest der Erscheinung des Herrn, der Heiligen-drei-Könige am 6. Januar begonnen. An St. Martin noch einmal ordentlich auf die Pauke gehauen und dann: 40 Tage Werke des Verzichts, der Frömmigkeit und der Nächstenliebe.  Wer Karneval kann, kann auch Nächstenliebe.


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Dieser Beitrag wurde am 11.11.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

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