Morgenandacht, 26.10.2015

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Unterbrechung

Ich bin im Theater – Goethes Faust. Die Premiere habe die Gemüter sehr erhitzt, habe ich gelesen. Aber mir gefällt die Inszenierung. Sie ist modern, sie bringt die Gefühle der Akteure durch den Einsatz von Licht, Musik, Überblendtechnik sehr beeindruckend auf die Bühne. Am Ende des ersten Aktes: Valentin, der Bruder Gretchens, begibt sich in einen heftigen Kampf mit Mephisto. Beide stürzen zu Boden. Ein lauter Schrei. Irgendwie klingt er echt und ich denke mir: Entweder war das ein dermaßen gekonnter Stunt wie bei James Bond oder der Schauspieler hat sich gerade furchtbar wehgetan. Kurz darauf ist Pause, länger als gewöhnlich. Als wir endlich wieder alle unsere Plätze eingenommen haben, betritt eine Dame die Bühne und teilt uns mit, dass der Darsteller des Mephisto tatsächlich ins Krankenhaus gebracht wurde, weil er sich vermutlich bei dem Sturz eine Rippe gebrochen hat. Es sei sehr unangenehm, so etwas sei schon seit Ewigkeiten nicht mehr vorgekommen, aber es ist nun einmal nicht mehr möglich, das Spiel fortzusetzen. Die Schauspieler treten alle auf die Bühne, um sich vorzeitig zu verabschieden. Alle haben ein ernstes Gesicht, aber das Publikum bedankt sich mit einem tosenden Applaus, offensichtlich ganz anders als bei der Premiere. Bei Rausgehen höre ich viele Stimmen: „Schade, ich war so gespannt!“ oder „Ich verstehe gar nicht, warum die Zeitung das Stück so verrissen hat!“ oder „Ich bin ganz erschüttert, der arme Mephisto!“

Show must go on, habe ich immer im Ohr. Diesmal nicht. Die Show geht nicht weiter, sie wird abgebrochen. Ob in der Kneipe am Nebentisch, im Bus auf der Heimfahrt oder am nächsten Tag in der Zeitung – alle diskutieren diese Unterbrechung. Die Show geht nicht weiter. Freilich, in diesem Fall gab es keine Alternative, einer der Hauptdarsteller war verletzt und es stand kein Ersatz hinter der Bühne. Aber ich frage mich, muss immer erst ein Unfall passieren oder gar ein Mensch sterben, bevor tatsächlich alle einmal innehalten und zur Besinnung kommen?

Der Wiener Arzt und Psychotherapeut Viktor E. Frankl (1905-1997) hat einmal gesagt: „Menschliches Verhalten wird nicht von den Bedingungen diktiert, die der Mensch antrifft, sondern von Entscheidungen, die er selber trifft.“ Die Unterbrechung geschehen lassen, wenn es nicht mehr anders geht, ist selbstverständlich. Wenn aber die Menschen hier so viel Mitgefühl und Verständnis zeigen, vielleicht wäre es in anderen Fällen auch zumutbar.

Freilich, für gewöhnlich nicht im Theater während einer Vorstellung. Aber vielleicht geht es sonst im Leben: rechtzeitig eine Pause machen, nicht erst, wenn ich zusammengebrochen bin; rechtzeitig unterbrechen und ein Gespräch im Team suchen, bevor die Atmosphäre vergiftet ist und sich jemand krankschreiben lässt; rechtzeitig in einer Partnerschaft die Situation besprechen, bevor der Scherbenhaufen zu groß geworden ist und nur noch die Trennung möglich scheint. Eine Unterbrechung stört, ist  zunächst unangenehm. Lieber weitermachen, denken viele, Augen zu und durch! Ja, es gehört viel Mut dazu, in einer Situation, die zum Weitermachen drängt, die Entscheidung zu treffen: Stopp! Pause, innehalten und schaun, wie es weitergehen kann. Aber sobald die Entscheidung getroffen ist, werden Kräfte freigesetzt, mit denen vorher keiner gerechnet hat.

Show must go on? Nicht um jeden Preis also. Die Unterbrechung meiner Theatervorstellung hat mich wieder nachdenklich gemacht. Wenn es nicht mehr anders geht, beginnen alle zu denken und das Verständnis ist groß. Ich wünsche mir für diese Woche, dass ich – wenn es notwendig ist – den Mut habe, zu unterbrechen. Und ich wünsche dem verletzten Schauspieler, dass es ihm schon wieder viel besser geht!


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Dieser Beitrag wurde am 26.10.2015 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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