Morgenandacht, 09.11.2015

von Pfarrer Lutz Nehk aus Berlin

Grenzen überwinden

Menschen überwinden Grenzen und Menschen überschreiten Grenzen. An wohl keinem anderen Tag in der Geschichte Deutschlands wird das so deutlich wie am 9. November.

Im Jahr 1938 ist dieser Tag ein Mittwoch. Am Abend begannen organisierte Gruppen der NSDAP die Geschäfte und Wohnungen jüdischer Bürger zu zerstörten, warfen die Fensterscheiben ein, demolierten das Inventar und schmierten Hetzparolen auf die Hauswände. Die Leute schauten zu oder schauten weg oder machten mit. Fast alle Synagogen im Land wurden zerstört. Jüdischen Frauen und Männer wurden verprügelt, einige sogar erschlagen. Man schätzt mindestens 400 Todesopfer. 30.000 Menschen wurden verhaftet und in Konzentrationslager deportiert. Die „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938 war der Beginn der systematischen Verfolgung und Vernichtung der Juden in Deutschland. Es war der Beginn einer nicht vorstellbaren Überschreitung der Grenze von der Menschlichkeit zur Unmenschlichkeit.

51 Jahre später, 1989, wieder ein 9. November, ein Donnerstag. In Berlin fällt die Mauer. Menschen gehen über eine Grenze, von Ost nach West, was zuvor verboten, ja sogar lebensgefährlich war. Dieser 9. November vor nun 26 Jahren steht für die Überwindung von Grenzen zwischen politischen Systemen und den Machtblocken. Er führt Menschen zusammen und ist der Beginn einer europäischen Einigung, die Osteuropa nicht ausschließt.

Zwei deutsche 9. November mit so ganz unterschiedlichen Emotionen: Hass und Unmenschlichkeit – Freudentränen und Umarmungen.

77 Jahre nach der Reichspogromnacht und 26 Jahre nach dem Mauerfall wird in Deutschland wieder über Grenzen gesprochen. Täglich ist dieses Wort in unterschiedlichen Variationen in den Schlagzeilen und Diskussionen. Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Sie sehen in Europa und in Deutschland einen sicheren Ort der Zuflucht. Sie kommen an unseren Grenzen und lassen sich nicht aufhalten und nicht abweisen. Und wir stehen vor der Frage: Gibt es eine „Obergrenze“? Das ist keine Frage, natürlich kommen wir an Grenzen. Aber nicht jede Leistungsgrenze kann schon eine Obergrenze sein. Schon gar nicht im Bereich der Humanität, christlich gesprochen, der Nächstenliebe. Hier geht es immer um eine Erweiterung, eine Ausdehnung in Größenordnungen, die ich selbst noch gar nicht erkannt und erfahren und schon gar nicht ausgetestet habe.

Die Liebe dehnt sich immer aus. Der Apostel Paulus schreibt in seinem Brief an die Epheser etwas über diese Ausdehnung: „In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr […] dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt.“ (Eph 3, 17b-19) Es geht um die Liebe in allen ihren Dimensionen – Länge, Breite, Höhe, Tiefe. Und es geht darum, diese Liebe zu ermessen. Das heißt gewissermaßen mit einem Zollstock auszumessen, welche Größe sie hat. Ich werde dabei an keine Grenze kommen. Die Größe der Liebe Christi übersteigt meine Erkenntnis. Diese Einsicht aber kann für mich keine Grenze meiner Anstrengungen sein. Paulus schreibt von einem „mehr und mehr“, „Schritt für Schritt“ voranschreitend „werde ich von der ganzen Fülle Gottes erfüllt.“ (V19b) Wie könnte ich hier an eine „Obergrenze der Liebe“ denken?

Was ich jetzt tun kann, das weiß ich. Was ich aber noch tun kann, das werde ich erst wissen, wenn ich Grenzen überwinde, die mir Sorge machen, mich vielleicht sogar ängstigen. Paulus ist fest davon überzeugt: „Gott aber, kann durch die Macht, die in uns wirkt, unendlich viel mehr tun, als wir erbitten oder uns ausdenken können.“ (V20) Dieser Gedanke ermutigt mich, meine Obergrenze der Liebe und Hilfe an der Fülle der Liebe Gottes zu messen.


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Dieser Beitrag wurde am 09.11.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

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