Feiertag, 25.10.2015

von Pfarrer Lutz Nehk aus Berlin

Das Unsagbare sagen. Wie kann ich von Gott sprechen?

Autor
Ich bin Theologe. Ich spreche von Gott. Das habe ich gelernt, habe an einer Universität zehn Semester studiert. Ich habe Vorlesungen gehört in Fundamentaltheologie, also über die grundsätzliche Frage nach der Religion, Lehrveranstaltungen über Exegese – die Auslegung der Bibel –besucht und auch in Dogmatik, die sich damit befasst, wie die Kirche den Glauben definiert. In den Fächern Religionspädagogik und Predigtlehre habe ich gelernt, wie ich mein Wissen über Gott den Leuten vermitteln kann. Und das mache ich nun jeden Tag. Ich spreche von Gott vor Menschen und mit Menschen, jungen und alten, Frauen und Männern, mit Menschen, die viele Fragen haben, und mit solchen, die eigentlich schon alles von Gott wissen. In den Gottesdiensten an den Sonntagen und auch an den Wochentagen gehört eine Predigt immer dazu. Seit einigen Jahren gebe ich auch Religionsunterricht in der gymnasialen Oberstufe – mit Klausuren und Noten.  Da gibt es ein festes Unterrichtsprogramm in dem ziemlich genau festgelegt ist, was die Schülerinnen und Schüler von Gott wissen müssen. Doch geht das eigentlich? Kann ich Gott in den engen Rahmen meiner Gedanken und Worte  fassen und geradezu routinemäßig von Dingen sprechen, die meine Erfahrung und den Horizont meines Verstehens weit, sehr weit überschreiten?

Musik

Autor
Wenn Juden, Christen und Muslime von Gott sprechen, dann sprechen sie nicht von einem namenlosen Wesen oder einen Gegenstand. Gott ist für sie eine Person, die sich mitgeteilt hat und immer wieder mitteilt. Gott offenbart sich. Das heißt, er gibt von sich preis „was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen je in den Sinn gekommen ist“. (1 Kor 2,9) Keiner hat ihn dazu gezwungen und keiner kann ihn daran hindern.

Es ist Mose, den Gott beruft seinen Namen dem Volk Israel zuerst bekannt zu machen. (Ex 3) Eindrucksvoll die Szene, die die Bibel beschreibt: Gott erscheint in einem brennenden Dornenbusch in der Wüste. Mose hütet die Schafe seines Schwiegervaters und sieht den Busch, der brennt - aber nicht verbrennt. Dieses außergewöhnliche Ereignis muss er sich ansehen. Und es spricht ihn eine Stimme an: „Zieht deine Schuhe aus, du steht auf heiligen Boden.“ Gott stellt sich vor: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Mose bekommt diesen Auftrag: „Ich sende dich zum Pharao. Führe mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten heraus!“ Gott kann die Zweifel des Mose, dass er dieser Aufgabe gewachsen ist, zerstreuen. Aber eine Frage bleibt:

Sprecher
Da sagte Mose zu Gott: Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen darauf sagen? Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der «Ich-bin-da». Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der «Ich-bin-da» hat mich zu euch gesandt. Weiter sprach Gott zu Mose: So sag zu den Israeliten: Jahwe, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für immer und so wird man mich nennen in allen Generationen. (Ex 3, 13-15)

Autor
Gott selbst ist es, der hier dem Mose die Möglichkeit eröffnet, angemessen von ihm zu sprechen. Nicht ein „Allgewaltiger“ und „Furchtgebietender“ ist da erschienen, um das Volk zu retten. Es ist ein Gott, der zuerst einmal „da ist“, ohne schon in seinem Namen einen Machtanspruch zu erheben und sich damit vor den Menschen in Position zu bringen. Der Mensch kann und soll frei über Gott sprechen. Er gibt seinen Namen preis, gerade damit man über ihn sprechen kann mit menschlichen Worten und nicht schweigen muss. Dank, Lob und Bitte gehen nicht ins Leere, wenn ich Gott bei seinem Namen ansprechen kann und in ihm nicht nur "jenes höhere Wesen, das wir verehren" sehen muss.

Dieser vertraute Umgang setzt Respekt und Achtung voraus. Der Name Gottes steht dem Menschen nicht bedingungslos zur Verfügung. Sprache kann auch vereinnahmen, kann entstellen, kann verführen. Sie kann ein Bild Gottes zeichnen, dass ihn entstellt und zur Rechtfertigung menschlicher Gräueltaten missbraucht. Das ist in der Geschichte immer wieder gesehen und geschieht auch gegenwärtig. Gott selbst schützt seinen Namen, wenn er Mose mit den zehn Geboten auch dieses 3. Gebot verkünden lässt:

Sprecher
Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht. (Ex 20,7)

Musik

Autor
Das „Da-sein“ Gottes ist zunächst offen in alle Richtungen. Durch den Namen allein ist noch nicht vorgegeben, in welche Richtung sich das Gottesbild entwickeln wird. Er beschreibt sich selbst nicht mit großartigen und Ehrfurcht gebietenden Adjektiven, die ich nur einfach übernehmen müsste, um von ihm kompetent zu sprechen. Das Sprechen über Gott ist eben auch immer ein Sprechen über die Erfahrungen, die einer mit Gott macht. Es ist ein Sprechen über meine Geschichte mit ihm. Das wird an einem kleinen Gespräch deutlich, das ich in einem Schulbuch für das Fach Religion gefunden habe.

Sprecher
Professorin: Was haben Sie verstanden?

Student: Ich habe verstanden, dass man von Gott nichts weiß, wenn man nur übernommene Antworten hat, ohne eigene Erfahrung und Sprache.

Professorin: Wenn Sie nur sehen, hören, denken und tun, wie alle es tun, werden Sie zu wissen glauben, statt zu wissen, dass Sie nichts wissen. Darum aber geht es!

Student: Ich verstehe Sie nicht.

Professorin: Wir „wissen“ Gott am ehesten in unseren Fragen. Alles, was wir kennen, ist nicht Gott. […] Von den Dingen dieser Welt sagen wir, dass sie sind. Aber Gott ist weder, noch ist er nicht. Was immer wir über Sein oder Nichtsein sagen, Gott geht dem voran.

Student: Dann können wir von Gott auch nicht sprechen. Wenn Gott weder ist noch nicht ist, ist er nicht sagbar.

Professorin: Du hast Recht: Gott ist unsagbar. […]

Student: Aber das Unsagbare sagen?

Professorin: Im Sagbaren muss das Unsagbare aufgehoben bleiben. Wo dieser Hintergrund fehlt, wird alles Sprechen von Gott gott-los. […] (1)

Autor
Es ist vielleicht nicht so ganz einfach, diesem Gespräch zu folgen. Es macht etwas die Verwirrung klar, die bei der Frage aufkommt: Kann ich überhaupt von Gott sprechen? Auf der einen Seite ist der ganz klare Auftrag: „Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht.“ (2Tim 4,2) Denn wie sollen die Menschen an einen Gott glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt? (vgl. Röm 10,14)

Auf der anderen Seite steht die Erkenntnis, dass ich von Gott nur ungefähr und mit Vorbehalt sprechen kann, denn ich weiß: Ich bin unvermögend, ihn zu begreifen. Aber hier sehe ich einen ersten Ansatz, von Gott angemessen (!) zu sprechen. Der Student in dem Gespräch gibt den Hinweis: „Ich habe verstanden, dass man von Gott nichts weiß, wenn man nur übernommene Antworten hat, ohne eigene Erfahrung und Sprache.“ Ich kann ganz viel darüber sprechen, was der Apostel Paulus von Gott sagt, oder der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin, was Martin Luther und was Papst Franziskus sagen. Andere Menschen können sich das anhören und es zur Kenntnis nehmen. Schüler und Studenten können es lernen und in Klausuren über das Wissen abgefragt werden. Es bleibt aber ein fremdes Sprechen über Gott. Es bleiben „übernommene Antworten“, denen die Grundlage der eigenen Erfahrung fehlt. Es bleibt dabei, dass ich (!) von Gott nichts weiß und dass ich (!) nicht von ihm sprechen kann. Das Glaubenszeugnis anderer ersetzt nicht meine eigene Glaubenserfahrung. Das meint wohl die Professorin mit ihrem Hinweis: „Wenn ich nur sehe, höre, denke und tue, wie alle es tun, werden ich zu wissen glauben, statt zu wissen, dass ich nichts weiß.“

Musik

Autor
Meine eigene Glaubenserfahrung ist die einzig wirklich glaubwürdige Quelle meiner (!) Rede von Gott. Gewiss, es gibt viele, sehr viele glaubwürdige Quellen. Die Kirche führt sie zusammen in ihren Glaubensbekenntnissen und Gebeten. Als Pfarrer lade ich Menschen ein, diese Bekenntnisse und Gebet mitzusprechen. In das Lob der Kirche einzustimmen. Immer in der Hoffnung, dass es nicht nur mitgesprochen, nicht nur aufgesagt wird. In der Hoffnung, das wenigsten ein Samenkorn eigener Erfahrung aufgebrochen ist. Diese eigenen Erfahrungen werden vielleicht nicht so sehr in großartigen Erlebnissen und Höhepunkten des Lebens gemacht. Vielleicht eher da, wo Gott schweigt. Wo Gott mir zur Frage wird. Der Hinweis der Professorin in den Gespräch ist hilfreich für mich: „Ich „weiß“ Gott am ehesten in meinen Fragen.“ Das ist eine großartige Fähigkeit des Menschen: Er kann Fragen stellen. Es ist aber auch eine Art Fluch: Jede Antwort auf eine Frage birgt eine neue Frage.

Sprecher
„Der unendliche Horizont menschlichen Fragens wird als ein Horizont erfahren, der immer weiter zurückweicht, je mehr Antworten der Mensch sich zu geben vermag.“ (2)

Autor
So hat es einmal der Jesuitenpater Karl Rahner die Situation beschrieben. Ein immer weiter zurückweichender Horizont. Gott nähert sich mir in meinen Fragen und führt mich aber auch gleichzeitig weiter weg von dem, was ich tatsächlich über ihn sagen kann. Ich komme seinem Geheimnis näher und  werde doch nie hinter sein Geheimnis kommen.

„Gott bleibt für mich unsagbar“, sagt die Professorin. „Aber das Unsagbare sagen?“, fragt der Student. Die Erfahrung Gottes wird zuerst nicht in Worte zu fassen sein. Sie wird mich zuerst sprachlos machen. Das jedenfalls sind die Erfahrungen von vielen bedeutenden geistlichen Frauen und Männer. Sie haben nicht von Gott geredet, sondern vor ihm geschwiegen. Sie sind im Schweigen Gott nahe gekommen.

Sprecher
Je näher wir Gott sind,

umso karger werden unsere Worte.

Wo wir viele Worte machen,

statt anzubeten,

statt zu verehren

statt vor Verehrung auf die Knie zu sinken:

Da sind wir von Gott noch weit.

Je näher wir Gott sind,

umso stiller wird es.

Und beginnt das Schweigen,

dann hört das Fragen auf:

dann sind wir bei Gott. (3)

Musik

Autor
Noch liegt mir der Student mit seiner Frage im Ohr: „Aber das Unsagbare sagen?“ Bin ich in der Lage dazu? Und habe ich das Recht, möglicherweise auch unvollkommen von Gott zu sprechen? Ich frage einmal anders: Soll ich denn von Gott schweigen? Alle reden von Gott, nur ich schweige?

Es bleibt der Grundsatz: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Wenn ich also keine Erfahrung Gottes hätte, ja, dann sollte ich schweigen. Ich würde als Theologe, als einer, dessen Beruf es ist, von Gott zu sprechen, in eine etwas schwierige Situation kommen. Das stimmt. Ich muss immer deutlich machen: Das, was ich jetzt hier von Gott sage, ist nicht meine eigene Erfahrung. Ein Sprechen mit ständiger Quellenangabe sozusagen, damit es nicht zu einem Plagiat wird.

Und obgleich ich viel über Gott spreche, bin auch ich genau wie ganz viele Menschen auf der Suche nach meinen eigenen Erfahrungen. Da verfüge ich von Amts wegen über keinen Vorsprung oder einen Bonus. Ich lasse mich auf jeden Fall von den Erfahrungen anderer inspirieren. Nicht aber lasse ich mich verführen, ihre Erfahrungen einfach zu übernehmen und damit sehe, höre, denke und tue, wie alle es tun. Und ich selbst werde das kleine Samenkorn meiner Gotteserfahrung auch anderen nicht als einen ausgewachsenen Baum der Gotteserkenntnis verkaufen. Es bleibt alles vorläufiges Erkennen und vorläufiges Reden.

Aber sprechen will ich auf jeden Fall davon. Davon, wo Gott mich leitet. Davon, worüber ich dankbar bin. Davon, dass Gott mir auch fern ist. Davon, wie ich mit Gott ringe. Davon, worum ich Gott bitte und für wen ich seinen Segen erbitte. Davon, wo der unsagbare Gott für mich sagbar geworden ist. Im Sagbaren muss das Unsagbare aufgehoben bleiben.

Schlussmusik

_____________________________________________________________

Die Musik

CD:100 Best Liszt (CD 1-6),

Label: EMI Records Ltd.

Releasedatum: 2011-07-13 

LC: 00542

EAN: 5099908379429

Komponist: Franz Liszt

Interpreten:

1. Orchester: verschiedene

2. Dirigenten: verschiedene

3. Solisten: verschiedene

Musik 1 CD 2-11 Consolations, S. 172_ I. Andante con molto, Interpret: Aldo Ciccolini

Musik 2 CD 3-12 Nuages gris, S. 199, Interpret: André Watts

Musik 3 CD 4-15 Harmonies poétiques et religieuses, S. 173_ V. Pater noster., Interpret: Aldo Ciccolini

Musik 4 CD 3-13 En reve – Nocturne, Interpret: André Watts

Musik 5 CD 4-16 Harmonies poétiques et religieuses, S. 173_ VIII. Miserere d'après Palestrina, Interpret: Aldo Ciccolini

___________________________________________________________

(1) Hubertus Halbfas, in: Farbe bekennen. Unterrichtswerk für katholische Religionslehre in der gymnasialen Oberstufe, Jahrgangsstufe 12; Hrsg. Albert Loy, Friederike Loy u.a., 3. durchges. Aufl., München: Kösel-Verlag, 2006, Seite 25 f., 24 Zeilen

(2) Karl Rahner, Grundkurs des Glaubens, Verlag Herder, 2. Aufl. Freiburg 2013 S. 42, 3 Zeilen

(3) Dionysus Areopagita (6. Jh.), zitiert in: Werner Trutwin, Neues Forum Religion. Gott. Arbeitsbuch Theologie Religionsunterricht Sekundarstufe II, München: Bayerischer Schulbuch Verlag, 2010, Seite 42, 12 Zeilen


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 25.10.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Lutz Nehk

Lutz Nehk (Jahrgang 1957) ist Pfarrer an der Katholischen Schule Liebfrauen in Berlin-Charlottenburg. Seit 2014 ist er zudem „Beauftragter des Erzbistums Berlin für Erinnerungskultur und Gedenkstättenarbeit“ und ist Mitarbeiter an der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Plötzensee. Kontakt
lutznehk@t-online.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche