Morgenandacht, 29.10.2015

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Kraftorte

In meinem Urlaub in Griechenland habe ich am Flughafen eine Kapelle entdeckt, die auf einem Hügel erbaut ist. Beeindruckt hat mich zum einen, dass es überhaupt auf dem Flughafengelände eine eigene Kapelle gibt. Na gut, auch im Münchner Flughafen gibt es einen Raum der Stille. Hier kann man ständig Menschen begegnen. Vielleicht beten sie, dass sie heil wiederkommen. Vielleicht vertrauen sie die Menschen, die sie zurücklassen, der Sorge Gottes an. Vielleicht beten sie um gutes Gelingen ihrer Dienstreise. Eine Kirche oder ein Gebetsraum an Orten, an denen man es zunächst nicht erwartet – das ist das eine, das mich hinschauen lässt. Zum anderen hat aber die erhöhte Position dieser Kirche meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die höchste Erhebung auf diesem Flughafen ist nicht etwa der Tower oder der Radar, sondern dieses kleine Gotteshaus auf dem Hügel. Nicht versteckt in irgendeiner Nische des Flughafengebäudes, sondern an höchster Stelle!

Ich fühle mich an die Orte der Gottesbegegnung in der Heiligen Schrift erinnert, die in aller Regel Berge sind: der Berg Horeb oder der Berg Sinai, auf dem Mose die 10 Gebote entgegen nimmt, auf dem er mit Gott im Gespräch ist und bisweilen kämpft, auf dem Elija im leisen Windhauch Gott begegnet; oder im Neuen Testament der Berg der Verklärung oder der Berg der Seligpreisungen am See Genezareth. Gott zu begegnen, erhöht den Menschen! Darum haben die geistlichen Väter und Mütter seit alters her das Gebet die „Erhebung des Herzens zu Gott“ genannt: abheben aus dem Alltag zu Gott – wie mit einem Flugzeug.

Wenn ich mich ins Flugzeug setze, dann freue ich mich immer auf den Moment, wo die Maschine vom Boden abhebt. Ich stelle mir vor, wie ich mit Hilfe der Technik die Schwerkraft überwinde und wie ich alles, was mich manchmal runterzieht, hinter mir lasse. Dann kommen mir die bekannten Zeilen von Reinhard Meys Lied in den Sinn: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen – sagt man – blieben darunter verborgen und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.“

Natürlich kann man nicht immer, wenn einem grade danach ist, in ein Flugzeug steigen und alle Probleme hinter sich lassen. Aber etwas anderes denke ich mir bei der Kapelle am Flughafen: Ich könnte doch immer wiedermal einen Raum der Stille aufsuchen, an dem ich mein Herz über den Alltag erheben oder eben zu Gott erheben kann. Da muss gar nicht immer ein wohl formuliertes Gebet gesprochen werden. Oft genügt schon der stille, der heilige Raum, der mich auf andere Gedanken bringt – mich mit meiner Mitte, mit meinen Kraftreserven in Verbindung kommen lässt. Ein kleines Gedicht von Reiner Kunze steht für mich stets als Einladung über solchen Räumen:

Treten Sie ein, legen Sie Ihre

Traurigkeit ab, hier

 dürfen Sie schweigen[1]

In Regensburg gibt es neben dem Dom eine von außen völlig unscheinbare Kapelle, die Maria-Läng-Kapelle. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen sich dort die Tür in die Hand geben: Passanten, Geschäftsleute und Wirtsleute! Auch ihnen tut es gut, den Alltag einen Moment lang zu unterbrechen.

Seit ich darauf achte, entdecke ich immer mehr „Räume der Stille“. An der Universität Regensburg gibt es einen, im Schalke-Stadion, am Brandenburger Tor. In vielen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen gibt es eine Kapelle – vielleicht nicht am höchsten Punkt, aber dennoch ist sie ein Ort, an dem ich mich entlastet fühlen darf von vielem, was mich niederdrückt. Kranke suchen diesen Ort auf, um dort ihre Situation zu bedenken – warum nicht auch die, die helfen? Dieser Ort lässt mich daran denken, warum und für wen ich meine Arbeit als Krankenhausseelsorger mache und mit welcher Kraft. Es muss kein gemauerter Ort sein, aber es ist gut, seinen persönlichen Kraftort zu kennen!


[1]          R. Kunze, Einladung zu einer Tasse Jasmintee (1967); in: Brief mit blauem Siegel, Leipzig 1974, 29.


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Dieser Beitrag wurde am 29.10.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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