Morgenandacht, 27.10.2015

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Zeit - Leben - Begreifen

Eine Gruppe von verzinkten Eimern steht in meiner kleinen Kirche in Harting am Stadtrand von Regensburg. Eine ganze Menge steht auf dem Boden und dann nochmal einige Eimer auf Stativen etwa einen Meter darüber. Sonderbar!

Es ist ein Kunstwerk, das Werk des Oberpfälzer Künstlers Franz Pröbster Kunzel. Er war zunächst Landwirt und musste sehr früh die Landwirtschaft aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. So widmete er sich der Kunst, die bei ihm immer mit Elementen aus der Natur zu tun hat. In diesem Fall hat er Eimer so angeordnet, dass in die oberen Gefäße Wasser eingefüllt wird, das durch kleine Löcher hindurchrinnt in die unteren Eimer. Die Installation trägt den Titel „Zeit – Leben – Begreifen“. Die autobiografischen Züge sind unverkennbar: Franz Pröbster Kunzel, heute 65 Jahre alt, empfindet sich selbst als einer, der sein Leben lang auf der Suche nach seinem Platz im Leben und seiner Bedeutung ist. In der aktuellen Situation ist diese Bedeutung oft schwer zu erfassen. Aber in der Stille, in der Reflexion, in der Rückschau auf das Leben, wird manches klarer und begreifbarer. In der Zeit, in der das Wasser aus den oberen Eimern in die unteren rinnt wie der Sand in einer Sanduhr, halte ich inne. Ich lausche und erkenne, wer ich gerade bin, wo mein Platz sein könnte, wer ich noch werden möchte.

Als wir als Gemeinde im Rahmen eines Gottesdienstes zum ersten Mal dem Künstler und seinem Kunstwerk begegnen, herrscht eine außergewöhnliche Atmosphäre der Aufmerksamkeit in unserem Kirchenraum. So banal es vielleicht klingen mag, dem durchlaufenden Wasser zu lauschen, so sehr löst der Impuls des Künstlers in vielen Anwesenden etwas aus. Bei einem älteren Ehepaar entdecke ich in der plätschernden Stille plötzlich Tränen in den Augen. Im Gespräch hinterher erzählen die beiden, wie sehr sie das Kunstwerk berührt habe. Vor etwa einem Jahr wurde bei der sehr aktiven Frau ein Gehirntumor festgestellt. Die darauf folgende Operation gelang sehr gut, aber es folgten schwere Wochen und Monate der Rehabilitation. Bewegen, gehen, sprechen, sich selbst versorgen können – all das musste sie mühsam wieder lernen. Dabei hatte sie Glück im Unglück, und dennoch änderte sich das Leben von heute auf morgen für die Frau und ihren Mann, der erst vor kurzem in den Ruhestand getreten war und mit dem sie die neu erlangte Freiheit eigentlich anders genießen wollte. „Es kam ganz anders“, so resümiert sie nach dem Gottesdienst, „aber wir haben unseren neuen Platz nach und nach einzunehmen gelernt. Und jetzt, im Rückblick auf das vielleicht schwierigste Jahr unseres gemeinsamen Lebens, ist mir während dieser Performance bewusst geworden, wie sehr uns dieses Jahr noch einmal zusammengeschweißt hat und wie viele gute Menschen uns zur Seite standen. Im Augenblick selbst bricht dir das ganze Leben weg. Aber aus der Rückschau betrachtet, haben wir ganz viel Leben dabei gewonnen.“

Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard (1813-1855) sagt: „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es vorwärts.“ Was der Philosoph in einem markanten Satz in Worte fasst, drückt der Künstler Franz Pröbster Kunzel durch landwirtschaftliche Gegenstände und scheinbar ganz alltägliche Abläufe aus, in diesem Fall das Plätschern von Wasser. So wie sich beim Lauschen auf dieses Geräusch nicht viel zu ereignen scheint, bleibt auch der Sinn mancher Lebensphasen zunächst im Verborgenen. Wenn ich diese Phasen aushalte und es schaffe, in der Stille noch einmal darauf zu schauen, wenn ich ganz zu mir selbst komme, dann erschließt sich manchmal in einem solchen Moment des Innehaltens ein ganzes Leben. Und in Ehrfurcht staune ich über das, was sich auch in widrigen und scheinbar sinnlosen Phasen an unerwartetem Leben ereignet.


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Dieser Beitrag wurde am 27.10.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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