Morgenandacht, 30.10.2015

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Vergebung

10 Jahre ist es im Oktober her, dass die 14 jährige Sophie auf dem Fahrrad in der Stadt von einem Raser erfasst wurde und ums Leben gekommen ist. Die Mutter erzählt mir: „Dieser Tag hat unser Leben komplett verändert. Für mich, meinen Mann und unseren jüngeren Sohn war nichts mehr wie es vorher war. Mein Mann tut sich auch heute noch sehr schwer damit, das Geschehene zu nehmen, wie es ist. Er kann diesem betrunkenen Raser einfach nicht vergeben. Ich meine, das ist eigentlich auch unverzeihlich. Aber ohne Vergebung kann die Wunde auch nicht heilen! Ich habe glücklicherweise sehr viel Kraft gefunden in der Hospizarbeit. Eine Freundin hat mich vor einigen Jahren dazu gebracht. In der Begleitung von Sterbenden habe ich erfahren, wie wichtig es ist, auch denen vergeben zu können, die das eigene Leben schwer geschädigt haben. In Gesprächen mit Kriegsteilnehmern und Heimatvertriebenen habe ich sehr viel für mein eigenes Leben lernen können.“

Die Mutter von Sophie beeindruckt mich mit ihrer Haltung. Und ich staune immer wieder darüber, wie viele Menschen aus der Begleitung von Schwerkranken und Sterbenden Entscheidendes für ihr eigenes Leben lernen können – so schwer dieser Dienst auch ist! Ohne Vergebung kann das Leben nicht gut werden: nicht das des Täters, aber auch nicht das der Opfer.

Dieser 30. Oktober erinnert mich in besonderer Weise an das Thema „Vergebung“. Heute vor 10 Jahren wurde die neu errichtete Frauenkirche in Dresden geweiht. Die Ruine dieser Kirche diente viele Jahrzehnte als Mahnmal gegen den Krieg. Durch den Wiederaufbau, den internationale Spenden mit ermöglichten, wurde die Kirche zu einem Symbol für Frieden und Versöhnung. Das Nagelkreuz von Coventry auf dem Altar der Kirche erinnert daran, dass nicht Rache, sondern nur Versöhnungsbereitschaft einen Weg in die Zukunft ebnet. Einige bewusst belassene Relikte der Zerstörung im gesamten Kirchenraum machen aber auch bewusst, dass geschlagene Wunden niemals vergessen werden dürfen, aber durch Vergebungsbereitschaft wenigstens vernarben können.

Das Kuppelkreuz wurde vom Goldschmied Alan Smith hergestellt, Sohn eines britischen Bomberpiloten, der am Angriff auf Dresden beteiligt war. Der Herzog von Kent nannte das Kreuz bei der feierlichen Übergabe im Jahr 2000 ein „Symbol des Leidens und der Versöhnung“. Nichts kann das Leid, das im Krieg über Städte wie Coventry und Dresden gekommen ist, in irgendeiner Weise wiedergutmachen. Aber ohne die innere Bereitschaft, durch Frieden und Versöhnung einen Weg in die Zukunft zu ebnen, können Wunden niemals heilen.

Die Dresdner Frauenkirche ist ein sehr gelungenes Beispiel von Versöhnungsbereitschaft, da gibt es ein großes öffentliches Interesse, da überwiegt eine große internationale Zahl von offenen Herzen und Händen eine kleinere Schar von Kritikern, die sich gegen diesen Wiederaufbau gewandt hat. Im privaten Leben ist es meist sehr viel schwieriger, einen Weg aus den dramatischen Erfahrungen von Leid, Schuld und Tod zu finden und ihn auch zu gehen. Besonders schwer ist es, wenn ich als Geschädigter diese Bewältigungsarbeit alleine leisten soll. Aber wie es eine internationale Nagelkreuzgemeinschaft gibt, die die Schicksale von Coventry und Dresden verbindet, so hilft auch in persönlichen Schicksalen das Teilen von Leiderfahrungen wie im Fall von Sophie. Ihre Mutter schöpft Kraft aus der Vergebungsbereitschaft, die sie in ihren Hospizbegleitungen erlebt. Darin wird deutlich, was Martin Luther King (1929-1968) in seinem Einsatz für Frieden und Versöhnung sagte: „Vergebung ist keine einmalige Sache, Vergebung ist ein Lebensstil.“


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Dieser Beitrag wurde am 30.10.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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