Morgenandacht, 31.10.2015

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Weite des Geistes

„Es war schon immer so!“ Ein beliebtes Argument. Mit anderen Worten: Ich sehe keinen Grund, etwas zu verändern, mir passt es so, wie es ist! Wenn man genau hinschaut, kann man dieses Ewigkeitsargument meistens schnell entkräften. Was heißt denn „immer schon“? Eine Familie erzählt mir von der achtjährigen Tochter, die lautstark protestiert, weil sie dieses Jahr aus Krankheitsgründen der Mutter keine große Geburtstagsparty feiern kann. Die Tochter argumentiert: Ich durfte doch immer schon alle meine Freunde einladen! Früher – das heißt in diesem Fall: die letzten zwei Jahre! Die kleine Marie durfte dann wohl auf den Abenteuerspielplatz und siehe da, es wurde auch so ein wunderbares Fest.

Heute feiern die evangelischen Christen den Reformationstag. Am 31. Oktober 1517, so ist überliefert, habe Martin Luther 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen, um eine akademische Disputation herbeizuführen. Im Wesentlichen ging es um das Thema Buße und Vergebung, Luther protestierte damit unter anderem gegen den Ablasshandel. Vorher hatte er die Thesen schon in Briefform an verschiedene geistliche Würdenträger geschickt, die hätten aber nicht reagiert. Mit diesem Ereignis wird heute der Beginn der Reformation verbunden. Statt einer Disputation gab es mächtig viel Ärger, schließlich eine Kirchenspaltung. Die Antwort der katholischen Kirche war fast 30 Jahre später das Konzil von Trient. Zunächst findet sich in diesen Texten nur ein Festklopfen dessen, was schon immer so war. Erst im Nachklang des Konzils wurden praktische Wege in die Zukunft eröffnet, unter anderem wurde der Ablasshandel abgeschafft. Ein später Erfolg des Reformbemühens von Martin Luther!

Im katholischen Kirchenkalender steht heute der Tag des heiligen Bischofs Wolfgang von Regensburg. Er ist der Patron meines Heimatbistums Regensburg und lebte von 924 bis 994. Er galt als Reformbischof, wobei zunächst viele an seiner Eignung zum Bischofsamt zweifelten. Als Benediktinermönch sorgte er sich um eine Reform der Klöster und eine Beseitigung der dortigen Missstände. In Regensburg trennte er die Personalunion von Bischof und Abt des Klosters St. Emmeran. Dies verhalf dem Kloster zu einem geistlichen und kulturellen Entwicklungsschub. Die künftigen Bischöfe beklagten dagegen den Machtverlust und wollten diese Reform rückgängig machen, vergebens. Schließlich ermöglichte Wolfgang die Abtrennung der böhmischen Gebiete des Bistums Regensburg und somit die Gründung des Bistums Prag, sehr zum Leidwesen des Domkapitels, das eine wirtschaftliche Schwächung fürchtete. Im Gebet dieses Tages lese ich heute: „Gib auch der Kirche unserer Zeit die Weite seines Geistes und die Kraft seiner Liebe.“ Bischof Wolfgang, einer der sich nicht damit zufrieden gab, dass etwas „schon immer“ so war. Vielmehr suchte er liebevoll, aber doch auch entschieden nach neuen Wegen in die Zukunft.

Traditionen haben eine wichtige Bedeutung, ohne Zweifel. Und die Tradition, die Überlieferung der Kirche ist natürlich auch ein wesentliches Element im Selbstverständnis der Kirche, wenn es darum geht, den Ursprung Jesus Christus nicht aus den Augen zu verlieren. Aber immerhin ist aus seinem eigenen Mund das Wort überliefert: „Neuen Wein muss man in neue Schläuche füllen.“ (Lk 5,38) Es geht darum, in jeder Generation nach den Zeichen der Zeit zu suchen und Wege für die Zukunft zu ebnen, welche die Kraft aus Gottes Reich bezieht, das zu jeder Zeit gegenwärtig ist. Für mich enthalten die beiden Themen dieses Tages eine wichtige Botschaft: Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass durch die Weite des Geistes und die Kraft der Liebe unter den Christen auch ein gemeinsamer christlicher Weg in die Zukunft möglich sein wird.


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Dieser Beitrag wurde am 31.10.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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