Am Sonntagmorgen, 08.11.2015

von Silvia Katharina Becker aus Bonn

„Mit der Gütigkeit ernstmachen“ Albert Schweitzer und die Ehrfurcht vor den Tieren

Autorin
Eine Handvoll Leben – zuckend, verängstigt, ums nackte Dasein ringend - liegt in meiner Hand. Es ist ein Leben, das normalerweise den Blicken der Menschen entzogen ist. Das Rotkehlchenjunge ist höchsten drei Tage alt und völlig nackt. Nur auf dem Köpfchen wächst ein zarter grauer Flaum. Glück im Unglück: Ich saß mit einem Buch auf unserer Terrasse, als aus dem wilden Wein das Rotkehlchen herunterplumpste.
Wie bei Notfällen aller Art, rufe ich meinen Mann. Wir wuchten die große Leiter aus dem Keller, ich steige in die weinumrankte Mauer und lege das Häufchen Elend wieder ins Nest. Das ist gar nicht so einfach. Denn das Nest vibriert vor Leben und Bewegung.

Wenige Stunden später die Erleichterung: Die Rotkehlcheneltern füttern weiter. Leider wiederholt sich das Schauspiel in den folgenden Tagen ganze viermal. Ein Junges überlebt den Sturz nicht, obwohl wir mittlerweile eine Schaumstoffmatte unter das Nest gelegt haben. Immer wieder vollziehen wir die gleiche Prozedur: Leiter, Wandkletterei und Zurücklegen des verlorenen Jungvogels. Dann beruhigt sich die Situation. Die Eltern füttern, die Kinder fressen. Alles gut. Irgendwann ist das Nest verlassen. Gott schütze euch.

Das alles liegt nun schon Monate zurück. Nie werde ich aber den Anblick der zitternden Jungvögel in meiner Hand vergessen. Meinem Wohlwollen komplett ausgeliefert. Ich freue mich über die Gnade, retten zu dürfen – auch angesichts dessen, was Menschen der Natur und den Tieren auf dieser Welt antun. Trotzdem frage ist mich: Warum geht die Natur so verschwenderisch mit Leben um? Warum nur ist Leben immer so bedroht, so gefährdet? Und warum bezieht die Kirche, die doch den Schutz des Lebens so sehr in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellt, die Tiere so wenig in diesen Schutz mit ein? Die Tiere, die doch schon lange vor uns die Welt bevölkert haben, schon lange vor uns von Gott gewollt waren.

Die Urmenschen pflegten sich – wie alte Höhlenzeichnungen belegen – bei den Tieren rituell zu entschuldigen und ihnen zu danken, bevor sie sie bei der Jagd töteten. Töteten um ihres nackten Überlebens willen. Eine solche Kultur hat das Christentum nie entwickelt. Aber immer gab es einzelne Christinnen und Christen, die die Tiere unbeirrt als ihre Brüder und Schwestern angesehen haben.

Zu ihnen gehörte zweifellos Albert Schweitzer, dessen gigantisches Lebenswerk ich hier nur unter einem einzigen Aspekt betrachten möchte: dem Aspekt seiner Ehrfurcht vor den Tieren. Der berühmte Tropenarzt, Theologieprofessor, Philosoph, Organist und Friedensnobelpreisträger, dessen 50. Todestag wir in diesem Jahr begehen, bestand darauf:  

Sprecher
„Die Tiere sind unsere Brüder, die großen wie die kleinen. Erst in dieser Erkenntnis gelangen wir zum wahren Menschentum. Diese Bruderschaft zwischen Mensch und Kreatur hat der heilige Franziskus von Assisi (1182 bis 1226) erkannt. Aber die Menschen verstanden es nicht. Sie meinten, es sei Poesie. Es ist aber die Wahrheit. Die Religion und die Philosophie müssen es anerkennen.“ (1) Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt)

Autorin
Schweitzers außergewöhnliche Liebe zum Menschen ließ ihn im Jahre 1913 in den afrikanischen Regenwald nach Lambarene ins heutige Gabun aufbrechen. Diese Menschenliebe wurde durch seine Tierliebe nie geschmälert, sondern ganz im Gegenteil - vollendet. Wie früh diese Entwicklung schon einsetzte, berichtet der Urwalddoktor, wie man ihn damals nannte, in seinen Kindheitserinnerungen. Er selbst erzählt in dem Oscar prämierten Dokumentarfilm „Albert Schweitzer. Die Botschaft des Urwalddoktors und Friedensnobelpreisträgers“ von Erika Anderson und Jerome Hill aus dem Jahre 1957:

Albert Schweitzer
„Solange ich zurückblicken kann, habe ich unter dem vielen Elend, das ich in der Welt sah, gelitten. Unbefangene jugendliche Lebensfreude habe ich eigentlich nie gekannt und glaube, dass es vielen Kindern ebenso ergeht, auch wenn sie äußerlich ganz froh und sorglos scheinen.“

Autorin
Insbesondere litt er darunter, dass die armen Tiere so viel Schmerz durch menschliche Nachlässigkeit und Grausamkeit auszustehen haben.


Schweitzer
„Ganz unfassbar erschien mir, es war schon, ehe ich in die Schule ging, dass ich in meinem Abendgebet nur für Menschen beten sollte. Darum, wenn meine Mutter mit mir gebetet und mir den Gutenachtkuss gegeben hatte, betete ich heimlich noch ein vor mir selbst verfasstes Zusatzgebet für alle Wesen: Lieber Gott, schütze und segne alles, was Odem hat. Bewahre es vor allem Übel und lass es ruhig schlafen.“

Autorin
Schon als Kind spürte er, dass sein Gebet für die Tiere keineswegs dem nüchternen Christentum entsprach, das der evangelische Pfarrerssohn in seinem theologisch hochgebildeten liberalen Elternhaus erlebte. Als Pfarrerssohn hatte er es im beschaulichen Günzbach im Elsass ohnehin schwer, von seinen Altersgenossen als einer der ihren akzeptiert zu werden. Man hänselte ihn als „Herrenbüble“ und er litt unter seiner herausgehobenen Position. Umso stärker versuchte er, sich den Jungs aus dem Dorf anzupassen. Eine moralische Gradwanderung, wie er eindrücklich erfahren sollte:  

Schweitzer
„Einen tiefen Eindruck machte mir ein Erlebnis aus meinem siebenten oder achten Jahre. Ein Dorfjunge und ich hatten uns Schleudern aus Gummischnüren gemacht. An einem Sonntagmorgen sagte mein Freund zu mir. „Komm, jetzt gehen wir in den Rebberg und schießen mit unseren Schleudern Vögel.“ Dieser Vorschlag war mir schrecklich. Aber ich wagte nicht zu widersprechen aus Angst, er könne mich auslachen. Sich wie ein jagender Indianer duckend, legte mein Begleiter einen Kiesel in das Leder seiner Schleuder und spannte dieselbe. Seinem gebieterischen Blick gehorchend, tat ich unter furchtbaren Gewissensbissen dasselbe. In demselben Augenblick huben die Kirchenglocken an. Für mich war es eine Stimme aus dem Himmel. Ich warf die Schleuder weg, scheuchte die Vögel auf, dass sie wegflogen und floh nach Hause. Immer wieder gedenke ich ergriffen und dankbar der Glocken, die damals in den Sonnenschein hinaus klangen und mir das Gebot: „Du sollst nicht töten“ ins Herz geläutet haben.“

Autorin
Seit diesem Tag begann in ihm das Gebot „Du sollst nicht töten“ zu arbeiten. Hier deutet sich schon zaghaft sein Prinzip der „Ehrfurcht vor dem Leben“ an, das er später zur Grundlage seiner Philosophie machen sollte. Langsam entwickelte sich in ihm die unerschütterliche Überzeugung,

Schweitzer
„dass wir Tod und Leid über ein anderes Wesen nur bringen dürfen, wenn eine unentrinnbare Notwendigkeit dafür vorliegt und dass wir alle das Grausige empfinden müssen, dass darin liegt, dass wir aus Gedankenlosigkeit leiden machen und töten.“

Autorin
Schriftlich berichtet er über diese Zeit:  

Sprecher
„Immer mehr wurde mir gewiß, daß wir im Grunde alle so denken und es nur nicht bekennen und zu bestätigen wagen, weil wir fürchten, von den andern als ‚sentimental’ belächelt zu werden, und auch weil wir uns abstumpfen lassen. - Ich aber gelobte mir, mich niemals abstumpfen zu lassen und den Vorwurf der Sentimentalität niemals zu fürchten.“ (2) (DASZ, S. 38. 6 Zeilen)

Autorin
Diesen Vorwurf hat er sich später häufig eingehandelt. Seine bedingungslose Tierliebe brachte ihm zeitlebens neben Bewunderung auch viel Spott ein. Man verhöhnte ihn als „Regenwurmretter“ und witzelte über seine Marotte, die Ameisenstraße, die in seinem Urwaldhospital schnurstracks über seinen Schreibtisch führte, nicht nur zu dulden, sondern die Insekten sogar mit Zuckerbrei zu füttern.

Der intellektuell brillante und hoch musikalische Albert Schweitzer hat sich von solchen Spötteleien nie beirren lassen. Im Gegenteil: Er, der gleich drei Doktortitel und einen Professorentitel erworben hatte, war zutiefst davon überzeugt: Die Welt könne nur durch Menschen gerettet werden, die sich ihre Kindlichkeit und Naivität bewahrt haben.  

Und brauchte es nicht eine große Portion Kindlichkeit, als er damals im Jahre 1905, als 30jähriger Pfarrer und begnadeter Organist mit besten Zukunftsaussichten, alles aufgab, um Medizin zu studieren? Um im Urwald den Ärmsten der Armen zu helfen? Viele Freunde und Bekannte konnten es einfach nicht fassen. Nur seine zukünftige Ehefrau Helene Breslau begriff, dass ihn ein bürgerliches Leben mit all seinen Absicherungen auf die Dauer ersticken würde.

Er schreibt:  

Sprecher
„Instinktiv habe ich mich dagegen gewehrt, das zu werden, was man gewöhnlich unter einem ‚reifen Menschen’ versteht. Der Ausdruck ‚reif’ auf den Menschen angewandt war mir und ist mir noch immer etwas Unheimliches. Ich höre dabei die Worte Verarmung, Verkümmerung, Abstumpfung als Dissonanzen miterklingen. Was wir gewöhnlich als Reife an einem Menschen zu sehen bekommen, ist eine resignierte Vernünftigkeit.

Einer erwirbt sie sich nach dem Vorbilde anderer, indem er Stück um Stück die Überzeugungen preisgibt, die ihm in seiner Jugend teuer waren. Er glaubte an den Sieg der Wahrheit; jetzt nicht mehr. Er glaubte an die Menschen; jetzt nicht mehr. Er glaubte an das Gute; jetzt nicht mehr. Er eiferte für Gerechtigkeit; jetzt nicht mehr. (…)

In meiner Jugend habe ich Unterhaltungen von Erwachsenen mit angehört, aus denen mir eine das Herz beklemmende Wehmut entgegenwehte. Sie schauten auf den Idealismus und die Begeisterungsfähigkeit ihrer Jugend als auf etwas Kostbares zurück, das man sich hätte festhalten sollen. Zugleich aber betrachteten sie es als eine Art Naturgesetz, daß man das nicht könne. Da bekam ich Angst, auch einmal so wehmütig auf mich selber zurückschauen zu müssen. Ich beschloß, mich diesem tragischen Vernünftigwerden nicht zu unterwerfen.“ (3) (DASZ S. 39, 20 Zeilen)

Autorin
Und das mit Erfolg! In dem Dokumentarfilm aus dem Jahre 1957 sieht man, mit welch inniger, ja geradezu kindlicher Hingabe der alte Albert Schweitzer spät abends in Lambarene am Klavier sitzt und Bach intoniert, derweil die Katze, die oben auf dem Klavier thront, Brotreste futtert. Neben seinem Klavier warten die beiden großäugigen Antilopen, die im Hause ein- und ausgehen.

Musik

Schweitzer
Nach dem Spielen teile ich den beiden Antilopen noch etwas Brot aus und sage ihnen Gute Nacht.

Autorin
Manch einer mag diese Filmsequenz kitschig oder auch sentimental finden. In jedem Falle lässt sie uralte paradiesische Sehnsüchte ahnen. Sehnsüchte nach einer Welt, in der die Schöpfung eins mit sich selber ist. Diese Welt hat sich Albert Schweitzer – so gut es eben ging – erschaffen. Und das neben seinem harten Arbeitspensum als Leiter einer stetig wachsenden Urwaldklinik.

Hat der große Albert Schweitzer – umgeben von Krankheit und Leid – aber wirklich nichts Besseres zu tun, als Antilopen „Gute Nacht“ zu wünschen? Offenbar nicht. Denn seine Philosophie der „Ehrfurcht vor dem Leben“ – vor jeglichem Leben, und sei es noch so klein und unscheinbar – unterscheidet nicht. 1964, fast 90-jährig, formuliert er in einer Rede mit dem Titel „Mein Wort an die Menschen“:

Schweitzer
„Ich rufe die Menschheit auf zur Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben. Diese Ethik macht keinen Unterschied zwischen wertvollerem und weniger wertvollem, höherem und niederem Leben. Sie lehnt eine solche Unterscheidung ab. Denn der Versuch, allgemeingültige Wertunterschiede zwischen den Lebewesen anzunehmen, läuft im Grunde darauf hinaus, sie danach zu beurteilen, ob sie uns Menschen nach unserem Empfinden näher oder ferner zu stehen scheinen. Dies aber ist ein ganz subjektiver Maßstab. Wer von uns weiß denn, welche Bedeutung das andere Lebewesen an sich und im Weltganzen hat?“

Autorin
Eher nebenher erfährt man - aus ganz frühen Archivaufnahmen aus der Zeit des Aufbaus, die eine Krankenschwester amateurhaft gefilmt hat - auch von Konflikten, die allzu viel Paradies in Lambarene nicht aufkommen ließen. Etwa Konflikte zwischen Mitgliedern verschiedener Stämme, die sich in der Klinik behandeln ließen. Albert Schweitzer ließ daraufhin – ganz pragmatisch - verschiedene Hütten bauen, damit jeder Patient nur mit seinesgleichen zusammen sein musste. Traurig, aber notwendig.

Wenig bekannt ist auch die Tatsache, dass Albert Schweitzer 1913 eigentlich als Missionsarzt einer französischen Missionsgesellschaft nach Afrika gekommen war. Er machte jedoch schon früh deutlich, dass er die Afrikaner nicht bekehren, sondern sie von ihren Leiden heilen wolle. Er war seiner Zeit weit voraus, als er sagte:

Schweitzer
„Letzten Endes ist alles, was wir den Völkern der früheren Kolonien Gutes erweisen, nicht Wohltat, sondern es ist unsere Sühne für das Leid, das wir Weißen von dem Tage an über sie gebracht haben, da unsere Schiffe den Weg zu ihren Gestaden fanden. Es muss dahin kommen, dass Weiß und Farbig sich in ethischem Geist begegnen.“

Autorin
Diese entschiedene Haltung erfreute nicht jeden. Wie auch sein Engagement gegen die Atomkraft, seine liberale Theologie und nicht zuletzt sein aufbrausendes Temperament, gegen das er zeitlebens ankämpfte. So sehr er sich aber auch abmühte, ein milder und moderater Mensch zu sein, so haftete ihm doch immer eine gewisse Robustheit an. Eine Robustheit, die sich allerdings mit Sanftmut und Liebenswürdigkeit mischte. Diese Sanftmut spiegelte sich besonders in seinem Umgang mit den Tieren wider. 

Folgendes Gebet ist von ihm überliefert, dessen Ursprung allerdings im Dunkeln liegt: 

Sprecher
„Oh Gott, höre unser Gebet für unsere Freunde, die Tiere,

besonders für alle die Tiere, die gejagt werden

oder sich verlaufen haben

oder hungrig und verlassen sind – und sich fürchten;

für alle, die eingeschläfert werden müssen.

Für sie alle erbitten wir Deine Gnade und Dein Erbarmen.

Und für alle, die mit ihnen umgehen,

erbitten wir ein mitfühlendes Herz,

eine sanfte Hand und ein freundliches Wort.

Mach uns selbst zu wahren Freunden der Tiere

und lass uns so teilhaben

am Glück der Barmherzigen.“


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Dieser Beitrag wurde am 08.11.2015 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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