Morgenandacht, 10.11.2015

von Pfarrer Lutz Nehk aus Berlin

Zur Unvergänglichkeit erschaffen

Wenn der Mensch ein Wort für eine Sache hat, dann kann er sich die auch vorstellen. Entweder ist sie ganz konkret  – ein Brot zum Beispiel. Oder es ist eine Idee, etwas, das man nicht anfassen kann, was aber doch da ist. So kann sich der Mensch die „Unendlichkeit“ vorstellen. Nicht augenfällig zwar, aber er kann sie dank seiner Vernunft immerhin definieren. Und zwar deshalb, weil er genau weiß, was „endlich“ ist. Da hat etwas einen Anfang und ein Ende. Es ist begrenzt durch die Zeit und durch den Raum. Wie das Brot. Es wird vom Bäcker gebacken und kommt so in den Raum und in die Zeit. Ich kaufe es und schneide jeden Tag ein paar Schnitten ab. Es nimmt ab an Raum und wenn die letzte Stulle gegessen ist, ist es auch nicht mehr in der Zeit.

Der Mensch kann sich aber auch vorstellen, dass etwas kein Ende hat und keinen Anfang hatte und nicht auf einen bestimmten Raum begrenzt ist – wie der Raum und die Zeit selbst. Obwohl er selbst in Raum und Zeit „gefangen“ ist, kann er der „Endlichkeit seines Systems“ (Rahner) entfliehen und sich mit seinem Verstand auf den Weg in die Länge und Breite, Höhe und Tiefe machen. Er kann sich zurückversetzen in Zeiten, die er selbst nicht erlebt hat, und er kann Prognosen über die Zukunft wagen – beispielsweise über den voraussichtlichen Verlauf seines Lebens. Selbst wenn er hierbei an die sichere Prognose seiner Endlichkeit kommt, kann er diese jedoch durch Fragen überwinden. Woher komme ich und wohin gehe ich?

Es ist eine tolle Sache, dass der Mensch fragen kann. Und die sicherste Antwort auf jede Frage ist wiederum eine Frage. Diese von der Neugier angetriebene Unzufriedenheit des Menschen weitet seinen Horizont bis in die Unendlichkeit hinein. So hat das einmal der katholische Theologe Karl Rahner formuliert: „Der Mensch kann alles in Frage stellen; er kann alles einzeln Aussagbare immer schon in einem Vorgriff auf alles und jedes mindestens fragen. Indem er die Möglichkeit eines bloß endlichen Fragehorizontes setzt, ist diese Möglichkeit schon wieder überholt, erweist sich der Mensch als das Wesen eines unendlichen Horizontes. Indem er seine Endlichkeit radikal erfährt, greift er über diese Endlichkeit hinaus. […] Der unendliche Horizont menschlichen Fragens wird als ein Horizont erfahren, der immer weiter zurückweicht, je mehr Antworten der Mensch sich zu geben vermag.“ (1)

Karl Rahner spricht von der „radikalen Erfahrung der Endlichkeit“, die einen Menschen umtreibt. Sie macht ihn unruhig und unsicher. Ist es wirklich so, dass ich im Grunde das gleiche Schicksal, den gleichen Werdegang habe wie ein Brot? Ich komme in Raum und Zeit. Jeder Wimpernschlag meiner Existenz ist ein dem Vergehen unterworfenes Werden mit einem absehbaren Ende.

Da, wo ich über die Endlichkeit meines Seins hinausgreife, ist für mich ein Ort der Gottesbegegnung. Ein Gott, der sich mir als der Schöpfer all dessen zeigt, was je den Raum und die Zeit erfüllt hat, erfüllt und erfüllen wird. Und obgleich ich nur ein Staubkorn in diesem ganzen Gefüge bin, kann ich voller Stolz sagen: Ich gehöre dazu. Ich bin dabei.

Gott begegnet mir als einer, der nicht nur etwas geschaffen hat vor Urzeiten und den Gang der Dinge in Bewegung gesetzt hat. Er bewahrt auch und erhält. Das ist die Gotteserfahrung, die die Weisen der Vorzeit für uns festgehalten haben, als Trost und Ermutigung: „Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht.“ (Weish 2, 23) Das lese ich im biblischen Buch der Weisheit.  Die Frage des Menschen Woher? und Wohin? Ist hier in einem Satz beantwortet. Und als ob der Verfasser schon die Anschlussfrage höre würde, fügt er hinzu: „Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt, und ihn erfahren alle, die ihm angehören.“ (V23) Und auch auf die Frage hierauf, wie denn eine Rettung aus dieser Verstrickung möglich ist, ist schon eine Antwort da: „Alle, die auf ihn vertrauen, werden die Wahrheit erkennen, und die Treuen werden bei ihm bleiben in Liebe. Denn Gnade und Erbarmen wird seinen Erwählten zuteil.“ (Weish 3,9)

 

 

(1) Karl Rahner, Grundkurs des Glaubens, Verlag Herder, 2. Aufl. Freiburg 2013 S. 42f, 11 Zeilen


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Dieser Beitrag wurde am 10.11.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

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