Morgenandacht, 28.10.2015

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Eiferer

Leicht hatten es die Mitglieder im Pfarrgemeinderat nicht mit ihm. Karl-Heinz war ein sehr energischer Typ. Wenn etwas seiner Ansicht nach unvernünftig war, dann konnte er so richtig an die Decke gehen. Im sozialen Bereich und im Naturschutz hatte er so ideale Vorstellungen, dass die Mehrheit sie viel zu anstrengend fand. Karl-Heinz war ein Idealist. Dass seine Ansichten mit dem realen Leben nicht zusammenpassen sollten, das wollte er so nicht hinnehmen. „Einer muss ja auch mal ein bisschen weiter denken“, mit diesem Satz löste er immer ein vernehmliches Raunen bei den anderen aus. Wenn er sich zu Wort meldete, dann hielten einige von den Stilleren schon mal vorsichtshalber die Luft an. Leicht hat er es nicht mit den anderen, und die anderen auch nicht mit ihm. Zwei Wahlperioden versuchte er es, bei der dritten Wahl aber ließ er sich nicht mehr aufstellen. Ich sprach noch mit ihm, aber er meinte: „Ich engagiere mich gerne, aber nur, wenn ich nicht ständig gebremst werde.“ Karl-Heinz, der Eiferer!

Die erste Sitzung nach der Neuwahl war erwartungsgemäß viel ruhiger und harmonischer. Aber schon nach der dritten Sitzung meinte ein anderer laut: „Ohne Karl-Heinz schwimmen wir irgendwie im eigenen Saft!“ Über diesen Satz freute ich mich – und war zugleich traurig, dass einer wie Karl-Heinz nun fehlte. Sein bestechend klarer Blick für die Sachlage und sein kompromissloser Einsatz für die Gemeinde, vor allem für Randgruppen, das hat dem Gremium mehr als gut getan.

Ich denke heute an ihn, weil ich im Heiligenkalender den Apostel Simon mit dem Beinamen „der Zelot“ entdecke. Er trägt diesen Beinamen, weil er wohl ursprünglich der politisch radikalen Bewegung der Zeloten angehörte, die die römischen Fremdherrscher aus Israel mit Gewalt vertreiben wollten. Ich stelle mir vor, dass sein energisches Temperament mit der Bedachtheit Jesu manchmal schlecht zusammenging. Immerhin wollte Jesus auch kein politischer Befreier sein, sondern den Menschen das Reich Gottes verkünden. Nichtsdestoweniger zählte Simon zum auserwählten Zwölferkreis. Zu diesem Kreis gehörten übrigens auch Leute wie Jakobus der Ältere und Johannes, die Söhne des Zebedäus, die den Beinamen „Donnersöhne“ trugen, und nicht zuletzt Petrus, der seine Hand auch mal schnell am Schwert hatte. Wie oft musste Jesus die Ansichten seiner Gefolgsleute korrigieren, dass es nicht seine Art nicht war, mit Gewalt dreinzuschlagen. Gleichwohl kannte auch Jesus den „heiligen Zorn“, mit dem er die Händler aus dem Tempel trieb (Mk 11.15) und die Pharisäer und Schriftgelehrten als Nattern und Schlangenbrut (Mt 23,33) bezeichnete. Jesu Aufforderung zum Friedenstiften war kein Aufruf zur Langeweile. Wenn es um das Reich Gottes ging, also um die gerechte Sache, dann wurde seine Energie sichtbar. Ich denke, genau deshalb wollte Jesus auch handfeste Kerle in seinem Gefolge haben, die deutlich machten, dass das Reich Gottes nicht nur mit Beschaulichkeit herzustellen sei.

Von Simon berichtet die Legenda aurea, dass er in Syrien und Mesopotamien wirkte zusammen mit Judas Thaddäus, der am selben Tag mit Simon verehrt wird. Bei ihrem erfolgreichen missionarischen Wirken seien sie immer wieder zum Vernichten der feindlichen Gewalten aufgefordert worden. Dann sollen sie stets geantwortet haben: „Nicht zu töten, sondern lebendig zu machen sind wir gekommen.“ Mit vollem Einsatz für die eigene Überzeugung kämpfen, das ist nie bequem, aber es führt zu mehr Lebendigkeit und es eröffnet neue Perspektiven. Nicht von ungefähr gilt Judas Thaddäus auch als Patron von Menschen in aussichtslosen Lebenslagen.

Ich möchte heute alle Männer und Frauen vom Typ eines Karl-Heinz ermutigen, sich trotz mancher Widerstände nicht zurückzuziehen. Ihr Einsatz sorgt dafür, dass Leben lebendig bleibt!


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Dieser Beitrag wurde am 28.10.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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